Seit mehr als 20 Jahren prägen dieselben vier Musiker die Geschicke der US-Rockband Alter Bridge. Mit ihrem selbstbetitelten Album starten sie ins Jahr 2026, ein Wien- und ein Nova-Rock-Auftritt folgen. Sänger Myles Kennedy nahm sich für die „Krone“ Zeit, um über seine große Liebe zu Wien zu sprechen, warum er sich als uncoolen Nerd betrachtet und weshalb er mit dem neuen Werk gar nicht so überglücklich ist.
„Krone“: Myles, bevor wir über das neue Album und die Tour sprechen - mir kam zu Ohren, du hast darüber nachgedacht, nach Wien zu ziehen?
Myles Kennedy: Ja, meine Frau und ich denken schon gut 15 Jahre lang darüber nach.
Nicht dein Ernst?
Doch – und wir reden auch weiterhin darüber. Wir leben aber aktuell in Spokane und unsere Eltern kommen langsam in ein Alter, wo man lieber in ihrer Nähe und für sie da ist. Es ist aber schon möglich, dass wir den Schritt irgendwann einmal wagen werden.
Habt ihr einige Freunde und Bekannte in Wien?
Nein, wir kennen eigentlich niemanden wirklich gut. Es ist eher die Abenteuerlust, die uns immer wieder packt. Warum sollte man so etwas nicht probieren? Das Leben ist kurz.
Es gibt immens viele schöne Städte auf dieser Welt und als Profimusiker kennst du sie alle – warum denn ausgerechnet Wien?
Das sagt doch schon an sich viel über Wien aus, wenn man sich diese Frage genauer überlegt. Es ist etwas ganz Besonderes, das diese Stadt hat. Vielleicht ist es die Geschichte, vielleicht die Architektur – schwer zu sagen. Es sind die kleinen Dinge, die es ausmachen. Wenn wir in Wien sind, gehen wir auf den Naschmarkt und kaufen uns diese wundervollen Oliven. Wir hatten früher amerikanische Freunde, die eine Zeit lang in Wien lebten und uns die Stadt näherbrachten, aber sie sind in die Staaten zurückgezogen.
Es ist wahrscheinlich auch kein Zufall, dass ihr auf eurer anstehenden Europa-Tour ausgerechnet vor dem Konzert in der Wiener Arena einen freien Tag eingebaut habt?
Da könnte es einen kausalen Zusammenhang geben. Wer weiß das schon? (lacht)
Mit im Gepäck habt ihr jedenfalls euer neues Album, das nach eurer Band benannt ist. Vor etwas mehr als einem Jahr hast du ein sehr rockiges Soloalbum veröffentlicht, das neue Alter Bridge-Album fällt auch in diese Kategorie. Haben sich die zwei Projekte gegenseitig befruchtet?
Warum auch immer, aber mir ist seit geraumer Zeit danach, zu rocken. Vor einigen Jahren wurde mir eine Signature-Gitarre gebaut und die hat mich in diese Richtung animiert – Mark (Tremonti, Gitarrist – Anm. d. Verf.) will das ohnehin immer. Ich habe früher definitiv mehr Akustikgitarre gespielt oder experimentiert, aber wir wollten dieses Mal ein paar coole Riffs schreiben, über die ich dann drüber singe.
Wie verlief der Songwriting-Prozess für „Alter Bridge“?
Es hat sich vom Soloalbum unterschieden. Wir haben hier die Ballade „Hang By A Thread“, wo die erste Strophe und der Beginn des Refrains noch auf das Songwriting zum Soloalbum zurückgingen, aber ich habe mir das schon damals für Alter Bridge aufgespart. Ansonsten wurde alles bewusst für dieses Album geschrieben, mit Ausnahme eines Teils, das zum Intro von „Slave To Master“ führte – da geht der Grundgedanke zu 2018 zurück.
„Slave To Master“ ist nebenbei der längste Song, den ihr je mit Alter Bridge aufgenommen habt. Neun Minuten lang, noch ein wenig länger als ein epischer Song am Vorgängeralbum. War das geplant oder ist euch dieses Lied so passiert?
