Fr, 17. August 2018

"Krone"-Interview

22.11.2017 17:00

Olympique: Ein Bilderbuch für die Ohren

Fast zwei Jahre lang hörte man nichts von den Salzburger Durchstartern Olympique, die mit ihrem Debüt "Crystal Palace" 2014 auch die internationale Fachpresse zu enthusiastischen Lobhuldigungen verleitete. Nun sind sie mit "Chron" und einer Tour zurück - und ließen keinen Stein auf dem anderen. Sänger Fabian Woschnagg klärte uns darüber auf, was in der Zwischenzeit so alles passierte.

Kompositorische Qualität ist für breitenwirksame Erfolge unerlässlich, doch um wirklich aus dem Wulst an großen und großartigen Bands und Künstlern herauszustechen, muss heute auch die Marketingmaschinerie funktionieren. Ohne aufdringlich zu sein, perfektionierten Olympique das vor gut drei Jahren. Das Salzburger Dreigespann veröffentlichte mit "Crystal Palace" ein auch international hochgelobtes Album zwischen Blues, Rock und Soul und vermochte schon vor dem Release ebenjenes Werkes die Clubs zu füllen. "The Reason I Came" mauserte sich zum Ohrwurm, Touren mit den heimischen Vorzeigeerfolgsprodukten Bilderbuch und Wanda folgten ebenso wie abgefeierte Shows über die Staatsgrenzen hinaus. Vor allem in Deutschland erlag man schnell dem ruppigen, aber doch perfektionistisch-filigranen Charme der jungen Durchstarter.

Zeitfinanzierung
Doch dann plötzlich die große Leere. Immer weniger Auftritte, immer weniger Interaktion auf den Social-Media-Kanälen. Schleichend verschwand die Band für fast zwei Jahre von der Bildfläche. Bis diesen Sommer plötzlich die Single "R.O.F." explodierte und das nunmehrige Duo wieder ins Licht der Öffentlichkeit rückte. Untätig waren die Salzburger nur nach außen hin, denn hinter den Kulissen haben Fabian Woschnagg und Nino Ebner sehr wohl fleißig am Nachfolger ihres fulminanten Debüts geschraubt. "Wir haben mehr als ein halbes Jahr lang nur an der Musik gefeilt, womit sich für uns ein Traum erfüllte", erzählt uns Sänger Woschnagg im Gespräch, "durch die erfolgreichen Touren konnten wir uns diese Zeit finanzieren. Es war eine bewusste Entscheidung, um uns weiterentwickeln zu können. Da kann man nicht auf die Uhr schauen, der Vorgang muss organisch funktionieren. Wir wollten lieber unsere künstlerische Idee etablieren, als ungesund schnell zu wachsen."

Ein zweifellos mutiger Schritt in einer Zeit, in der schneller Erfolg, hohe iTunes-Downloadzahlen und Spotify-Streamings mehr wert haben, als die Umsetzung profunder musikalischer Ideen. Das Ergebnis wurde "Chron" getauft, erblickte Ende Oktober das Licht der Welt und hat nur mehr rudimentär Gemeinsamkeiten mit dem Debüt. Anstatt auf Nummer sicher zu gehen, traten Olympique die Flucht nach vorne an und erfanden sich ein Stück weit neu. "Wir produzierten erstmals ganz alleine elektronisch am Computer, dadurch entstand eine ganz besondere Spannung. Wir wollten über die Grenzen hinauswachsen, denn wir kommen klassisch aus dem Proberaum. Mit Schlagzeug und Gitarre." Die Erfahrung von mehr als zehn Jahren als Musiker gepaart mit einer finanziellen Rücklage und dem Mut, neue Pfade zu beschreiten ergeben ein selbstsicheres Album, das aber nie Gefahr läuft, zu angeberisch durch die Ohren zu gleiten. Und das eben nur mehr zu zweit, denn während der ruhigen letzten Jahre trennte sich die Band von Keyboarder Leo Scheichenost.

