50 Jahre Arena Wien werden in „Drüben im Dritten“ (Glitzer & Grind Verlag) von Autor Claus Oistric nachgezeichnet. Von den Anfängen mit Besetzung über die Öffnng in den 80er-Jahren bis hin zu den aktuellen Problemen mit der Gentrifizierung wird ein buntes Bild gezeichnet, das auch die Top-Stars nicht auslässt. Ein mehr als gelungenes Werk.
Wer Musik liebt oder des Öfteren in Wien einmal ein Konzert besucht hat, der war mit relativ großer Sicherheit schon einmal zu Gast in der Wiener Arena im dritten Gemeindebezirk der Bundeshauptstadt. Die Arena ist vieles ohne sich jemals bis zur Unkenntlichkeit verbogen zu haben oder ihre – manchmal etwas starren – Werte abgegeben zu haben. Was heute fast schon prunkvoll als Anti-Statement gegen Modernisierung und Gentrifizierung seinen Platz verteidigt, schien vor 50 Jahren bereits verloren zu sein. Damals musste das noch in Auslands- und Inlandsschlachthof geteilte Areal mittels Besetzungen erkämpft werden, als die einstige Wiener Stadtregierung im damaligen Industrieviertel nur allzu gerne eine kommerziellere Nutzung dafür vorgesehen hätte. Dagegen gab es aber Einwände und der Rest ist Geschichte, wie es immer so schön heißt. Diese Geschichte hat der Autor und Kommunikationswissenschaftler Claus Oistric aus Niederösterreich im rund 300 Seiten starken Kompendium „Drüben im Dritten - Arena Wien“ festgehalten.
Tiefenrecherche im Beisl
Die im bereits weiten Arena-Jubiläumsbuch dieses Jahres festgehaltenen Storys sind vornehmlich aus der Position des Punks gelegt, was im vorliegenden Fall gleich doppelt Sinn macht. Einerseits steht die exzentrisch anmutende Subkultur wie keine weitere stellvertretend für das Sein und Wesen der Institution Arena, andererseits lässt sich Oistric selbst in dieser Gegend verorten und hatte daher sehr viele Möglichkeiten, die Recherche noch ein bisschen tiefgründiger anzulegen, weil schlichtweg der direkte Kontakt mit langlebigen oder kultigen Figuren rund um die Arena gegeben oder ertrunken werden konnte. Dies gilt im wahrsten Sinne des Wortes, denn wo Punks und musikalisch Interessierte, da ist der nächste Zapfhahn nicht weit entfernt. Dass der Autor im Laufe des Projekts offenbar das eine oder andere Mal frühmorgens aus dem autonomen Arena-Beisl gewankt ist und sich das schwer Gemerkte nach etwas Schlaf und einer lebensrettenden Aspirin zeitverzögert notiert hatte, macht das Projekt seine ihre Umsetzung noch mehr Spaß.
Er verknüpft in seinem Handlungsstrang selbst Erlebtes mit geschichtlichen Anekdoten von Zeitzeugen aus allen verschiedenen Ären der Arena-Historie und Tiefenrecherche, die offenbar in alten Tageszeitungen und Magazinen in der Bibliothek mündete. Bei einem halben Jahrhundert Rückschau haben längst alle Generationen in Österreich in Wien Erdberg etwas erlebt, das sie aus unterschiedlichen Gründen für immer in Erinnerung behalten werden. Dass die Arena – mit Ausnahme der traditionellen Bierwoche im August – heute in erster Linie eine Location für Live-Sows werden sollte war lange nicht so eindeutig klar. Die Arena war früher noch viel mehr als heute ein Ort für wilden Diskurs, während die Jahre der Besetzung und darüber hinaus noch weit mehr Politik, Diskurs und Fußball am Open-Air-Rasen war, definiert man sich heute deutlich klarer im Klanggewand und abseits davon hat man gar keine Zeit mehr, andere Events oder Subveranstalter in ansprechenden Maßstab Raum zu geben.