Als ich den Song der Band erstmals präsentierte, war er maximal fünf Minuten lang, aber Mark hatte eine Idee, wie man ihn noch ausweiten und verlängern könne und wir haben schnell gemerkt, dass unsere beiden Ideen gut zusammenpassen. Dann hat sich noch der Rest der Band eingebaut und wir haben ein paar längere Gitarrensoli drübergelegt. Mark liebt das – so wurde daraus unser längster Song.
Das könnte doch glatt der Beginn einer neuen Prog-Rock-Ära für Alter Bridge werden …
Auch daran haben wir schon öfter mal gedacht. (lacht)
Ist der Song eigentlich politisch konnotiert? Ich habe das Gefühl, dass ihr von Album zu Album politischer werdet.
Dieses neue Album ist tatsächlich das erste seit langer Zeit, das so ganz und gar nicht von der Politik inspiriert ist. Es passierte genug in meinem eigenen Leben und den Leben von Leuten um mich herum, das mich zu neuen Songs motivierte. Hinter diesem Song steckt der Aufstieg von künstlicher Intelligenz. Wie wir uns immer stärker Maschinen hingeben und die eigene Verantwortung abgeben. Können wir unseren eigenen Niedergang herbeiführen? KI ist aufregend, aber gleichzeitig verängstigt sie mich.
Um auf die „Terminator“-Reihe zurückzukommen – „Skynet“ ist keine Utopie mehr …
Absolut nicht. Das ist doch verrückt, oder? Das Lustige an Hollywood-Filmen ist, dass sie immer versuchen abzubilden, was irgendwann sein könnte und oft trifft diese Vorhersage dann punktgenau zu. Denk doch zurück an dieses Kommunikationstool bei „Star Trek“ – heute hat jeder ein Smartphone und das ist nichts anderes, als eine verbesserte Version davon. Bei „Star Trek“ gab es noch die Klapp-Telefone – wie veraltet. Wenn du mir jetzt mit „Terminator“ als Vergleich für die Zukunft kommst, dann sollten wir uns wirklich Sorgen machen.
Zumindest der Album-Opener „Silent Divide“ scheint doch politisch inspiriert zu sein. Immerhin leben wir in einer Welt, in der die Spaltung zwischen den Menschen unaufhaltsam voranschreitet.
Das stimmt, aber deshalb spreche ich auch so ungern über die Inhalte der Songs. Ich finde deinen Ansatz toll und er ist sicher nicht falsch, aber er deckt sich nicht mit der Grundidee des Songs. Ich liebe es aber, wenn ich andere Ideen höre.
Gab es ein bestimmtes Konzept oder einen konzeptionellen Unterboden, den du für dieses Album im Kopf hattest?
Nicht wirklich, aber bei Alter Bridge geht immer alles Lied für Lied voran. Am Anfang ist ein weißes Blatt Papier und das füllt sich mit jedem neuen Gedanken. Ich habe nie eine Idee, wohin ich will, sondern lasse das Universum entscheiden, das mich führt.
War es dir ein Anliegen, diesen Zusammenbruch des Weltfriedens auszusparen und dich bewusst von der Realität in dieser Form wegzubewegen?
Ich versuche überhaupt bewusst Abstand davon zu gewinnen, denn das einzige, was du erreichst, wenn du halbwegs klare, politische Texte schreibst, ist, dass du deine halbe Fanbase vergraulst, weil die Stimmung überall so aufgeheizt ist. Ich will nicht meine Ansichten und Meinungen durch die Musik ausdrücken, sondern meine Emotionen und Gefühle. Es ist alles mehrdeutiger, aber trotzdem real und authentisch. Ich lüge in den Songs nicht, aber ich lasse Raum, damit die Hörer den Platz mit ihren Gedanken füllen können. „Silent Divide“ etwa entstand aus einem sehr toxischen Erlebnis, aber ich mag auch deine politische Interpretation. Das bedeutet, ich mache mit den Songs alles richtig.
