Fr, 16. November 2018

Wirkungslos, teuer

31.03.2017 12:30

Medikamentenbetrug: 92 Betroffene in Österreich

Die Verzweiflung schwer kranker Patienten haben zwei voneinander unabhängig agierende Tätergruppen in Österreich ausgenützt. Den Betroffenen wurden Ampullen zu überhöhten Preisen verkauft, deren Inhalt von Kochsalzlösungen bis hin zu nicht zugelassenen Produkten reichte. Bisher gab es vier Festnahmen, insgesamt 92 Geschädigte wurden identifiziert.

Mit Präparaten wie "Powerlight" und "GcMAF" wird laut Bundeskriminalamtssprecher Vincenz Kriegs-Au EU-weit gehandelt. In Österreich stieß man in Vorarlberg bzw. Oberösterreich auf derartige Fälle. Die Verdächtigen nahmen jeweils Kontakt zu Patienten auf, deren Chance auf Heilung durch die Schulmedizin gering war.

Kochsalzlösung sollte Krebs heilen
Im ersten Fall kam man einem Vorarlberger Allgemeinmediziner auf die Spur, nachdem die Tochter eines Opfers im Mai 2016 Anzeige wegen Betrugs erstattet hatte. Die Ermittlungen ergaben, dass der Verdächtige seit August 2015 das angebliche Krebsheilmittel "Powerlight" verkaufte.

Nach der Untersuchung der Plastikampullen stellte sich heraus, dass es sich bei der Substanz um eine Kochsalzlösung handelte. Der Verdächtige vertrieb das Mittel über eine eigens dafür in Österreich gegründete Firma, bei der man das Produkt online bestellen konnte. "Powerlight" sollte dabei sämtliche Krankheiten heilen, der Preis richtete sich nach der Schwere der Krankheit. "Im Schnitt kosteten vier Ampullen rund 1580 Euro", berichtete das Bundeskriminalamt.

Insgesamt 80 Geschädigte bezogen nach derzeitigem Ermittlungsstand das Produkt, einige von ihnen waren bei Bekanntwerden des Falles bereits verstorben. Der Gesamtschaden beläuft sich bisher auf 70.000 Euro. Der Mediziner und ein Mittäter wurden auf freiem Fuß angezeigt. Sie bestritten eine Betrugsabsicht.

Zweite Tätergruppe verkaufte Präparat "GcMAF"
Der zweite Fall wurde im November 2016 bekannt, nachdem Europol mitgeteilt hatte, dass österreichische Abnehmer das Präparat "GcMAF" der Firma FirstImmune gekauft haben sollen. Dabei handelte es sich ebenfalls um ein nicht zugelassenes Präparat, das als Mittel gegen zahlreiche schwere Erkrankungen beworben wurde.

Das Produkt sollte unter anderem Tumorzellen angreifen. Laut Bundeskriminalamt gab es sogar inzwischen wieder zurückgezogene Publikationen in wissenschaftlichen Fachmagazinen.

Schädliche Substanzen wie Siedebenzin enthalten
Bei den Ermittlungen stieß man auf neun Verdächtige in Oberösterreich, die schwerst kranke Patienten zur Behandlung mit dem Produkt angeworben hatten. Die Verdächtigen kauften die Ampullen um rund 500 Euro an und veräußerten sie ihren Opfern mit einem Gewinnaufschlag von 200 Prozent.

Auch hier richtete sich der Preis nach dem Einkommen und der Schwere der Krankheit. Den Kranken wurden in diesem Fall jedoch noch Siedebenzin, Kohlenstoff und THC-haltige Substanzen verabreicht, was schwerste Nebenwirkungen zur Folge hatte.

Vier Haupttäter gefasst
Insgesamt geht man von vier Haupttätern aus, die sich seit Dezember des Vorjahres in Untersuchungshaft befinden: ein 52-jähriger Steinmetz, ein 33-jähriger Wettlokalbetreiber, ein pensionierter Zahnarzt und ein 53-jährigen Baumeister. Diese gaben sich gegenüber den kranken Opfern als Apotheker oder Onkologen aus. Auch hier wurde eine Betrugsabsicht bestritten.

Aufgrund der österreichischen Erkenntnisse zu "GcMAF" wurde laut Bundeskriminalamt im Februar in Frankreich und auf der britischen Kanalinsel Guernsey gegen Hersteller und Organisatoren des Vertreibernetzwerkes vorgegangen. Demnach wurden mehrere Untergrundlabore ausgeforscht und Beschuldigte festgenommen. Das Bundeskriminalamt ersucht weitere Opfer der beiden Tätergruppen um Kontaktaufnahme.

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