"Das ist ein Putsch"

Ungarische Oppositionszeitung eingestellt

Ausland
08.10.2016 18:59

Die unabhängige ungarische Traditionszeitung "Nepszabadsag" hat überraschend ihr Erscheinen eingestellt. Der Eigentümer, die in österreichischem Besitz befindliche Mediaworks AG, begründete die Entscheidung mit den Verlusten, die das Blatt erwirtschafte. Mitarbeiter sprachen allerdings von einem "Putsch", der politisch motiviert sei, um eine wichtige Stimme gegen die Regierung von Ministerpräsident Viktor Orban verstummen zu lassen.

Die gedruckte Samstagsausgabe wurde noch plangemäß ausgeliefert. Die Online-Version verschwand aber ohne weitere Erklärung aus dem Netz. Wenig später erschien eine Verlautbarung der Mediaworks AG. "Die Herausgabe der 'Nepszabadsag' in allen ihren Versionen - Print und Online - wird mit dem heutigen Tag bis zur Ausarbeitung beziehungsweise Umsetzung einer neuen Konzeption ausgesetzt", hieß es darin. Redakteure und Mitarbeiter erhielten Briefe, in denen ihnen mitgeteilt wurde, dass sie unter fortlaufenden Bezügen vom Dienst suspendiert sind.

Die oppositionelle Zeitung war Regierungschef Orban schon lange ein Dorn im Auge. (Bild: APA/AFP/ATTILA KISBENEDEK)
Die oppositionelle Zeitung war Regierungschef Orban schon lange ein Dorn im Auge.

Facebook-Auftritt noch unter Kontrolle der Redakteure
Die Facebook-Seite des Blattes, die bisher unter Kontrolle der Mitarbeiter geblieben ist, schreibt von einem "Putsch". Das Blatt hatte in den letzten Monaten immer wieder über Skandale aus dem Umfeld Orbans berichtet. Der Regierungschef, dem Kritiker einen autoritären Herrschaftsstil vorwerfen, dürfte "Nepszabadsag" schon länger im Visier gehabt haben, vermuten Mitarbeiter. "Wir wussten, dass uns nicht mehr viel Zeit bleiben würde", sagte ein Redakteur, der nicht namentlich genannt werden wollte, am Samstag der Nachrichtenagentur dpa.

Die Redaktion kündigte auf Facebook an, geschlossen an einer Protestkundgebung in Budapest teilzunehmen und sich gegen dieses Vorgehen zu wehren.

Fidesz-Politiker: "Es war an der Zeit, dass die Zeitung zusperrt"
Die Budapester Führung wies politische Motive von sich. "Keinesfalls wollen wir gegen die Pressefreiheit auch nur dadurch verstoßen, dass wir uns in die Entscheidungen eines Verlagsunternehmens einmischen", erklärte Regierungssprecher Bence Tuzson. Der Fidesz-Vizevorsitzende Szilard Nemeth meinte allerdings im Nachrichtensender Hir TV: "Es war hoch an der Zeit, dass diese Zeitung zusperrt."

Österreichische Investmentfirma mit Faible für Osteuropa
Mediaworks gehört zum Firmengeflecht der österreichischen Investmentfirma Vienna Capital Partners (VCP). Die VCP-Tochter besitzt in Ungarn weitere Printmedien, darunter zwölf Regionalzeitungen. VCP-Chef Heinrich Pecina ist ein Investment-Banker, der seit mehr als zwei Jahrzehnten im ehemals kommunistischen Osteuropa tätig ist.

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