Mo, 15. Oktober 2018

"Spiegel"-Kommentar

02.09.2015 08:47

Flüchtlingskrise: Die Idealisierung des Fremden

Seit einigen Tagen ist in der Flüchtlingskrise - zumindest oberflächlich - eine Veränderung bei der Stimmungslage der Bevölkerung zu beobachten. Dominierten bis vor Kurzem noch Angst und Befürchtungen, so wurden in Deutschland und Österreich syrische Flüchtlinge, die ÖBB-Railjets in Budapest stürmten, von vielen mit offenen Armen und herzlich empfangen. Das deutsche Nachrichtenmagazin "Spiegel" warnt daher vor einer "Flüchtlingseuphorie". Wir veröffentlichen diesen Kommentar in leicht gekürzter Version.

Wir kennen Fremdenangst. Wie soll man das nennen, was wir gerade erleben: Fremdenmut?

Es ist anrührend zu sehen, wie viele Menschen in Deutschland tatkräftig mithelfen, um den Flüchtlingen, die um Aufnahme bitten, einen freundlichen Empfang zu bereiten.

Stimmungen können sich verändern, in jede Richtung. Eine Politik, die sich auf Gefühlslagen verlässt, ist schnell verlassen. Es ist gerade mal ein halbes Jahr her, da haben die Deutschen noch hinter jedem Zauselbart einen Dschihadisten vermutet und unter jedem Kopftuch die dazugehörige Braut. Wenn der Zuzug in diesem Tempo anhält, wird sich die Zahl der in Deutschland lebenden Muslime in absehbarer Zeit verdoppelt haben. Das ist eine Entwicklung, die alle Prognosen in den Schatten stellt, mit denen Thilo Sarrazin sein Publikum zum Gruseln brachte. Man ahnt, dass es nicht viel braucht, um die alten Befürchtungen wieder zu aktivieren.

Vermutlich wird es unter Bewerbern sogar IS-Kämpfer geben
So wie die Fremdenfurcht in den Neunzigern übertrieben war, die in der Tabuisierung des Wortes "Einwanderungsland" mündete, erleben wir gerade eine Übertreibung in die andere Richtung, die ihre Entsprechung in der Euphorie über die "Willkommenskultur" findet. Es liegt auf der Hand, dass nicht jeder, den wir aufnehmen, Herzchirurg sein kann. Es werden Menschen darunter sein, die nur darauf aus sind, die Gegebenheiten auszunutzen. Einige werden den Nachbarn ermordet haben, bevor sie sich auf den Weg in den Westen machten. Vermutlich wird es unter den Bewerbern sogar IS-Kämpfer geben, die sich bei uns nur ausruhen wollen.

In Wahrheit wissen wir sehr wenig über die Menschen, die in Deutschland Asyl beantragen.

Man hat jedenfalls noch von keinen Flüchtlingstrecks gehört, die gen Russland oder Saudi-Arabien zögen. Das mag an der Einseitigkeit der Medien liegen, die alles unterschlagen, was ihnen nicht passt. Aber wahrscheinlicher ist als Erklärung, dass die Attraktivität des russischen Modells doch nicht ganz dem entspricht, was Putin sich vorstellt.

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