02.10.2015 00:03 |

Lässiger Kleinkombi

Mini Clubman: Großer Bruder mit Markenklamotten

Wenn man sagt, Mini bringt die neue Version des Clubman auf den Markt, ist das zwar richtig, trifft die Sache aber nicht ganz. Eigentlich lässt Mini den Clubman auslaufen und erfindet ihn eine Klasse höher neu. Der bayerisch-britische Kleinwagen mit den beiden charakteristischen Hecktüren hat quasi die Pubertät hinter sich gelassen und, ja, hm, sagen wir es lieber nicht so laut, richtig erwachsen geworden.

Prinzipiell ist Mini ja die Auto gewordene Unerwachsenheit, doch aus dem Shooting Brake mit der freakigen Halbtüre an der rechten Seite ist ein veritabler Kombi geworden, der mit 4,25 Meter (fast 30 cm mehr als früher) schon Kompaktklasselänge hat und sogar das SUV Countryman deutlich überragt. Damit ist er so groß, dass sie die unternehmensintern lange diskutierte Baureihe "Mini-Van" ad acta gelegt haben. Die Schultern wirken mächtig trainiert und erinnern an die Viagra-Verwandlung des Fiat 500 zum 500X. Vier klassische Türen hat er jetzt, freakig sind nur noch die "Split Doors" hinten - die aber dafür besonders, denn ihr Autoscooter-Design ist echt auffällig. Arg, was für stylische Heckleuchten man inzwischen in Serie bauen kann.

Man hält es auch auf längeren Fahrten locker zu viert aus, selbst wenn alle Insassen Gardemaß haben. Die optionalen Sportsitze haben nun eine ausziehbare Sitzfläche, die Zeiten zwangsweise zu kurzer Sitzflächen sind also vorbei und man sitzt erstklassig. 360 Liter groß ist der Kofferraum; klappt man die (optional 40:20:40 geteilte) Rückbanklehne um, sind es 1.250 Liter. Überhaupt ist das Ladeabteil ein Highlight: Die beiden Türflügel schwingen nacheinander auf, wenn man mit dem Fuß drunterkickt oder auf die Fernbedienung klickt. Der doppelte Boden lässt sich ganz aufstellen, ohne dass er im Weg ist, oder nur zum Teil, sodass kleinere Gegenstände wie Taschen nicht wild durch die Gegend fliegen.

Der große Bruder mit den Markenklamotten
Die Innenraumgestaltung ist typisch Mini, aber doch ganz anders: Es gibt jetzt eine richtige, klassische Mittelkonsole. Das hat den Vorteil, dass man den von BMW übernommenen iDrive-Controller jetzt auch bedienen kann, ohne sich die Hand zu verrenken. Und: Das leicht Studentisch-Billige ist weg. Da sind noch immer die lustigen Kippschalter, auch der zum Starten (nur die Fensterheber sind jetzt in den Türen), da ist wie in Drei- und Fünftürer das dem seligen Suppenschüsseltacho nachempfundene zentrale Designelement mit dem Display in der Mitte, aber: Was über die Augen langsam einsickert und auch über die Hände zu erfühlen ist: In Sachen Materialqualität haben sie bei Mini einen Quantensprung vollzogen. Das wirkt alles richtig wertig, die Oberflächen sind weich, kein Hartplastik konterkariert den Premiumanspruch, den Mini hat. Der Clubman ist so etwas wie der große Bruder mit den Markenklamotten und rangiert jetzt ganz oben in der Mini-Hierarchie. Auch was die Serienausstattung betrifft, die nun auch etwa Klimaanlage, USB-Anschluss, Bluetooth und elektronische Parkbremse umfasst.

Luxus, Lifestyle - und eine lange Preisliste
Mini ist jetzt auch in Sachen Ausstattungsoptionen ziemlich maxi. Von elektrisch einstellbaren Sitzen über den Abstandsregeltempomaten und das Head-up-Display bis hin zu Notbremsassistent und Parkautomat ist eine ganze Menge im Angebot, das man auch von BMW kennt. Die lange Preisliste eingeschlossen. Es war anfangs durchaus irritierend, bei der Präsentation in Schweden nur recht heftig ausgestattete Clubmänner zu fahren, aber so ist das, wenn man erwachsen wird. Meine Wohnung schaut auch nicht mehr so aus wie zu meiner Studienzeit.