In einer Welt wie der heutigen ist das auch ein klares Statement, wenn du deine Meinung zurückhältst und lieber die Emotion sprechen lässt. Schließlich geht jeder Mensch offen mit seiner Meinung nach außen.
Das ist das Problem an der öffentlichen Meinung – sie sorgt ständig für Gegenwehr und alles erhitzt sich noch weiter. Gerade in Amerika ist das zu einem immensen Problem geworden. Wir sind alle in unseren eigenen Algorithmen und Echokammern gefangen. Jeder bekommt das zu lesen und zu hören, was er lesen und hören will. So glaubt jeder, er hätte andauernd recht, weil es in seiner Welt gar keine anderen Meinungen mehr gibt. Ich bin irgendwann aufgewacht und habe realisiert, dass wir alle mit Informationen überfüttert sind. Wie kann ich durchgehend auf jemanden böse sein, der glaubt, er hätte die einzige Wahrheit gepachtet, wenn ihm das überall so vermittelt wird? Ich weiß selbst nicht, was die Wahrheit ist. Wir leben in verrückten Zeiten, in denen die KI so gut ist, dass sie Dinge fast schon perfekt manipulieren kann. Wir gleiten als Menschen in eine Gesellschaft, wo niemand man mehr zwischen echt und falsch unterscheiden kann. Langsam wird es Zeit, dass wir alle aufwachen.
Fürchtest du dich persönlich vor der Zukunft?
Ich bin ehrlich besorgt. Um ehrlich zu sein, bin ich froh, dass wir keine Kinder haben. Ich liebe Kinder, aber ich sorge mich schon so um meine Nichten und Neffen, weil ich nicht weiß, in welche Welt sie gehen. Ein Teil von mir bleibt aber auch optimistisch und glaubt fest daran, dass es auch gut enden kann. Denk zurück an Robert Oppenheimer und den Moment, als wir ins nukleare Zeitalter eingetreten sind. Einiges lief aus dem Ruder, aber im Großen und Ganzen haben wir Menschen uns so im Griff, dass wir uns damit noch nicht ausgelöscht haben. Da müssen wir auf Holz klopfen und darauf achten, dass der Geist in der Flasche bleibt.
Wenn wir über die KI reden, dann würde ich sagen, Alter Bridge ist ein perfektes Beispiel für eine Band, die handgemachte Musik, weit entfernt von künstlicher Intelligenz fertigt. Die Leute wollen Echtes und Authentisches – was einer Band wie euch zum Vorteil geraten könnte.
Ich hoffe inständig, dass du damit Recht behältst. Solo war ich letztes Jahr bei einigen Festivals zu Gast und habe gemerkt, wie viele Bands und Acts eigentlich mit Backing Tracks spielen und sich schon von außen unterstützen lassen. Sie drücken auf einen Knopf am Laptop und ein Teil der Show läuft im Hintergrund ab. Ich habe immer das Verlangen, etwas Echtes zu erzeugen und hoffe, dass viele Leute das genauso sehen. Ich will damit auch keine anderen Bands dissen, das ist vollkommen okay, wie sie es machen, weil es das Geschäft so verlangt und man sich damit viel Geld spart, aber für mich wäre das nichts. Ich sorge mich oft darüber, ob die Menschen da draußen noch den Wert organisch gefertigter Musik erkennen und schätzen.
Als Konzertbesucher und Musikfan kann ich dir sagen: Wir lieben es, wenn Fehler passieren und ein Abend nicht perfekt verläuft. Auch wenn der Gedanken für einen Musiker wahrscheinlich schwer nachzuvollziehen ist.
Es zeigt, dass wir alle auch nur Menschen sind. Ich mag es auch, wenn Kleinigkeiten passieren, die den Konzertfluss nicht stören, einen Abend aber einzigartig machen und die eigene Konzentration steigern. Das macht uns alle greifbar.
