Anschlag auf Kirche
Tausende Christen gehen in Ägypten auf die Straße
Hunderte wütende Demonstranten formierten sich am Samstag in mehreren kleinen Gruppen und schleuderten Steine sowie Flaschen gegen die um den Anschlagsort postierten Sicherheitskräfte. Die Sicherheitskräfte schossen mit Tränengas und Gummigeschossen zurück. "Feige Terroristen - das Blut der Kopten ist nicht umsonst" riefen die Demonstranten. Staatschef Hosni Mubarak sprach von "einer abscheulichen Tat", die sich gegen das gesamte Land, Kopten und Muslime, richte. Dieser "blinde Terror" trage die Handschrift "ausländischer" Täter.
Ägyptens Kopten haben dabei allen Grund zur Wut. Der Staat Ägypten, der den Islam als Amtsreligion in der Verfassung verankert hat, benachteiligt sie in vielen Bereichen. Sie dürfen nur selten Kirchen bauen und werden im Staatsdienst gegenüber Muslimen diskriminiert. Während Christen jederzeit zum Islam konvertieren können - und etliche das wegen der strengen Scheidungsbestimmungen der koptischen Kirche auch tun -, ist es für einen Muslim unmöglich, den christlichen Glauben anzunehmen. Aufgeklärtere Kopten kritisieren aber auch die Belagerungsmentalität, den Dogmatismus und die Unduldsamkeit, die sich in ihrer Kirche unter Papst Shenuda III. breitgemacht hätten.
Die Konflikte zwischen muslimischen und christlichen Ägyptern um baulich vergrößerte Gotteshäuser und konvertierte Seelen münden nicht selten in tödliche Gewalt. Doch das Massaker von Alexandria verweist auf eine ganz andere Qualität. Der Anschlag trug auch für Experten deutlich die Handschrift des zur Zeit der US-Besatzung im Irak entstandenen Terrornetzes Al-Kaida.
Anschläge angekündigt
Hinzu kommt, dass die Organisation "Islamischer Staat des Iraks" bereits vor einer Woche Anschläge gegen Christen im gesamten arabischen Raum angekündigt hatte. Der Al-Kaida-Ableger hatte sich ausdrücklich auf einen der gegenwärtig schwelenden Glaubenskonflikte in Ägypten bezogen. Die Affäre ist ebenso undurchsichtig wie bizarr: Zwei mit Priestern verheiratete Christinnen waren zum Islam konvertiert, um sich von ihren Männern scheiden zu lassen, würden aber seitdem angeblich von der Kirche in "Geiselhaft" gehalten. Der "Islamische Staat" verlangt die "Freilassung unserer muslimischen Schwestern".
Auch im letzten Oktober, als Terroristen in einer christlich-assyrischen Kirche in Bagdad fast 60 Gläubige niedergemetzelt hatten, hatte die irakische Al-Kaida das Blutbad als "Vergeltung" für das angebliche Festhalten der beiden ägyptischen Neu-Musliminnen dargestellt. Harte Beweise für die Urheberschaft der Al-Kaida am Anschlag von Alexandria lagen zunächst keine vor. Doch der Schritt, die Zone des Terrors international auszuweiten, erscheint nicht unlogisch.
Gotteskrieger expandieren
Die selbsternannten Gotteskrieger expandieren. Denn im Irak selbst, von wo sich das US-Militär in Vereinbarung mit der gewählten Regierung mehr und mehr zurückzieht, verlieren die selbst erklärten Gotteskrieger zunehmend an Boden. Daher suchen sich die Terroristen immer häufiger Ziele aus, die jenseits der irakischen Grenzen liegen, um so bei radikalen Islamisten wieder Punkte zu machen.
International löste der Anschlag Bestürzung und Abschaum aus. US-Präsident Barack Obama erklärte, dass diejenigen, die für das Attentat auf die Besucher der christlichen Kirche verantwortlich seien, müssten für "diese barbarische und abscheuliche Tat" zur Rechenschaft gezogen werden. Die Täter hätten keinen Respekt vor Menschenleben oder -würde, teilte Obama in einer Stellungnahme mit. Der "Koordinationsrat für die Islamischen Vereine in Österreich" (ISKORAT) hat das "verbrecherische Attentat gegen unsere christlichen Mitbürger in Ägypten" auf das Schärfste verurteilt. "Ein derartiges Selbstmordattentat kann in keiner Weise vom Islam legitimiert werden" hieß es in einer am Samstag übermittelten Erklärung. Darin wird auch darauf hingewiesen, dass von den mindestens 21 Todesopfern des Anschlags acht Muslime waren.
Der Bischof der koptisch-orthodoxen Kirche in Österreich, Anba Gabriel, hat sich am Samstag gegenüber "Kathpress" tief betroffen über den Anschlag in Alexandria gezeigt. Er wies auf die benachteiligte Situation der Kopten in Ägypten hin. Bei dem Vorfall seien grundlos Unschuldige verletzt und getötet worden, sagte der Bischof. Er kündigte einen Trauergottesdienst für die Opfer im Jänner an; angedacht sei auch eine europaweite Demonstration gegen die Diskriminierung von Kopten bzw. die Gewalt gegen sie an. "In Ägypten werden Kopten verfolgt", betonte Bischof Gabriel. Dies sei auch den Menschen in Österreich noch zu wenig bewusst.
In Österreich lebende Kopten auf "Todesliste"
Vor rund einer Woche war eine sogenannte "Todesliste" im Internet bekanntgeworden, auf der auch Namen von in Österreich lebenden Kopten zu finden gewesen waren. "Wir sind in Gottes Hand, Gott wird uns schützen", hatte Bischof Gabriel damals gegenüber "Kathpress" erklärt. Seitens des Innenministeriums wurden entsprechende Sicherheitsmaßnahmen getroffen. Auch nach dem jüngsten Attentat in Ägypten lebe man "normal" weiter, aber doch "mit Vorsicht", so der Bischof.
Auch der Nuntius in Kairo, Erzbischof Michael Fitzgerald, verurteilte das Attentat. Der Papst habe in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag betont, religiöse Freiheit sei eine Voraussetzung für Frieden: "Wir sehen, dass dies so ist. Denn wenn Gemeinden nicht in der Lage sind, in friedlichen Verhältnissen in Ruhe zu feiern, dann wird es keine Ruhe in der Gesellschaft geben", so der Erzbischof im Gespräch mit "Radio Vatikan". Der Nuntius sprach der koptisch-orthodoxen Gemeinde im Namen aller Christen und besonders im Namen der Katholiken tiefes Mitgefühl aus.
Tausende bei Begräbnis der Opfer
Am Samstag nahmen tausende Menschen an der Beisetzung der 21 Opfer teil. Mindestens 5.000 Trauernde kamen zu der Zeremonie im Kloster Marmina in King Mariut, einem Vorort von Alexandria. Wütend unterbrachen die Trauernden den Sekretär von Kopten-Papst Shenuda III., Bischof Juanes, als er das Beileid von Staatschef Hosni Mubarak übermitteln wollte. "Nein, nein, nein", skandierte die Menge aufgebracht.







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