So, 19. Mai 2019
29.01.2016 09:40

"Europa nicht nett"

Frustrierte Iraker kehren Deutschland den Rücken

"Europa ist nicht nett. Hier habe ich keine Aufenthaltsgenehmigung bekommen und auch kein Geld. Ich gehe daher in den kurdischen Teil des Irak zurück, schließe mich vielleicht dem Kampf gegen den IS an", erklärt der 19-jährige Hassan am Flughafen Berlin-Tegel. Er ist kein Einzelfall: Die Zahl jener Iraker, die - frustriert von bürokratischen Asylverfahren und unhygienischen Bedingungen in Flüchtlingsunterkünften - aus Deutschland wieder zurück in ihre Heimat reisen, ist im Steigen begriffen.

Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters wurden vom deutschen Innenministerium im Dezember des Vorjahres mehr als 200 Rückreisen in den Irak registriert. Im September waren es nur 61 gewesen, in den ersten sieben Monaten 2015 gar nur zehn insgesamt. Natürlich entspricht das nur einem kleinen Anteil der insgesamt rund 30.000 irakischen Staatsbürger, die im Vorjahr um Asyl in Deutschland angesucht haben. Der Trend zur Rückreise ist mittlerweile aber nicht mehr zu vernachlässigen.

"Ich habe Heimweh und fühle mich erniedrigt"
Grund dafür ist freilich nicht unbedingt eine Verbesserung der Lage in ihrem Heimatland, sondern die oftmals als nicht sonderlich angenehm empfundene Asylsituation in ihrem einstigen Traumland. "Ich habe Heimweh und fühle mich erniedrigt", erzählte etwa auch der 27-jährige Leith Khdeir Abbas kurz vor seinem Abflug am Mittwoch. "Ich bin nach Deutschland geflohen, um mir eine Zukunft aufzubauen. Aber auf falschen Versprechungen kann ich das nicht machen." Besonders die unhygienischen Bedingungen in seiner Berliner Unterkunft hätten ihm zu schaffen gemacht, aber auch das seiner Meinung nach geschmacklose Essen.

Abbas zahlte seinerzeit 4000 US-Dollar für seine Flucht aus Bagdad, die ihn über die Türkei und Griechenland sowie die Balkan-Route auch durch Österreich führte. Die Reise zurück kostet die Flüchtlinge jetzt hingegen lediglich 280 Dollar, Iraqi Airways fliegt dreimal wöchentlich aus verschiedenen deutschen Städten in den Irak. Ein Sprecher der Fluglinie sieht den neuen Trend nicht unbedingt positiv: "Es ist traurig, dass immer mehr junge Männer wieder in das Kriegsgebiet zurückkehren."

Alle denken jedenfalls nicht so, wie auch ein Freund des 27-jährigen Abbas bestätigt, der seinen Kollegen zum Abschied auf den Flughafen begleitete: "Ich bleibe hier. Wenn es keine Fortschritte bei meinem Ansuchen um Asyl gibt, dann gehe ich einfach in ein anderes europäisches Land. Ich muss ja nicht unbedingt hier in Deutschland bleiben."

Flüchtlinge wollen schnelleres Asylverfahren erzwingen
Jedenfalls sind immer mehr Flüchtlinge in Deutschland mit der schleppenden Bearbeitung ihrer Asylanträge unzufrieden - und ziehen deshalb vor Gericht. Zum Jahresende 2015 waren 2299 sogenannte Untätigkeitsklagen von Asylwerbern gegen das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bei den Verwaltungsgerichten anhängig, wie die "Thüringer Allgemeine" am Freitag unter Berufung auf eine Antwort des Innenministeriums auf eine Anfrage berichtet. Demnach wurden die meisten Klagen von Asylsuchenden aus Afghanistan (560), dem Irak (337), Eritrea (217) und Syrien (207) eingereicht.

Die Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen von den Linken, die die Anfrage gestellt hatte, kritisierte, dass Asylsuchende zum Teil viele Monate warten müssten, bis sie überhaupt einen Antrag stellen könnten. "Das ist untragbar und rechtswidrig, das ist organisiertes Staatsversagen."

Das Ministerium erklärte laut der Zeitung, zur Beschleunigung der Verfahren sei das Personal des BAMF im vergangenen Jahr um etwa 40 Prozent aufgestockt worden. Zudem habe die Behörde 20 neue Außenstellen eröffnet und 400 Sonderentscheider in den Entscheidungszentren eingesetzt, die dort ausschließlich entscheidungsreife Altfälle bearbeiteten. Die Zahl der 2015 getroffenen Entscheidungen habe sich auf diese Weise von 128.911 im Jahr 2014 auf 282.726 mehr als verdoppelt.

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