Ihr arbeitet seit mehr als 20 Jahren in derselben Besetzung in dieser Band. In dieser Zeit seid ihr gemeinsam gewachsen, habt euch aber auch untereinander entwickelt und verändert. Gleichzeitig hat sich der Erfolg von Album zu Album gesteigert. Wart ihr in der Band immer auf derselben Linie oder musstet ihr euch eure Langlebigkeit mühsam erkämpfen?
Es war nicht immer leicht, da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Vor allem kreativ ging es oft in verschiedene Richtungen, aber wir haben es immer geschafft, uns den Respekt gegenüber den Musikern in der Band zu bewahren, Kompromisse einzugehen und eine Lösung zu finden. Jeder Albumprozess ist ein Tanz – manchmal war dieser Tanz gemütlich, manchmal wirbelten wir ordentlich durch die Gegend. Mein Lieblingsalbum von uns ist „Fortress“ und für dieses mussten wir hart kämpfen. Wir saßen nicht zu viert im Studio und sangen zusammen „Kumbaya, My Lord“, sondern hatten teilweise schwere Spannungen zu überstehen. Es gab Momente, in denen die Zukunft der Band an einem sehr seidenen Faden hing.
Für andere Musiker wäre das vielleicht nicht der Rede wert, aber wir sind alle sehr entspannte, zurückhaltende Personen. Niemand mag Konflikte und Streit, insofern waren die Spannungen und Spaltungen immer sehr leise und ruhig. „Fortress“ liebe ich auch deshalb so, weil wir aus diesem Zirkel rauskamen. Weil wir dabei lernten, dass wir es auch mit Spannungen und mit Problemen schaffen. Mittlerweile kennen wir uns so lange, dass vieles sehr viel einfach vor sich geht. Zudem ist unser Produzent Elvis Baskette quasi unser fünftes Bandmitglied, das uns alle in- und auswendig kennt, aber das psychologische Spiel von außen gut genug versteht, um uns in dem großen musikalischen Spielgarten immer wieder einzufangen, wenn es notwendig ist.
Baskette ist also weit mehr als nur euer Produzent?
Definitiv. Er ist unser Psychologe – vielleicht sogar noch mehr als unser Produzent. (lacht)
Das neue Album habt ihr zur Hälfte bei Elvis aufgenommen, zur Hälfte im Camp von Van Halen. Wo waren die Unterschiede und wie hat sich am Ende alles zu einem Gesamtkonzept zusammengefügt?
Es war wichtig, dass wir das Album aufteilten. Begonnen haben wir bei Van Halen, was eine unheimliche Ehre für uns war. Ich stand dort und spielte Gitarre, wo Eddie Van Halen Gitarre spielte – das ist unglaublich. Es war so, als wäre der Geist all der Alben, die hier entstanden sind, in mich gefahren. Das Studio ist nicht einmal besonders fancy, sondern recht gewöhnlich. Wir gingen dort zur Arbeit, fanden es cool und waren wieder weg. Dann sind wir durch das halbe Land gefahren, um es bei Elvis zu finalisieren. Dort haben wir schon so viel aufgenommen, dass wir quasi heimfuhren. Außerdem ist die Luftfeuchtigkeit in Kalifornien höher, was meiner Stimme guttut. Das ist auch der Grund, warum ich seit vielen Jahren auf Tour keine Interviews mehr gebe. Man kämpft immerzu gegen Allergien, Rauch, Krankheiten und Staub. Im Bus, in den Venus, auf der Straße. Meine Stimme ist sehr fragil und es reicht wenig, um Probleme zu bekommen. In Elvis‘ Studio herrschen für mich die perfekten Bedingungen.
Für deine Stimme ist diese Tour aber gewaltig. Vom Start Mitte Jänner bis zum Ende Anfang März vergehen fast zwei Monate, wo ihr nur auf Tour seid. Dann auch noch mitten im Winter – wie überlebt man diesen Trip als Sänger?