Gokart-Fahrfeeling als Entwicklungsziel
Ein Mini muss sich fahren wie ein Gokart, also extrem direkt und wendig. Das stand auch für den Clubman im Lastenheft der Entwickler. Das merkt man deutlich, auch wenn das letzte Quäntchen Direktheit im "Erwachsenenfilter" hängen geblieben ist. Die Lenkung ist also direkt, aber nicht nervös, Geradeausfahren braucht keine gesonderte Aufmerksamkeit, das Fahrwerk macht Spaß, bietet aber auch guten Komfort. Sehr empfehlenswert ist das adaptive Fahrwerk samt Fahrmodusschalter, weil es tatsächlich zwei Charaktere anbietet, also sportlich und komfortabel - und zusätzlich eine Version zum Spritsparen. Gelitten hat leider der Sound. Der Mini Cooper S, eigentlich ein veritabler Spaßbringer, klingt im Normalmodus normal, im Sportmodus bemüht. Das über die Lautsprecher zugespielte ergänzende Motorgeräusch ist ein schwacher Ersatz für den Sound von früher. Hin und wieder auftretendes Auspuff-Spotzen macht das auch nicht wett.

Der Motor an sich ist natürlich erstklassig. 192 PS leistet er jetzt, 280 Nm (mit Overboost 300 Nm) stemmen die vier turbobeatmeten Zylinder auf die Kurbelwelle - und das schon ab 1.250/min. Dadurch fährt sich der Brite spaßig ohne Ende, auf eine gereifte Art. dazu passt, dass man vergeblich nach einem Handbremshebel sucht. 7,2 Sekunden reichen dem 1.360-kg-Kombi für den 100er-Sprint, maximal läuft er 228 km/h. Das habe ich bisher nicht testen können, Tempolimits werden in Schweden gut kontrolliert und rigoros bestraft.

Hervorragend ist die Lenkung, die Antriebseinflüsse sehr gut herausfiltert. Das Sechsgang-Handschaltgetriebe flutscht knackig wie eh und je, aber wie eh und je landet man leicht wieder im Rückwärtsgang, wenn man beim hektischen Rangieren vom Rückwärtsgang in den ersten schalten will. manche lieben es, ich finde es eher gewöhnungsbedürftig: Der Cooper S gibt selbsttätig Zwischengas.

Famose Achtgangautomatik mit Navi-Unterstützung
Es gibt aber jetzt auch eine starke Alternative: die brandneue Achtgangautomatik mit Segelfunktion. Um gleich ein Missverständnis auszuräumen: Es handelt sich dabei nicht um den ZK-Wandler von BMW (der ist nur für Längsmotoren verwendbar), sondern um einen von der japanischen Toyota-Tochter Aisin. Allerdings stammt die Software von BMW/Mini, daher funktioniert diese Quermotoren-Automatik so hervorragend wie das ZK-Pendant von BMW. Übrigens gibt es zwei Versionen: eine normale und eine Sport-Automatik mit nochmals kürzeren Schaltzeiten. Ganz fein: Ist ein Navigationssystem an Bord, schaut die Automatik voraus und spart sich z.B. unnötiges Raufschalten zwischen zwei Kurven.

Neben dem Clubman Cooper S, der zum Test bereit stand, hat man zum Marktstart ab 31. Oktober die Wahl zwischen dem Zweiliter-Vierzylinder-Diesel mit 150 PS und 330 Nm (Mini Cooper D) sowie dem 1,5-Liter-Dreizylinder-Benziner mit 136 PS und 220 Nm (Mini Cooper). Einen Monat später folgen der 102-PS-Dreizylinder-Benziner (Mini One), der Dreizylinder-Diesel mit 116 PS sowie das Drehmoment-Diesel-Monster Mini Cooper SD mit 190 PS und 400 Nm.

Unterm Strich
Der Mini Clubman ist das neue Topmodell unter den Minis. Preislich liegt er rund 3.000 Euro über dem Fünftürer und sogar ungefähr 1.000 Euro über dem Countryman, allerdings steckt auch eine rund 1.000 teurere Serienausstattung drin. Bei 22.900 Euro startet die Preisliste. Für Mini-Verhältnisse ist der Clubman richtig gediegen, was offenbar die neue Linie ist, die in München/Oxford eingeschlagen wird. Schluss mit Spielen, daher bekommen auch Roadster, Coupé und Paceman keinen Nachfolger. Noch nicht vom Tisch ist aber ein Schmuckstück wie die Superleggera-Studie, die man auf dem Pariser Salon gezeigt hat. Träumen ist auch für Erwachsene erlaubt.

Warum?

  • Weil er noch immer erfrischend anders ist, das aber keine Einschränkung mehr bedeutet.

Warum nicht?

  • Das Freche, Wilde von früher hat er nicht mehr.

Oder vielleicht …

… einen Clio Grandtour? Der ist noch am ehesten vergleichbar.

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