Kaczynski-Tod

Proteste gegen Beisetzung im “Grab der Könige”

Ausland
15.04.2010 08:28
Die Proteste gegen die geplante Beisetzung des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski und seiner Frau Maria auf der Wawel-Burg in Krakau weiten sich aus. In Krakau demonstrierten am Mittwochabend rund 2.000 Menschen gegen die Entscheidung der Krakauer Kirchenbehörden. Sie trugen Transparente mit Aufschriften wie "Wawel gehört den Königen" und "Wawel vor Schändung bewahren". Auch in Warschau und Breslau gab es Demos gegen die Wahl der ehemaligen Königsresidenz als Grabstätte für das Präsidentenpaar.

Der Präsident und die First Lady sollen am Sonntag in einer Krypta der Wawel-Kathedrale neben Jozef Pilsudski beigesetzt werden. Der Politiker und Kriegsherr, der nach dem Ersten Weltkrieg entscheidend zur Wiederherstellung des unabhängigen polnischen Staates beigetragen hat, gilt als eine der größten Persönlichkeiten seines Landes im 20. Jahrhunderts. Die Kathedrale diente seit dem Mittelalter als nationale Grabstätte für Monarchen, berühmte Staatsmänner und Nationaldichter.

Gegen die Burg als letzte Ruhestätte für Kaczynski gibt es seit Tagen Proteste. "Ist er wirklich eines Königs würdig?", stand etwa auf einem Schild, das die Demonstranten in die Höhe hielten. Einige skandierten "Nein zu Wawel" und forderten, das Präsidentenpaar stattdessen auf dem historischen Powazki-Friedhof in Warschau beizusetzen. Damit machten sie deutlich, wie umstritten der rechtskonservative Politiker zu Lebzeiten wegen seiner Amtsführung war. "Ich glaube, dass die Gesellschaft die Entscheidung mit Verständnis aufnehmen wird", hatte dagegen der Krakauer Erzbischof Kardinal Stanislaw Dziwisz bei der Bekanntgabe des Bestattungsortes noch gemeint.

Der weltbekannte polnische Filmregisseur Andrzej Wajda sprach sich gegen eine Beisetzung im Wawel aus. "Lech Kaczynski war ein guter und bescheidener Mensch", schrieb Wajda in einem Brief, den die Zeitung "Gazeta Wyborcza" am Mittwoch auf ihrer Internetseite veröffentlichte. Es gebe allerdings keinen Grund, dass er die letzte Ruhe auf dem Wawel finden solle. Wajda warnte ausdrücklich vor Protesten und einer tiefen Spaltung der Nation. Der Regisseur rief die Krakauer Kirchenbehörden auf, diese "durchaus unglückliche" Entscheidung rückgängig zu machen.

An der Trauerfeier wollen auch zahlreiche ausländische Staatsgäste teilnehmen, darunter US-Präsident Barack Obama, der französische Staatschef Nicolas Sarkozy, Russlands Präsident Dmitri Medwedew und aus Deutschland Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie Bundespräsident Horst Köhler. Aus Österreich kommt Bundespräsident Heinz Fischer, wie sein Sprecher Bruno Aigner sagte. 

Präsidentenpaar in Warschau aufgebahrt
Vor dem Präsidentenpalast in der polnischen Hauptstadt, wo seit Dienstag die sterblichen Überreste von Kaczynski und seiner Frau Maria aufgebahrt sind, harren zahlreiche Menschen in der Kälte aus, um dem Präsidentenpaar die letzte Ehre zu erweisen. Die Schlange ist oft bis zu einen Kilometer lang, die Wartezeit beträgt bis zu zehn Stunden. Viele Trauernde bekreuzigen sich vor den Särgen und legen Blumen nieder.

Auch Regierungschef Donald Tusk erwies Kaczynski und seiner Frau die letzte Ehre, indem er im Präsidentenpalast eine Totenwache hielt. Vize-Regierungschef Waldemar Pawlak und andere Kabinettsmitglieder begleiteten den Ministerpräsidenten. Tusk und Lech Kaczynski waren politische Gegner. Vor fünf Jahren hatten sich beide Politiker um das Präsidentenamt beworben.

"Elite der Nation" bei Absturz getötet
Beim Flugzeugunglück im russischen Smolensk am vergangenen Samstag waren außer Kaczynski und seiner Frau 95 weitere Spitzenpolitiker, Geistliche, Militärs und Staatsbeamte ums Leben gekommen. Die Insassen der Präsidentenmaschine waren auf dem Weg zu einer Gedenkfeier im westrussischen Katyn, wo im Zweiten Weltkrieg polnische Offiziere von den Sowjets bei einem Massaker getötet wurden.

Ein Großteil der Opfer wurde inzwischen identifiziert. Bisher habe die Identität von insgesamt 64 Toten geklärt werden können, sagte ein Sprecher des russischen Katastrophenschutzministeriums der Nachrichtenagentur ITAR-TASS.

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