Online-Rennspiel

“The Crew”: Raser-Rundreise durch die USA im Test

Spiele
16.12.2014 10:41
Ubisoft schickt Rennspiel-Fans in "The Crew" ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die gesamten USA bilden – in verkleinerter Form – die Kulisse für eine der interessantesten Rennspiel-Ideen des Jahres. Ohne einen Ladebildschirm zu sehen, düst der Spieler darin auf Wunsch von West- zu Ostküste und erkundet die gewaltige Spielwelt. Das ist beeindruckend, allerdings lahmt der Online-Renner an anderer Stelle. Woran es fehlt, klärt unser Test.

So viel vorweg: So schön wie in "The Crew" wurde aus unserer Sicht bislang noch keine Rennspiel-Welt umgesetzt. Die verkleinerte Nachbildung der USA, in der Ubisofts Rennspiel-Hoffnung spielt, überzeugt mit schierer Größe, schönen Details, Sehenswürdigkeiten mit Wiedererkennungswert und ausgesprochen abwechslungsreichen Landschaften. Schneebedeckte Berge, dürre Ebenen, üppige Wälder, glitzernde Metropolen – hier ist für jeden etwas dabei, der gebotene Stoff reicht für stundenlange Entdeckungsreisen.

Ausgelutschte Undercover-Story
Da ist es schade, dass "The Crew" in dieser üppigen Welt keine allzu spannende Handlung erzählt. Die Story rund um den Rachefeldzug des verdächtig nach Gordon Freeman aussehenden Helden Alex Taylor in Kurzform: Ihm wird der in Wahrheit von einer Auto-Gang begangene Mord an seinem Bruder angelastet und er geht ins Gefängnis. Nach fünf Jahren folgt das Angebot des FBI, die Auto-Gang mit den Schuldigen als Ermittler zu infiltrieren, den Mörder des Bruders zu stellen und im Gegenzug aus dem Gefängnis zu kommen. Ähnliches kennt man von der "Driver"-Reihe, aus diversen "Need for Speed"-Teilen und aus "The Fast and the Furious". Prädikat: Ausgelutscht.

Gewaltige Spielwelt voller Herausforderungen
Zum Glück verlässt sich "The Crew" nicht primär auf seine Handlung, um Spieler an den Bildschirm zu fesseln. Diese Aufgabe erledigt das Gameplay, das es tatsächlich schafft, trotz des dünnen Story-Süppchens für eine gewisse Langzeitmotivation zu sorgen. Das geschieht einerseits durch relativ abwechslungsreiche Story-Missionen, bei denen mal ganz klassische Rennen von A nach B absolviert werden, mal die Autos flüchtender Gegner zu Schrott gefahren werden.

Hie und da eine Botenfahrt unter Zeitdruck, gelegentlich müssen Hindernisse möglichst schnell zerstört werden. Zwischendurch warten überall in der Welt Mini-Missionen darauf, absolviert zu werden, und in der Spielwelt versteckte Autos auf ihre Entdeckung. All das findet mal im Gelände, mal auf der Straße statt. Auch wenn sich der Missionsaufbau in "The Crew" mit der Zeit wiederholt, sorgt das Game doch für vergleichsweise viel Abwechslung.

"The Crew" ist ein Fest für Tuning-Fans
Motivierend kommt hinzu, dass "The Crew" ein Hit für Tuning-Fans ist. Während sich die Zahl der Autos – rund 40 verschiedene Vehikel der Kategorien US-Straßenkreuzer, Supersport- und Geländewagen stehen bereit – in Grenzen hält, sind die Tuning-Möglichkeiten enorm. Der Spieler darf die Autos mit verschiedenen Fahrgestellen für Rennen auf der Straße, im Gelände oder auf Hochgeschwindigkeitsstrecken ausrüsten.

