Der Wahlausgang in Graz hat ein Ergebnis gebracht, das nicht der Mehrheit entspricht. Die eigentliche Nachricht dieses Wahlsonntags ist: Graz hat sich mehrheitlich vom Stimmzettel verabschiedet. Bei einer Wahlbeteiligung von knapp über 50 Prozent müssen wir uns fragen, ob wir überhaupt noch von einer breiten demokratischen Legitimation sprechen können. Wenn mehr als die Hälfte der Bevölkerung zu Hause bleibt, wählt die schweigende Mehrheit den politischen Stillstand oder schlicht das Desinteresse. Wer geht überhaupt noch wählen? Die Daten und die extreme Hitzewelle am Wahlwochenende zeigen es deutlich: Mobilisieren ließen sich vor allem die Kernwählerschaften. Die KPÖ konnte ihre verankerte Basis mobilisieren, während andere Parteien – insbesondere jene mit älteren Stammwählern wie ÖVP und SPÖ – mit der Hitze und der allgemeinen Politikverdrossenheit zu kämpfen hatten. Doch das Phänomen geht tiefer als das Wetter. Wählen gehen zunehmend jene, die politisch interessiert, ideologisch fest verortet oder die von Geschenken der KPÖ profitieren. Der Schuldenstand der Stadt steigt, die Wirtschaft verliert. Die große Masse der Frustrierten, der Jungen und derer, die sich vom System nicht mehr abgeholt fühlen, bleibt unsichtbar im Nichtwähler-Lager. Es ist ein Alarmzeichen für alle Parteien, wenn der Gang ins Wahllokal für die Mehrheit der Grazerinnen und Grazer an Relevanz verliert. Demokratie lebt vom Mitmachen, nicht vom Zuschauen. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, entscheiden bald Splittergruppen und Kleinst-Milieus über die Zukunft unserer Stadt. Das kann niemand wollen – weder die Gewinner noch die Verlierer dieser Wahl.
Josef Engelbogen, Graz
Erschienen am Di, 30.6.2026
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