Mit Ruggero Leoncavallos beinahe unbekannter „La Bohème“ begeisterte die Grazer Oper. Die konzertante Aufführung ist nur noch einmal am 4. November zu erleben. Ein echtes Gustostückerl für Opernfreunde.
„La Bohème“ gehört zu den meistgespielten Stücken der Opernliteratur – allerdings nicht jene von Ruggero Leoncavallo. Er hat den Wettstreit mit seinem Komponistenkollegen Giacomo Puccini – zumindest was die Gunst des Publikums angeht – klar verloren, doch seine Version von Henri Murgers Roman „Scènes de la vie de bohème“ ist zu Unrecht in Vergessenheit geraten.
Leoncavallo setzt nicht so sehr auf Schmelz und die tragische Liebesgeschichte zwischen Mimi und Rodolfo, er rückt vielmehr Musette und Marcello und mit ihnen das pralle Künstlerleben mit all seinen Licht- und Schattenseiten in den Fokus.
Zwei Seiten einer Münze
Im ersten Teil zelebriert er Freiheit, Unbeschwertheit, Liebe. Dafür wählt er perlende Klänge, mischt sie mit Walzern und musikalischen Zitaten. Das Café Momus und das Künstlerfest im Hof einer Mietskaserne können aber nicht über die prekäre Lage der Protagonisten hinwegtäuschen, wo Delogierungen und Hunger an der Tagesordnung stehen. Darum geht es dann vorrangig im dritten und vierten Akt. Die Musik wird ungleich dramatischer, die Gefühle stürmischer. Und schließlich stirbt auch hier Mimi in den Armen Rodolfos, weil sich in diesem Milieu keiner einen Arzt leisten kann.
Daniela Musca hat die Grazer Philharmoniker und die Sänger wunderbar im Griff. Sie zeichnet das perlend Leichte ebenso klar wie die emotionalen Eruptionen mit großer Empathie. Mit Gaston Rivero (Marcello) und Anna Brull (Musette) hat sie ein ausdrucksstarkes Liebespaar zur Verfügung. Lisa Wittig liefert als Mimi Dramatik, Petr Sokolov glänzt als Rodolfo in Wut und Leid. Den roten Faden hält Ivan Orešćanin als Schaunard fest in Händen. Wie überhaupt das Ensemble mit Wilfried Zelinka, Daeho Kim, Ted Black, Neira Muhić, Aleš Jenis, Jianwei Liu und all den anderen bis in kleinste Rollen überzeugen kann. Ein Gustostück für Opernfreunde. Nicht versäumen!
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