Zusätzlich werfen gewonnene Rennen jede Menge neue Teile ab. Manche davon – Spoiler, Aufkleber, Lackierungen – wirken sich optisch aus, andere steigern die Performance des eigenen Flitzers. Die Folge: "The Crew" lädt zum fröhlichen Hochrüsten ein, wodurch dem Spieler sein Flitzer mit jedem neuen Teil immer mehr ans Herz wächst. Pfui: Faule Spieler können Teile und Autos auch durch Echtgeld-Zahlungen freischalten. Das ist nicht nötig und nichts weiter als bezahltes Cheaten. In einem Vollpreis-Game ist das unserer Ansicht nach unangebracht.

Gewöhnungsbedürftiges Fahrverhalten
Reichlich abwechslungsreicher Missionsnachschub und ein motivierendes Tuning-System – spielerisch macht "The Crew" vieles richtig, was über die seichte Story ein wenig hinwegtröstet. Ein paar Schnitzer leistet man sich allerdings trotzdem. Der größte: das Fahrverhalten von "The Crew". Dass es sehr Arcade-lastig rüberkommt und man sich nicht zu viel Realismus davon erwarten sollte, hat uns dabei gar nicht so sehr gestört. Das schwammige Fahrgefühl und ein Handling, wie wir es aus "GTA"-Games kennen, bei denen das Autofahren nur Beiwerk ist, hingegen schon. Mit der Zeit kann man dank neuen Tuning-Teilen zwar ein wenig in die gewünschte Richtung gegensteuern, grundsätzlich ist das schwammige Fahrverhalten der Boliden aber nicht die große Stärke von "The Crew".

Dafür bleibt es trotz seiner Größe schön übersichtlich: Auf einer Karte wählt der Spieler Missionen an, setzt einen Wegpunkt und fährt einfach der blauen Navigationslinie über seinem Kopf hinterher. Eine Schnellreisefunktion verhindert, dass ein Trip von der West- zur Ostküste gar zu lang dauert. Das ist notwendig: Wer von einem Ende der Spielwelt zum anderen fahren will, kann schon mal über eine Stunde unterwegs sein – und wird sich dabei mehr als nur einmal über Gegenverkehr ärgern.

Sehr hübsch in Szene gesetzte Spielwelt
Im Test hinderten uns die langen Wegstrecken freilich nicht daran, den einen oder anderen Road Trip durch die Staaten zu unternehmen und einfach mal die Spielwelt und die Optik von "The Crew" zu bewundern. So viel sei gesagt: Angesichts ihrer schieren Größe sieht die Spielwelt entzückend aus. Die Landschaften, durch die der Spieler brettert, wurden mit viel Liebe zum Detail gestaltet und warten sogar mit Tieren und reichlich anderem Zierrat auf. US-Sehenswürdigkeiten verleihen den einzelnen Regionen Wiedererkennungswert.

Gelungene Lichteffekte, ein dynamischer Wechsel zwischen Tag und Nacht, ausreichend scharfe Texturen und hübsche Reflexionen sorgen dafür, dass "The Crew" optisch einen guten Eindruck hinterlässt. Die Auto-Modelle sind detailliert, Tuning-Teile werden gut erkennbar in die Autos integriert. Es gibt verschiedene Kameraperspektiven: zwei Außenperspektiven, eine First-Person-Ansicht, eine Motorhauben-Kamera und sogar eine Cockpit-Perspektive. Schade ist dabei vor allem, dass in der Cockpit-Perspektive die Rückspiegel nicht funktionieren. Und auch Wettereffekte haben wir beim Testen ein wenig vermisst.

Cooler Soundtrack, bemühte Sprachausgabe
Restlos überzeugen kann auch der Sound von "The Crew" nicht. Das liegt nicht am Soundtrack: Das Spiel bietet verschiedene Radiosender und lässt den Spieler während seiner Reise dazwischen hin- und herwechseln. Die musikalische Bandbreite ist groß, für die meisten Geschmäcker sollten sich adäquate Stücke finden lassen. Die Soundeffekte – und hier besonders die Motorengeräusche – überzeugen ebenfalls. Bei der Sprachausgabe wirkt "The Crew" in der deutschen Version hingegen bestenfalls bemüht, was daran liegen kann, dass man versucht hat, die Handlung durch die Verwendung von Gangstersprache aufzuwerten, diese bei der Übersetzung aber bisweilen an Authentizität verloren hat.

