Österreich ist eines der schönsten, reichsten und sichersten Länder der Welt, und die Lebensqualität ist so hoch wie kaum woanders. Selbstzufriedenheit in Wohlfühlatmosphäre macht sich breit und verstellt den Blick für Umstände, die uns nachdenklich stimmen sollten. Wie kann es sein, dass immer mehr Menschen auf Sozialmärkte und Lebensmitteltafeln angewiesen sind? Weil sich die Einkommensschere immer weiter öffnet und trotz aller politischen Ankündigungen keine Maßnahmen gegen die schleichende Verarmung ergriffen werden. Die Betroffenen haben keine lautstarke Lobby, die gegen diese beschämende Entwicklung auftritt und für namhafte Verbesserungen sorgt. Wie kann es sein, dass trotz Schulpflicht und sehr viel Geld für das Bildungswesen ein nicht geringer Prozentsatz der Schulabgänger weder sinnerfassend lesen noch schreiben können und auch die Grundrechenarten nicht beherrschen? Weil das Bildungswesen parteipolitisch dominiert wird, weil die Lehrergewerkschaft zu mächtig ist, um notwendige Verbesserungen zuzulassen und weil die Interessen der Schüler und Eltern nachrangig sind. Und wie kann es sein, dass ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss nahtlos an den letzten anschließt und kaum Folgewirkungen nach sich zieht? Weil hier nach dem Prinzip „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“ agiert wird. Weil die Ergebnisse aus den Untersuchungsausschüssen keine Veränderung der politischen Moral bewirken. Die Inszenierung in den Ausschüssen ist wichtiger als der Inhalt. Unser Land ist Weltmeister in Ankündigungen und Absichten. Oberste Prämisse ist: Man sollte, man müsste und man könnte. Das genügt scheinbar, denn die wirklich notwendigen Maßnahmen zur Zukunftsgestaltung werden wegen der zu erwartenden Auswirkungen vermieden. Veränderungsbereitschaft ist nicht unsere Stärke.
Franz Peer, Linz
Erschienen am Fr, 23.4.2021
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