Aufregung in Minsk

Zweifel an Suizid von Lukaschenko-Kritiker

Ausland
05.09.2010 14:04
Der mysteriöse Tod eines oppositionellen Publizisten sorgt im autoritär regierten Weißrussland für Aufregung. Regierungsgegner widersprachen am Wochenende der Version der Staatsanwaltschaft, der Betreiber der wichtigen oppositionellen Internetseite habe Selbstmord begangen. Der 36-jährige Oleg Bebenin (Bild) war am Freitag in seinem Wochenendhaus bei Minsk erhängt aufgefunden worden.

"Weder im Haus, noch am Körper des Toten wurden Spuren eines Kampfes entdeckt", zitierte die Agentur Belapan aus den Ermittlungen von Staatsanwaltschaft und Polizei. Auf dem Boden habe ein umgeworfener Schemel gelegen, teilte Behördensprecher Alexander Daniltschenko mit. Außerdem seien zwei leere Schnapsflaschen entdeckt worden. Nachbarn hätten ausgesagt, niemanden außer Bebenin auf dem Grundstück gesehen zu haben. Nach Behördenangaben hatte Bebenins Schwägerin die Leiche entdeckt, nachdem der Oppositionelle nicht auf Telefonanrufe reagierte.

"Er hatte noch große Pläne"
Weggefährten Bebenins schlossen einen Freitod aus. "Ich glaube nicht an Suizid", sagte etwa der oppositionelle Präsidentschaftskandidat Andrej Sannikow, dessen Mitarbeiter Bebenin war. "Viele Dinge rufen ernste Zweifel hervor. So wurde kein Abschiedsbrief gefunden." Ähnlich äußerte sich Natalia Radina, die mit Bebenin an der Internetseite gearbeitet hatte. "Er war verheiratet, hatte zwei Söhne und noch große Pläne." In der Vergangenheit hatte es in der von Präsident Alexander Lukaschenko mit harter Hand regierten Ex-Sowjetrepublik immer wieder rätselhafte Todesfälle von Journalisten und Bürgerrechtlern gegeben.

Bebenin hatte die Internetseite, die ein wichtiges Sprachrohr der Opposition ist, seit 1998 trotz starken Widerstands der Regierung in Minsk betrieben. Der autoritäre Staatschef Lukaschenko wird von Gegnern als "Europas letzter Diktator" bezeichnet. Immer wieder kommt es in Weißrussland, das als einziges Land Europas noch die Todesstrafe vollstreckt, zu Festnahmen von Regierungskritikern sowie zu Razzien bei Bürgerrechtlern und dem "Verschwinden" von Oppositionellen.

Todesschwadronen unterwegs?
Ermittlungen des Europarates legten vor einigen Jahren nahe, dass mehrere Lukaschenko-Gegner 1999 von einer sogenannten Todesschwadron mit engsten Kontakten zur Staatsführung entführt und ermordet wurden. Der 56 Jahre alte Staatschef will bald den Termin der nächsten Präsidentenwahl bekanntgeben, die noch 2010 stattfinden könnte. Internationale Beobachter hatten Abstimmungen in dem Land stets als undemokratisch kritisiert und beklagen auch diesmal unfaire Bedingungen für die Opposition.

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