04.04.2007 15:12 |

Von wegen harmlos

Alkohol und Zigaretten schlimmer als Ecstasy

Britischen Wissenschaftlern zufolge sind Alkohol und Tabak gefährlicher als Cannabis und Ecstasy. Dies geht aus einem Ranking von legalen und illegalen Rauschmitteln hervor, in dem sowohl die körperlichen und sozialen Folgen des Missbrauchs als auch das Suchtpotenzial der Drogen berücksichtigt wurde.

In Übereinstimmung mit früheren Studien stufen die Wissenschaftler Heroin, Kokain und die Schlafmittel der Wirkstoffklasse der Barbiturate sowie Methadon als die gefährlichsten Betäubungsmittel ein. Bereits auf Rang fünf folgt Alkohol, der vor allem wegen der körperlichen Langzeitschäden und der bedeutenden sozialen Folgen so weit vorne rangiert.

Von den 20 untersuchten Rauschmitteln rangiert Alkohol an 5., Tabak an 9., Cannabis an 11. und Ecstasy an 18. Stelle. Das bedeutet aber nicht, dass Cannabis oder Ecstasy nicht schädlich und gefährlich wären.

Suchtfolgen
Zu den körperlichen Schädigungen gehören Vergiftungserscheinungen wie etwa Atemnot nach dem Konsum von Heroin. Langfristiger Konsum kann zudem zu chronischen Krankheiten wie Lungenschäden durch Rauchen führen. Beim Spritzen von Drogen in die Blutbahn schließlich könnten Erreger wie Hepatitis- oder HI-Viren übertragen werden - was für das Individuum und die Gesellschaft schwerwiegende Folgen habe, schreiben die Mediziner.

Andere Stoffe erzeugten dagegen körperliche oder psychische Abhängigkeit. Als extrem körperlich abhängig machend beurteilen die Mediziner das im Tabak enthaltene Nikotin und das aus Kokain hergestellte Crack. Bei einer psychischen Abhängigkeit, etwa von Cannabis-Produkten, gebe es ein ähnlich starkes Verlangen nach einer Substanz, aber keine unmittelbaren oder nur kurz anhaltende Entzugserscheinungen.
Zu den sozialen Auswirkungen des Drogenkonsums gehören die vielfältigen Folgen des Rauschs, wie etwa Schlägereien oder Unfälle unter Alkoholeinfluss. Drogenkonsum verändere auch das Verhältnis der Konsumenten zu ihrer Familie, sagen die Mediziner, und er verursache immense Kosten für das Gesundheits-, Sozial- und Strafverfolgungssystem.

Um eine umfassende Gefahrenrangliste erstellen zu können, mussten die Wissenschaftler Vereinfachungen in Kauf nehmen. Sie konnten beispielsweise nicht berücksichtigen, dass die Auswirkungen der meisten Drogen sehr stark davon abhängen, wie und in welcher Reinheit die Substanzen konsumiert werden. Ebenso vergrößert der gleichzeitige Missbrauch verschiedener Drogen die Folgeschäden. In der Studie wurden etwa die Gefahren von Cannabis und Tabak getrennt betrachtet, obwohl Cannabis normalerweise mit Tabak konsumiert wird. Die Forscher gewichteten die Folgen der einzelnen Rauschmittel für den Körper, das soziale Umfeld und das Abhängigkeitsrisiko gleich stark, obwohl dies nicht immer angemessen sei, räumen die Forscher ein.

Der Klassifizierung liegen die Einschätzungen von rund 40 britischen Suchtexperten zugrunde, wie der Psychopharmakologe David Nutt von der Universität Bristol und seine Kollegen in der Fachzeitschrift «Lancet» berichten. Die mit der Klassifizierung beauftragten Chemiker, Apotheker, Polizisten, Psychiater sowie Ärzte weiterer Fachrichtungen beurteilten neun verschiedene Gefahren des Drogenmissbrauchs. Dazu gehörten kurz- und langfristige körperliche Schäden, psychische und körperliche Abhängigkeit, berauschende Wirkung, Folgen für das soziale Umfeld und die öffentlichen Gesundheitskosten. Nutt und seine Kollegen erstellten in der Folge ein Gesamtranking, das alle diese Gefahren umfasst.

"Die Studie ist ein Meilenstein", sagt der Pharmakologe Leslie Iversen von der Universität Oxford, der an der Untersuchung nicht beteiligt war. "Sie ist der erste Schritt hin zu einer Evidenz-basierten Klassifikation von Drogen." Gemäß den Resultaten dürften Alkohol und Tabak eigentlich nicht weiter aus Drogenbestimmungen ausgeschlossen werden. Wayne Hall von der Universität von Queensland in Brisbane pflichtet in einem Lancet-Kommentar bei: "Die Rangliste zeigt, dass die gefährlicheren Drogen wie Tabak und Alkohol, die derzeit legal sind, besser reguliert werden sollten."

Donnerstag, 17. Juni 2021
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