Sa, 18. August 2018

Vollgaaaas!

14.08.2017 18:27

Vespa 946: Luxus-Roller gibt beim MotoGP alles

Hat alles nichts geholfen. Andere zünden in der Kirche eine Kerze an, ich bin halt mit der Vespa 946 zum MotoGP-Rennen nach Spielberg gepilgert, weil die Modellbezeichnung so gut zur Startnummer vom Valentino Rossi passt. Und er doch seinen zehnten WM-Titel holen soll. Vielleicht hätte ich mit was Schnellerem fahren sollen…

MotoGP-Fans wissen: Vale wurde nur Siebter und der WM-Traum schmilzt wie Gelato auf dem Tank seiner Yamaha M1. Trotzdem sorgte er am Red Bull Ring wieder für mehr Aufsehen als alle anderen Piloten zusammen (es gab hier sogar erstmals eine ganze, nur ihm gewidmete Zuschauertribüne!). Das hat er mit der Vespa 946 gemeinsam. Ständig wollten Menschen ein Foto mit ihr. Vor allem Italienerinnen.

Der "Doctor" dürfte sich nach den ersten, sehr starken Runden jedenfalls ähnlich gefühlt haben wie ich bei der Anreise. Er wollte schneller, aber er konnte nicht. Allerdings lag es bei ihm daran, dass sein Hinterreifen überlastet war, was bei der stylischen Vespa mit Sicherheit kein Thema ist. Ihr 125er-Motor lässt den Gummi ziemlich kalt, weder seine 11,6 PS noch die 10,6 Nm bei 6500/min. ziehen den prosciutto vom piatto. Die serienmäßige Traktionskontrolle ist, sagen wir, nicht ganz so oft im Einsatz wie auf der Yamaha mit der neongelben Startnummer 46.

Der schönste Roller überhaupt
Bei der Vespa 946 ist der Motor aber auch nur als Hilfe gedacht, um das stylische Stück von Laufsteg zu Laufsteg zu führen, von einem Auftritt zum nächsten, um dort im Blitzlichtgewitter zu baden. Sie soll mit ihrem schwebenden Einzelsitz (einschließlich Verlängerung für Sozia/Sozius) an das erste Vespa-Modell erinnern, das 1946 herauskam. Daher auch die Modellbezeichnung (die folglich nur zufällig eine Verbindung zu genannter Startnummer erlaubt).

Für damalige Verhältnisse ist sie auch durchaus schnell, seinerzeit wäre ich wahrscheinlich der King gewesen, wenn ich eine Steigung wie auf der Semmering-Schnellstraße, der S6, mit 60 km/h hinaufgerast wäre. Mit Vollgas, wohlgemerkt. Offiziell schafft sie 93 km/h Spitze, dafür braucht sie aber Rückenwind, Heimweh und viel Anlauf. Dass die kleine Italienerin nicht gar so langsam wirkt, liegt daran, dass ihr Tacho 10 km/h vorauseilt. Wenn er also 93 km/h anzeigt, was bei Vollgas gar nicht so selten ist, kaschiert er echte 83 km/h.

Dafür ist sie sehr liebevoll gestaltet, mit sehr viel Chrom, den Lufteinlässen an den hinteren Kotflügeln, dem LED-Scheinwerfer mit der 946 mittendrin, der eingelassenen LED-Heckleuchte, dem wunderschönen Kofferhalter, auf dem die Vespa-Ledertasche thronen kann. Die braucht man auch, weil es vorne aus Stylinggründen kein Staufach gibt und unter dem Sitz nicht mal das Verbandspackerl Platz hat. Dort findet man nur den wirklich schönen, aber schwer zu öffnenden Tankdeckel. Wer es schafft vollzutanken, ohne rundherum Benzin zu verteilen, den lade ich bei uns im Krone-Beisl auf einen Espresso ein. Die andere Kleinigkeit, die in Sachen Bedienung nicht ideal ist: Der Blinkerschalter will hin- und hergeschoben werden und rastet dabei etwas schwammig ein.

Fast so leicht wie ein MotoGP-Bike
Vor allem handfestes Stahl ist es, woraus die Vespa 946 gebaut ist, wie bei der Marke üblich. Was wie Stahl ausschaut, ist auch Stahl, die Karosserie ist selbsttragend. Das geht natürlich aufs Gewicht: Exakt 153 kg bringt der Roller vollgetankt auf die Waage, also nur unwesentlich weniger, als ein MotoGP-Motorrad wiegt (Parc-fermé-Gewicht: 157 kg). Ich mit der 946 bin sicher schwerer als Rossi mit der 46.

Technisch ist an der Vespa nichts auszusetzen: Der 124 ccm große 1-Zylinder-4-Takt-Motor ist ein Dreiventiler, der klingt, wie eine Vespa klingen muss (leider nicht so, wie eine Vespa früher geklungen hat), die Bremsen (vorne 20-mm-Scheibe, hinten Trommel) sind ABS-geregelt und die 12-Zoll-Räder sind perfekt für die Stadt. Das Tankvolumen von 8,5 Liter ermöglicht Reichweiten über 200 Kilometer, ich habe im Schnitt 3,5 l/100 km verbraucht. Mit Dauervollgas. Geschaltet wird stufenlos automatisch. Das digitale Display erinnert definitiv nicht ans Original, es arbeitet nach dem Motto "weniger ist mehr": Tempo, Tankuhr, Trip, Blinkerlamperl, das war's im Wesentlichen.

Auch noch was fürs Gewissen
Die getestete Vespa 946 ist das Sondermodell "RED", das bedeutet, 150 Dollar des Kaufpreises gehen an RED, eine Initiative zur Prävention, Diagnose, Behandlung, Beratung und Betreuung von Aids und anderen schweren Erkrankungen.

Unterm Strich
Der Haken an der Vespa 946: Sie kostet 10.599 Euro. Und das ist kein Tippfehler. Dafür bekommt man allerdings ein Designerstück, wie es kein zweites gibt und bei dessen Anblick sich Leute reihenweise spontan verlieben. Die Antwort auf die Frage, wie man die 946 schneller machen könnte, ist leicht: Wenn sie den 300er-Motor hätte, dann wäre sie der ganz heiße Shit, denn die Vespa GTS 300 i.e. ist zum Beispiel ein ganz anderes Kaliber. Und was Valentino Rossis Yamaha M1 betrifft? Vielleicht doch ein Kerzerl anzünden... sch

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl

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