Ich trinke auf Tour nichts und versuche, so wenig wie möglich zu reden. Ich weiß, dass viele Sänger auf Tour großartig singen, unzählige Interviews geben und zig Flaschen Bier trinken können – ich kann es nicht. Wenn die Stimme angeschlagen ist, komme ich nicht mehr in die hohen Bereiche und das ruiniert dann die ganze Tour. Von Jänner bis März zu touren ist immer heftig, weil Verkühlungen und die Grippe nicht zu verhindern sind. Auf meiner Solotour hat es mich aber auch in den wärmeren Monaten erwischt und wir mussten bei einigen Songs die Tonlagen verändern. Aber gut, das ist Teil des Spiels. Ich werde zu Hause nie, wirklich niemals, krank. Auf Tour eigentlich jedes einzelne Mal.
Die Aussicht, schon vorab zu wissen, dass zumindest ein gewisser Teil der Tour anstrengend und hart werden würde, ist auch grausam …
So ist das Leben, das ist eben so, wenn man Sänger ist. Deshalb ist es toll, dass Mark mittlerweile auch einige Gesangsparts übernommen hat. Das ist mitunter auch ein Resultat daraus, mich entlasten zu können, weil ich auf einer Tour und Garantie irgendwann Probleme bekomme.
Auf dem neuen Album gibt es ein paar Songs, wo ihr euch die Gesangsspuren teilt. Ist das eine Verfahrensweise, die ihr in Zukunft auch für eure Alben verstärken wollt?
Wir haben immer versucht, ein bis zwei Songs pro Album in dieser Art und Weise aufzunehmen und mittlerweile erwarten unsere Fans das. Bei „Fortress“ fing es an und ich bin froh darüber, weil ich live dadurch ein paar kleine Zusatzpausen kriege. Wenn man so hoch und intensiv singt wie ich in manchen Songs, muss man bei anderen deutlicher vom Gas gehen, um sich neu zu kalibrieren. Zudem hat Mark das Singen lieben gelernt, wahrscheinlich singt er momentan sogar lieber als dass er Gitarre spielt. Bei mir ist es umgekehrt - das Gras ist auf der gegenüberliegenden Seite halt immer grüner. (lacht)
Versucht ihr euch nach all den Jahren mit jedem neuen Album auf neue Art und Weise herauszufordern, um die Dinge spannend zu halten? Sucht ihr nach mehr Spannung und Aufregung?
Wir versuchen es zumindest, aber wenn man so lange zusammen Musik macht, wird es immer schwieriger, noch aufregende Situationen zu erleben. Der Schritt ins Van-Halen-Studio, wo wir gemeinsam mit Wolfgang Van Halen am neuen Album arbeiteten, war so eine aufregende Veränderung. Das war die Idee unseres Managers und ich bin sehr dankbar dafür. Wolfgang ließ uns im Studio völlig freie Hand, weil er auch weiß, dass wir am besten wissen, wie wir als Alter Bridge klingen wollen. Mark und ich haben immer die Prä-Produktion gemacht, aber anstatt monatelang herumzuhängen und mit neuen Ideen zu jonglieren, haben wir dieses Mal jeder für sich geschrieben und darauf geachtet, dass wir mit so starkem Material wie möglich ins Studio kommen. Wenn man bei Van Halen arbeitet, betritt man heiligen Boden – das war uns ein großer Ansporn.
Wenn man ein Album nach sich selbst benennt, ist es entweder das persönlichste Album oder aber man hat keine bessere Idee mehr. Was war in eurem Fall der Grund dafür?
Es ist von allem ein wenig richtig. Ich würde auch nicht behaupten, dass unser neues Album unser eindrucksvollstes ist, aber es ist eines, mit dem wir uns wohlfühlen und das uns gut gelungen ist. Ich bin keiner, der hier sitzt und dir das Album als das beste unserer Geschichte verkaufen will, das wäre nicht ehrlich. Wir sind sicher etwas faul geworden und wissen, worin wir gut sind und welche Songs oder Songstrukturen funktionieren. Der Song „What Lies Within“ repräsentiert unseren Sound derzeit am besten, weshalb wir auch die Tour danach benannt haben. Auf dem Album ist ein bisschen was von allen Phasen unserer Karriere.