Online-Zwang mit stabilen Servern
So wichtig ist die Sprachausgabe aber auch gar nicht, schließlich ist die Einzelspielerhandlung nur für einen Teil des Umfangs von "The Crew" verantwortlich. Als mindestens ebenso wichtig betrachtet man bei Ubisoft die Mehrspieler-Komponente, die im Vorfeld der Veröffentlichung als Herzstück des Spiels angepriesen wurde. Ein Auto-MMO sollte "The Crew" werden. Ein Rennspiel mit Online-Zwang und in die offene Spielwelt integrierten Mehrspieler-Modus ist es geworden. Ohne eine Verbindung zu Ubisofts Servern und ein Uplay-Konto läuft "The Crew" nicht. Die Serverstabilität ist uns dabei positiv aufgefallen: Seit der Veröffentlichung kam es nur vereinzelt zu Problemen, meist läuft alles stabil. So hätten wir uns das vor ein paar Wochen auch bei "Driveclub" gewünscht.

Ein Multiplayer-Rennspiel, aber kein MMO
Schade ist allerdings, dass die versprochene MMO-Komponente kaum bis gar nicht zur Geltung kommt. Das fängt damit an, dass im Grunde jeder Spieler mit dem gleichen Charakter, also Alex Taylor, durch die Welt flitzt, man in der auf einer Vielzahl von Servern parallel laufenden Welt nur selten auf andere Spieler trifft und diese bei einem Aufeinandertreffen kaum von Nutzen sind. NEinzelspieler-Kampagne bestreitet oder andere Crews zum Duell herausfordert, macht durchaus Laune. Dass man seine Crew nicht durch gemeinsame Logos oder Lackierungen gestalten darf, schmälert die Freude aber.

Um sich wirklich MMO schimpfen zu können, hätte "The Crew" zudem mehr gebraucht – zum Beispiel eine Möglichkeit, mit gewonnenen Autoteilen Handel zu treiben, und mehr Interaktionsmöglichkeiten mit anderen Spielern. Im Test trafen wir in Gebieten mit hoher Missionsdichte zwar immer wieder auf menschliche Spieler, viel mehr als sich gegenseitig von der Straße zu rammen, haben die aber selten getan. Und wer in der Pampa unterwegs ist, trifft kaum auf andere Spieler und fragt sich, warum er denn nun um jeden Preis online sein muss. Für Spieler-gegen-Spieler-Rennen gibt's zwar eigene Arenen, die machen das Spiel aber auch nicht mehr zum MMO. Am Ende bietet "The Crew" zwar einen unterhaltsamen Mehrspielermodus, der insbesondere kleine Freundesgruppen ansprechen dürfte, der Begriff MMO ist aber übertrieben. Vor allem in der Kampagne hatten wir nie das Gefühl, von der Online-Anbindung zu profitieren.

Fazit: "The Crew" hält nicht, was es verspricht, ist aber trotzdem kein schlechtes Rennspiel. Das versprochene MMO ist es zwar nicht geworden, ein unterhaltsames Open-World-Rennspektakel mit einer beeindruckenden Spielwelt, Langzeitmotivation und stabilen Servern aber allemal. Die gelungene Replik der USA voller Leben macht es interessant, die Tuning-Optionen und abwechslungsreichen Herausforderungen auf Straßen und Gatschpisten verleihen Würze. Das gewöhnungsbedürftige Fahrverhalten, der Einbau von Mikrotransaktionen ins Vollpreis-Spiel und kleinere Mankos wie die leeren Rückspiegel der Cockpit-Perspektive halten es aber davon ab, in höhere Wertungsregionen vorzustoßen.

Plattform: PC, PS4 (getestet), Xbox One
Publisher: Ubisoft
krone.at-Wertung: 7/10

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