"Blackmore's Night"

Ritchie Blackmore im Mittelalter

Musik
20.03.2006 15:35
Bei Deep Purple verwüstete er noch Hotelzimmer mit Sänger Ian Gillian, bewarf Kameramänner bei Live-Shows mit Bierbechern und verkehrte mit Groupies unter John Lords Piano. Die Rede ist von Ritchie Blackmore, einem der legendärsten Rock-Gitarristen und trotzigsten Bandmitglieder der Welt. Seit Deep Purple ohne ihn mit neuem Gitarristen durch die Lande ziehen, ist Ritchie Blackmore aber nicht untätig: Er gründete mit seiner Frau die Band „Blackmore’s Night“. Das klingt jetzt düster und schwer nach Heavy Metal, ist es aber nicht. Denn „Blackmore’s Night“ machen mittelalterliche, barocke Musik mit Laute, Dudelsack, Fiddel und Stromgitarre! Robin Hood ist verzückt, eingefleischte Deep Purple Fans verstehen erneut die Welt nicht mehr…
kmm

Ritchie Blackmore galt ja schon immer als „exzentrisch“ und „anders“. In seinen Glanzzeiten leistete er sich ein paar starke Stücke, die nicht nur ihn, sondern die ganze Band Deep Purple oftmals in mediale Bedrängnis brachten. Abgesehen von zerstörtem Hotelmobiliar und beleidigten Journalisten, kippte er vor Konzerten einige Male mit selbst angezüchteter Gelbsucht um, hörte während einer Show einfach auf zu spielen oder geigte trotzig hinter der Bühne weiter. 

All das führte dazu, dass sich Blackmore und Sänger Ian Gillian zerstritten und abwechselnd die Band verließen. Seit 1993 geht Ritchie Blackmore mit Deep Purple nicht mehr ins Studio.

Und das wird der siebte Streich...
Stattdessen startete er einige Projekte, brachte mehrere Alben mit der Band „Rainbow“ heraus, die es mit Unterbrechungen schon seit 1975 gibt bzw. gab. Denn seit 1996 macht er fast nur mehr Haus-und-Hof-Musik mit „Blackmore’s Night“. Die Band veröffentlichte schon sechs Alben, darunter einen Live-Mitschnitt und eine Weihnachts-CD, und ist in Liebhaberkreisen sehr erfolgreich. Sie absolvierten mehrere Tourneen, spielten auf Schlössern, Ritterburgen und in Kirchen und Synagogen. 

Mit „The Village Lantern“ kommt jetzt der siebente Longplayer und spaltet abermals die Blackmore-Anhänger. Das Cover-Foto zum Beispiel, könnte locker für einen „Harry Potter“-Soundtrack verwendet werden – kurz: man hört die alten Deep Purple Fans jetzt schon höhnen.

Laute statt E-Gitarre!
Wer Blackmore’s virtuose Hard-Rock-Soli im Ohr hat, den wird’s gleich beim ersten Track gewaltig vom Hocker reißen. Auf einem Foto im Booklet posiert Blackmore im mittelalterlichen Jute-Hemd mit einer – immerhin doppelhälsigen – Akustikgitarre. Und die gibt er auf dreiviertel der Songs von „The Village Lantern“ nicht ab. Seine Frau Candice Night – die andere Hälfte des Bandnamens – singt auf allen Tracks, die zwischen lustigen Pub-Saufliedern à la Dubliners, mittelalterlichen Minnegesängen und Renaissance-Rock mit harten E-Gitarren-Riffs hin und her pendeln. Gewöhnungsbedürftig, zuerst einmal.

Der Rocker kommt aber durch
Jedoch muss auch der militanteste Deep Purple Fan, der Blackmore gerne wieder in der Band sehen würde, zugeben, dass „Blackmore’s Night“ was für sich hat. Die Musik ist beruhigend, geradezu mystisch und kann auf jeden Fall als hochkarätige Produktion zur Abteilung „Moods for relaxed Evenings“ gezählt werden. 

Und außerdem packt Ritchie Blackmore auf drei, vier Songs von „The Village Lantern“ seine alte Fender aus und fegt ein paar virtuose Runden über die Saiten. Da gibt’s dann auch richtige Drums, statt Hirschfell-Trommeln und temporeiche Songs, die an die Klassik-Variationen von Steve Vai oder Yngwie Malmsteen erinnern.

Keyboards, Synths und künstliche Orchester?
Obwohl die Band acht Mitglieder umfasst, wurden auf „The Village Lantern“ verdächtig oft synthetische Instrumente eingesetzt. Einige Songs, so auch der Titel „The Village Lantern“, umfassen gewaltige Orchestrierungen, die leider zu stark nach Computer klingen. Das wirkt dann einfach zu sauber, als dass es eine mittelalterliche Stimmung heraufbeschwören könnte. 

Ganz ohne Deep Purple geht's aber auch nicht...
Lobenswert ist aber die Coverversion des alten Deep-Purple-Hits „Child in Time“: Nach einem munteren Intro, das sich „Mond Tanz“ nennt, kommen Candice Night und Ritchie Blackmore schnörkellos zur Sache. Ian Gillians Gekreische im Refrain vermisst man zwar ein bisschen, Miss Night erledigt diesen Part aber ganz gekonnt zwei Oktaven tiefer.

Fazit: Für Knappen und Burgfräuleins sind „Blackmore’s Night“ die ultimative Klangwolke. Abseits der Ritterburg oder feuchter Kirchengemäuer kann „The Village Lantern“ auch im Wohnzimmer für mystische Stimmung sorgen. Wer Ritchie Blackmore als herben Rocker in Erinnerung hat – schließlich ist er ja einer der größten Gitarristen der letzten hundert Jahre – wird von seiner mittelalterlichen Seite (abermals) enttäuscht. Zu wenig musikalische Authentizität und die mit wabernden Orchestern überproduzierten Songs rauben der Platte an einigen Stellen den Biss und ein bisschen das Feeling.

6 von 10 mittelalterlichen Gassenlaternen

Wer jetzt hören möchte, wie Ritchie Blackmore als Robin Hood klingt: In der Linkbox gibt's Samples vom gesamten Album auf der Website der Plattenfirma SPV!


Christoph Andert

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