Was steckt hinter dem Song und dem Tour-Mantra?
Im Großen und Ganzen steckt dahinter, dass man nicht so leicht in die Menschen reinschauen kann. Dass man oft glaubt, man würde jemanden gut kennen und irgendwann realisiert, dass es tief in seinem Inneren ganz anders aussieht, als man vorher gedacht hat. Der Song spiegelt wider, dass man sich diesen Dynamiken im Leben bewusst wird.
Im Sommer kommt ihr dann auch wieder auf das Nova Rock. Ein Platz, den ihr auch schon mehr als gut kennt.
Daran habe ich nur die besten Erinnerungen. Ich habe dort irgendwann das erste Mal in meinem Leben Rage Against The Machine live gesehen – das muss mittlerweile so 20 Jahre zurückliegen. Alle Musiker standen auf der Bühnenseite und wollten sich dieses Ereignis nicht entgehen lassen. Direkt vor mir stand David Draiman von Disturbed – als sie auf die Bühne gingen, explodierte die Crowd bis in die hintersten Reihen. Ich erinnere mich noch, wie David sich umdrehte, mir zuzwinkerte und damit vermittelte, dass ich hier eine große Lehrstunde in Bezug auf Publikumsaction bekam. Solche Momente inspirieren einen, weil man das als Musiker dann selbst auch erleben will.
Es ist doch auch schön, wenn ein gestandener, langjähriger Musiker wie du noch Momente aus der Fan-Perspektive genießen kann.
Total, ich bin noch immer ein massiver Fan. Ich liebe die Klassiker und liebe es genauso, neue Musik und Acts zu entdecken. Ich habe immer Angst, dieses Feuer zu verlieren, aber ich entdecke so viele tolle Dinge, dass diese Gefahr noch nie wirklich bestand. 2025 habe ich mehr spannende Musik entdeckt als in den Jahren zuvor. Vielleicht ist aber auch alles von einer KI – wer weiß das schon. (lacht)
Letzten Sommer verstarb Ozzy Osbourne, die wahrscheinlich wichtigste lebende Person, die man für Hard Rock und Heavy Metal jahrelang erleben durfte. Welchen Einfluss hatte dieses Ereignis auf dich persönlich?
Er war in vielerlei Hinsicht ein Pate. Er war das Gesicht von Black Sabbath und Black Sabbath waren die Architekten von all dem, in dem wir uns heute austoben. Ozzy hatte einen untrüglichen Sinn für die richtige Melodie und Gesangsfarbe und war ein außergewöhnlicher Performer, der auch als Solokünstler einen brillanten Job ablieferte. Als ich das erste Mal „Diary Of A Madman“ hörte, war ich wie weggeblasen. Der Einfluss seiner ersten beiden Alben auf mich war unglaublich. Das größte Geschenk Ozzys war aber, dass er einerseits als „Prince Of Darkness“ galt, andererseits aber so charmant und liebenswert zu anderen Menschen war wie kaum jemand sonst. Er war ein liebenswerter Charakter, den jeder mochte. Selbst an schlechten Tagen auf der Bühne konnte er dich sofort überzeugen, weil er so eine unglaubliche Präsenz hatte. Seine magische Kraft war, welch wundervoller, liebender, grandioser Mensch er war – die Süßkirsche darauf war, dass er auch noch sensationell als Künstler reüssierte.
Ist es dir wichtig, wie dich Menschen von außen wahrnehmen und bewerten, oder macht das für dich keinen Unterschied?