Es war immer jeder dabei
Oistric‘ Nachlese erfreut mit der merkbaren Freude, an die der Stammgast der Arena an dieses Projekt herangegangen ist. Dass Punk-Bands aus Österreich oder Deutschland bei Interviews oder in der Nacherzählung Vorrang haben, liegt mit Sicherheit an einer guten Vernetzung in diesem Bereich. Er schreibt einfach und kompetent, stellt sich selbst nie in den Vordergrund und lässt seine Stärken verständlicherweise dort aufblitzen, wo er selbst am aktivsten mit am Start war. Dennoch weiß er mit Bonmots zu erfreuen, die selbst hartgesottenen Fans entweder noch kein Begriff waren, oder damit erst wieder durch das Werk erinnerlich gemacht werden. Wussten Sie etwa, dass man in den weniger glorreichen Anfangstagen noch einen Bären am Nasenring durch die Schlachthof-Manege zog? Man wird beim Lesen auch noch einmal daran erinnert, welch kulturelles Brachland Wien bis tief in die 80er-Jahre hinein noch war und wie selbst erste internationale Punk-Bands wie die Dead Kennedys oder Black Flag nichts daran ändern konnten, dass die Arena erst durch den Grunge-Hype der 90er-Jahre ein fixer und regelmäßiger Ort für Veranstaltungen mit internationalen Top-Acts wurde. Wenn ihnen aber jemand erzählt, er wäre 1991 bei Nirvana oder 1997 bei Robbie Williams live dabei gewesen, ist die Chance groß, dass es eine Lüge im besten Sinne der verklärten Nostalgie ist. Beide Gigs waren ewig weit entfernt davon, ausverkauft gewesen zu sein.
Man wird reingezogen in die Frühzeiten der Arena, wo Bandmitglieder und andere Fans bei schlechter Leistung oder purem Grant im Publikum schon einmal nonchalant mit Bierflaschen attackiert wurden. Verletzungen standen an der Tagesordnung, die Polizei hatte naturgemäß dort sowieso nichts zu suchen. Zu Wort kommen ehemalige und aktuelle Mitarbeiter aus allen Sparten der Arena, aber auch verschiedenste Musiker. Die legendäre Punk-Poetin Patti Smith erklärt dabei in aller Ruhe, warm sie ihren Bookern bei jeder neuen Tour einen Wien-Aufenthalt herauswringt. Thees Uhlmann hat die Arena weitaus lieber als den Gasometer. Selbst Henry Rollins, Walter Schreifels und Napalm-Death-Frontmann Barney Greenway huldigen ihrem Lieblingsort in Europa für seine Beharrlichkeit und zuweilen unorthodoxen Methoden. Oistric streicht dabei die Arena-kritischen-Aspekte vielleicht nicht direkt, aber doch markant raus. Immer wieder greift man sich beim Lesen an den Kopf und wundert sich, welche Chancen man aufgrund der stringenten und mit Leidenschaft geführten Debatten vorbeifliegen lässt. Frei nach dem ewigen Motto „Entertainment And Confrontation“ wiegen die Werte der Basisdemokratie stets schwerer als der Kommerz.
Erfolg durch Resilienz
Der Schreibstil ist flüssig und man bleibt am Autor hängen, weil seine chronologische Abhandlung nie zur langweiligen Pflicht verkommt, sondern stets auf die wichtigen Punkte jedes Subkapitels eingehen. Es herrscht eine passende Mischung aus Name-Dropping, Tiefenanalyse und der wichtigsten Aufgabe für so ein Projekt – den Kult und die geschichtlich gewachsene Größe des Areals und seiner Werte so in den Mittelpunkt zu stellen, dass man an der Wichtigkeit und Langlebigkeit der Arena nicht mehr vorbeikommt. Probleme gab und gibt es immer und die Arena ist nicht zuletzt wegen ihrer offen zur Schau gestellten Unabhängigkeit und Resilienz ein Fall, an dem sich Gegner und Politiker immer reiben werden. „Drüben im Dritten“ ist immer was los und Bands, Fans und „Arenauten“ lieben den Dreck und die Wildheit, die sich immer wieder Bahn bricht. Solche oft zum Sterben freigegebene Räume braucht man für Jugend und Subkultur mehr denn je – und das Buch nimmt uns mit auf ein halbes Jahrhundert Reise mit Erfolg. Nämlich jenen, sich von keiner einzigen Widrigkeit besiegen zu lassen. Auf die nächsten 50 Jahre!
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