Di, 21. Mai 2019
15.01.2016 06:23

Debatte entbrannt

Kippa-Verzicht in Frankreich zum Schutz von Juden?

Nach der Macheten-Attacke eines Jugendlichen auf einen jüdischen Lehrer in Marseille hat sich der Vorsitzende des sogenannten israelitischen Konsistoriums in Marseille, Zvi Ammar, für einen Kippa-Verzicht in der Öffentlichkeit ausgesprochen und damit eine landesweite Debatte losgetreten. Die Regierung in Paris erklärte, der Rat sei sicher gut gemeint gewesen, doch sei für den Schutz der Bürger der Staat verantwortlich. Und dieser schütze auch die Religionsfreiheit "all seiner Kinder".

Ammar hatte am Dienstag erklärt, auch wenn es ihm "Bauchschmerzen" bereite, rate er jüdischen Gläubigen vorerst, auf das Tragen der traditionellen Kopfbedeckung zu verzichten, bis "bessere Zeiten" kämen. "Leider sind wir zum Ziel geworden: Sobald wir als Juden identifiziert werden, können wir angegriffen werden und riskieren sogar unser Leben", sagte er nach dem Angriff auf einen Lehrer, der am Montag durch eine Machete leicht verletzt worden war.

"Fasst meine Kippa nicht an!" - das war die Antwort des Präsidenten des zentralen israelitischen Konsistoriums, Joel Mergui. Die Konsistorien vertreten die Interessen der Juden in Frankreich. Er könne zwar verstehen, dass Ammar in seiner emotionalen Betroffenheit so handle, sagte Mergui der Nachrichtenagentur AFP. "Aber er weiß so gut wie ich, dass die Frage, ob wir die Kippa tragen oder nicht, das Problem des Terrorismus nicht lösen wird."

Judenvertreter: "Keine gute Idee"
Frankreichs Großrabbiner Haim Korsia reagierte ganz ähnlich und zeigte Verständnis für die Aufregung. "Wir dürfen aber nicht klein beigeben", sagte er der Nachrichtenagentur AFP. "Wir werden die Kippa weiterhin tragen." Der Präsident des jüdischen Dachverbands, Roger Cukierman, sprach schlicht von "keiner guten Idee", die jüdische Kopfbedeckung abzunehmen. Das käme einer Niederlage und einer Selbstaufgabe gleich.

Kurz darauf schaltete sich dann die Politik ein und stellte klar, wer für den Schutz jüdischer Bürger in Frankreich verantwortlich ist. Der Rat zum Kippa-Verzicht sei sicher gut gemeint, sagte Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem dem Sender France Inter. "Aber das ist nicht die Botschaft, die wir aussenden sollten. Besonders jetzt nicht." Für den Schutz der Bürger sei der Staat verantwortlich.

Innenminister: "Staat schützt alle seine Kinder"
Ähnlich äußerte sich Innenminister Bernard Cazeneuve: Der Staat werde "alle seine Kinder" und die Religionsfreiheit beschützen. Auch Justizministerin Christiane Taubira stellte klar, dass Juden "selbstverständlich" in Sicherheit ihre Kippa tragen können müssten.

Marseille hat mit 70.000 Mitgliedern die zweitgrößte jüdische Gemeinde Frankreichs nach Paris. Schon mehrfach waren dort in den vergangenen Monaten jüdische Bürger das Ziel von Attacken. Auch bei den islamistischen Angriffen vom Jänner des Vorjahres waren vier Juden getötet worden.

Antisemitismus unter Flüchtlingen
Die Angriffe auf Juden durch Muslime erfolgen zu einem Zeitpunkt, an dem der Schock über die massiven Sex-Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in europäischen Städten bei vielen Europäern noch tief sitzt. Neben Sexismus und Homophobie wurden im Zuge der aktuellen Flüchtlingswelle auch in der Frage des "muslimischen Judenhasses" zuletzt warnende Stimmen lauter. Mit der Zahl der Flüchtlinge wächst auch die Angst vor der arabisch-stämmigen Judenfeindlichkeit.

Ex-Flüchtling in Deutschland appelliert in Video: "Steht dazu, dass ihr gerne hier lebt"

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