Als ich jünger war, war mir das gewiss wichtiger als heute. Ich habe immer das Gefühl, eine Karriere im nicht-cool-sein gemacht zu haben. (lacht) Ich habe mich zumindest nie cool gefühlt und bin wohl deshalb Musiker geworden, weil ich nach einem Weg gesucht habe, etwa Coolness zu versprühen. So viele Musiker und Künstler, die ich bewundere, würden mich niemals cool nennen und das ist absolut in Ordnung für mich. Ich war immer ich und habe das nie anders gemacht, ließe mich nie verbiegen oder verändern. Manchmal erzähle ich Blödsinn in Interviews und verhaue Shows mit schlechtem Gesang, an anderen Tagen funktioniert beides besser. So bin ich und so war es immer. Im Endeffekt bin ich ein riesengroßer Nerd, der Glück gehabt hat, in dieser Funktion seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Viele Menschen versuchen zu sein, was sie nicht und das finde ich furchtbar.
Meine Mutter ist die coolste Person der Welt und sie hat mir im Leben immer geholfen. Als ich erstmals mit Slash spielte, wollte ich mich neu erfinden, weil ich jemand anderer sein wollte als in Alter Bridge. Warum sollte ein Nerd neben der Legende Slash spielen? Das geht doch nicht, ich muss anders sein. Aber der Versuch, anders zu sein, scheiterte kläglich. Bei einer der allerersten Touren nahm mich meine Mutter zur Seite, weil sie spürte, dass ich mich nicht wohlfühle und meinte, ich solle mich daran erinnern, wer ich eigentlich sei. Sie meinte, der Bullshit müsse aufhören und natürlich hatte sie recht. Plötzlich griff ein Zahnrad ins andere und die Dinge begannen zu fließen. Ich war Myles Kennedy neben Slash und nicht irgendjemand, den ich selbst nicht mehr erkannte. Um deine Frage noch zu beantworten: Ich weiß gar nicht, ob es mir wichtig ist, was andere von mir denken und halten. Was ich aber weiß, ist, dass ich nicht mehr versuche irgendwer zu sein und die Leute zu verarschen. Das ging einmal grob daneben und war mir eine Lehre.
Wie schwierig ist es denn, sich in einer Welt der ständigen Oberflächlichkeiten auf ehrliche und bodenständige Verhaltensmuster zu besinnen?
Das ist der härteste Teil an dem ganzen Geschäft. Würde ich die Musik und die Fans nicht so lieben, hätte ich das Business schon vor langer Zeit verlassen – wahrscheinlich bereits vor 15 Jahren. Ich mag das Entertainment als solches nicht. Es gibt so viel Gepose und so viele Menschen, die etwas darstellen und damit Erfolg haben möchten – davon muss man sich so schnell wie möglich loslösen. Deshalb lebe ich auch in Spokane, Washington. Viel weiter kannst du nicht vom glitzernden Unterhaltungsgeschäft entfernt sein. Es ist eine kleine Stadt in der Nähe von Idaho, wo es Wälder und Flüsse gibt. Das hilft auch mir, bei mir zu bleiben und nicht abzuheben. Das ist wohl auch der Grund, warum ich Österreich so liebgewonnen habe. Wenn ich in Wien bin, fühle ich mich auch so frei wie in Spokane.
Wenn du „Fortress“ als dein Lieblingsalbum bezeichnest, hast du eigentlich Bestrebungen, es irgendwann zu überbieten?
Nein, solche Gedanken sind mir völlig fremd. Ich sorge mich immer nur um das nächste Projekt. Darum, dass meine Songideen gut genug für die Band sind, dass sie Elvis gefallen und wir alle daraus etwas Schönes machen können. Dann ist die Mission erfolgreich geschafft. Ich jage aber nicht mein persönliches Lieblingsalbum. Das zu übertreffen passiert, oder es passiert nicht.
Live in Wien und beim Nova Rock
Am 30. Jänner präsentieren Alter Bridge ihr neues Album live im Wiener Gasometer. Das Konzert von Myles Kennedy und Co. ist bereits restlos ausverkauft – ein Wiedersehen gibt es im Juni aber beim traditionellen Nova Rock im pannonischen Nickelsdorf. Unter www.novarock.at gibt es alle Informationen und auch die Karten für das Konzerthighlight.
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