Mi, 22. November 2017

Schneller Leben

02.05.2017 23:12

BMW 540i: Perfekter Luxus für die Überholspur?

Der wird doch nicht?! Doch, er wird! Als ich den zweiten Satz denke, stehe ich längst auf dem Bremspedal des BMW 540i xDrive, während die Mercedes-C-Klasse immer weiter Richtung Überholspur wechselt. Knapp, unvorhergesehen und unaufhaltsam. Die trockene Erde des Grünstreifens staubt, während ich gerade noch so zwischen Leitplankenblech links und Autoblech rechts leicht schlingernd durchschlüpfe. Ein Leben auf der Überholspur birgt manchmal Überraschungen.

Der Pensionist am Steuer, neben sich wohl seine Gattin, scheint das alles nicht mitbekommen zu haben. Seine Wahrnehmung scheint immer nur kurzzeitig, im Abstand von mehreren Sekunden zu funktionieren. Wahrscheinlich ist das der Grund dafür, dass er bereits die rechte Spur verließ, als er am Horizont einen Lastwagen ahnte. Schwer berechenbar, so etwas. Blöd, wenn man mit 250 km/h dahergeschossen kommt.

Was mir das Adrenalin dabei ein wenig steigen ließ, war dabei allerdings auch das Verhalten meines Fünfers, der - trotz Fahrwerk & Co auf Sport-Modus - nur mit Mühe auf Kurs zu halten war. Ein künftiger M5 wird präziser reagieren, wohl auch schon der M550i.

Was zeigt uns das? BMW legt in der Business Class mehr und mehr Wert auf Komfort. Mit Erfolg, denn unter normalen Umständen fühlt sich der Münchner ebenso komfortabel wie verbindlich an. Luftfederung? Pff, so etwas sollen sie in Stuttgart einbauen. Nach wie vor ist "Freude am Fahren" der Slogan, der mit Leben zu füllen ist; daher bieten die Bayern lieber optional Allradlenkung an (über die mein Testwagen nicht verfügt) und stellen die sportlichere Alternative im Umfeld von E-Klasse und A6.

Interessant wäre gewesen, wie der "Driving Assistant Plus" reagiert hätte, also die teilautonome Fahrfunktion. Allerdings arbeitet der Assistent nur bis Tempo 210, außerdem hält sich mein Vertrauen in Grenzen. Warum? Ganz einfach: Wenn es heikel wird (oder die Elektronik einfach nicht mehr mitkommt), schleicht sich der unsichtbare Fahrer-Automat ganz gerne ohne Vorwarnung. Dann wird lediglich das kleine Lenkradsymbol am Tacho- sowie im Head-up-Display grau statt grün und das Ding schaltet ab. Der Fahrer merkt das erst, wenn das Auto Dinge tut, die es nicht tun sollte, etwa Linien überfährt oder Richtung Leitplanke zieht. Die Farbänderung kriegt man nicht mit - schließlich will man ja nicht ständig auf die Anzeigen starren. Darf man auch nicht, Vernunft und Gesetz gebieten, auf den Verkehr zu achten.

Es lebe der Sechszylinder
Aber BMW und autonomes Fahren verträgt sich in meinen Augen sowieso nicht, jedenfalls solange sie ihren Slogan noch ernst nehmen. Wer hier vorn links im Fünfer Platz nimmt, will doch dem Sechszylinder selber die Sporen geben! Auch wenn das 340-PS-Triebwerk die Limousine (trotz sportlicher Fahrleistungen) nicht zum Sportler macht wie etwa den BMW M240i, sondern einfach zu einem adäquat motorisierten Luxus-Auto. Der Standardsprint gelingt in 4,8 Sekunden, weil der serienmäßige Allradantrieb aus dem Stand voll losfeuert, maximal lässt die elektronische Leine 250 km/h zu, die zügig erreicht werden. Mit 450 Nm ab 1380/min. muss man auch nicht zwingend die hohen Drehzahlen bemühen. Dennoch fühlt sich das Pendant mit dem Sechszylinder-Diesel (530d xDrive) souveräner an.

Sportler oder nicht Sportler
Der Motor des BMW M240i xDrive ist trotz nominell gleicher Leistung übrigens etwas anders ausgelegt und weist ein maximales Drehmoment von sogar 500 Nm auf, das bei 1520/min. anliegt. Der 100er steht nach nur 4,4 Sekunden auf der Uhr (Heckantrieb ist auch erhältlich, dann dauert's zwei bis vier Zehntel länger). Bei dem kleinen Coupé beantwortet sich die Frage nach dem Sportler von selbst, es ist insgesamt straffer ausgelegt und zudem mit 1540 kg Leergewicht (ohne Fahrer) 120 kg leichter (Hecktriebler weitere 55 kg). Den 540i gibt's ausschließlich allradgetrieben und mit Achtgangautomatik.

Gegen Aufpreis spielt er alle Stückln
Der Testwagen kommt auf 117.000 Euro. Wer weiß, dass der Basispreis für den BMW 540i xDrive bei 69.800 Euro liegt, kann den Umfang der Sonderausstattung erahnen. Manches ist sinnvoll, manches unsinnig, kommt aber im Paket mit. Zum Innovations-Paket um gut dreieinhalbtausend Euro gehören nicht nur das tolle Navi oder das großartige Head-up-Display, sondern auch die nutzlose Gestensteuerung, die kein Mensch braucht und die man nach ein paar Mal ausprobieren schlicht vergisst. Ansonsten ist BMW in Sachen Bedienung aber weiterhin das Maß der Dinge (auch die Gestensteuerung kann keiner besser).

Akustisch ein Genuss ist das "Bowers & Wilkins Diamond Surround Sound System", das hier sogar eine TV-Funktion hat. Apple Car Play ist auch dabei, aber zumindest mit meinem iPhone 6S nicht brauchbar. Die Musikübertragung setzt alle paar Sekunden aus. Ohne Apple Car Play, klassisch via Bluetooth, gibt es kein Problem.

Unterm Strich
Obwohl der 5er-BMW weiterhin ein Abonnements-Kandidat für die Überholspur auf deutschen Autobahnen ist, muss der Fahrer die Lichthupe noch immer selbst bedienen, auch wenn adaptive LED-Scheinwerfer an Bord sind. Und das ist gut so, denn man muss auch im derzeit zweitstärksten angebotenen 5er nicht rasen, sondern kann sich höchst kommod und dennoch zügig fortbewegen. Das Auto hält dabei unzählige Augen offen, zeigt mehrere Kameraperspektiven und warnt vor allerlei Obstakulärem. Sogar Vorfahrtsregelungen werden erkannt, daher gibt es sogar eine Warnung, wenn man an eine Stoppstelle kommt. Muss man nicht haben - es sei denn, man ist unterwegs wie der C-Klasse-Fahrer von oben und muss seine Wahrnehmungslücken überbrücken.

Warum?

  • Sportlich orientierte Business Class
  • Die Bedienung von Navitainment & Co beherrscht kein Hersteller so gut wie BMW.

Warum nicht?

  • Weil der M550i sportlicher ist.

Oder vielleicht …

… Audi A6, Mercedes E-Klasse, je nach Fasson.

Stephan Schätzl
Redakteur
Stephan Schätzl
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