Zeitlosigkeit als Ziel
"Die Prioritäten haben sich einfach verschoben. Nino und ich waren voll in der Musik, bei Leo überwiegte das Grafische. Wir mussten dann einfach ein paar Dinge ändern, damit wir den Fluss der Band nicht gefährden würden." Obwohl die Bandmitglieder einst auch im leeren Salzburger Dom probten, halten sie wenig von der im Pressetext angefügten Bezeichnung, man würde "klerikale Sounds" erschaffen. "In meiner Wahrnehmung findet das so nicht statt", erklärt Woschnagg, "aber wenn der Raum und die Weite des Sounds gemeint sind, dann kann ich damit leben." Der Terminus Zeitlosigkeit war ein wichtiger Ausdruck für das Duo. Songs zu schreiben, die nicht ausschließlich nach 2017 klingen, sondern auch in zehn oder 20 Jahren noch Freude und Frische versprühen können. "Unser Ziel war es, ein Bilderbuch für die Ohren zu erschaffen. Alben, die eine gewisse chronologische Wertigkeit in der Musikgeschichte haben, finde ich besonders interessant. So wie es etwa bei den Dire Straits oder David Bowie der Fall war."

Wichtig war den beiden zudem, ein richtiges Album zu kreieren. Einzelne starke Songs, Spannungsbögen, zusammenhängende Soundstrukturen - einfach bewusst gegen die Spotify-Single-Trends anzukämpfen. "Es geht auch für die Hörer um die Muse, sich eine Stunde Zeit für zwölf Songs zu nehmen, und sie durchzuhören. Wir erzählen eine solche Geschichte, weil wir immer noch an diese Art des Musikmachens glauben. Es geht uns aber gar nicht darum, dass jemand voll konzentriert vor seiner HiFi-Anlage sitzt. Ich würde es auch toll finden, wenn man unser Album zum Spaghettikochen hört. Gute Musik muss zudem im Kopf des Hörers vollendet werden, es darf nicht alles offen ausgesprochen sein. 98 Prozent der Musik gehört dem Album, die restlichen zwei Prozent den Hörern."

Zeit für Ernsthaftigkeit
Auf "Chron" integrieren Olympique nicht nur elektronische Elemente, Pop und Rock, sondern frönen partiell auch der Hip-Hop-Liebe des Frontmannes, auch wenn diese nicht vordergründig zu hören ist. "Ich lasse die Goldketten weg und füge die Realness des Hip Hops dazu. Richtige Rapper wie Jay-Z machen das, was sie tun, aus vollem Herzen. Genau das liebe und schätze ich an dieser Musik - diese Hemmungslosigkeit und Kompromisslosigkeit aus dem Grime." Die Nischenverweigerer sorgen sich textlich um eine gewisse Nachhaltigkeit. Songtitel wie "Warlord", "Money" oder "Lebanon" sind ein Spiegel der Gegenwart, wenn auch nicht offensiv politisch. "Ich glaube nicht, dass wir einen Bildungsauftrag haben, aber es ist einfach nicht die richtige Zeit, um Party- oder Love-Songs zu schreiben. Ich gebe auf diesem Album irrsinnig viel von mir und meiner Gedankenwelt preis, das ist mir beim Schreiben gar nicht bewusst. Ich gehe durch Kitsch und Aggression. Es ist ein schmaler Grat und gerade das macht es so spannend." Wer sich vor einem allzu starken Stilwechsel fürchtet, braucht übrigens keine Angst zu haben. "Ich werde niemals Musik machen, die auf einem Electric Love funktionieren würde. Ich mag eine andere Musik- und Zuhörerkultur. Die Leute sollen sich nicht selbst feiern, sondern die Kunst."

Von den einnehmenden Songs auf "Chron" lässt man sich am besten selbst verzaubern, schlussendlich sind Olympique nach der langen Abwesenheit endlich wieder auf Tour - und haben auch das perfekte Live-Setup gefunden. "Wir sind zu fünft auf der Bühne und ich habe einen zweiten Gitarristen an meiner Seite, zudem haben wir den Keyboarder von Johann Sebastian Bass. Genau da wollte ich hin. Natürlich könnten wir auch Bläser und Streicher dazu holen, aber jetzt ist es einmal an der Zeit, ordentlich zu rocken." Am 25. November im Grazer ppc, am 28. November im Salzburger Rockhouse und am 29. November im WUK in Wien. Alle weiteren Infos und Tickets auf www.olympiqueofficial.com.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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