Das Studio Percussion rund um Günter und Raphael Meinhart ließ zum 90. Geburtstag des Minimal-Music-Stars Steve Reich die ganze Stadt erklingen. Das Projekt – vom Kulturkuratorium des Landes als künstlerisch nicht relevant eingestuft – begeisterte mit höchster Qualität die Massen.
Persönlich anwesend war er leider nicht und doch omnipräsent. Es war fast schwerer, vergangenen Samstag nicht mit Steve Reich in Berührung zu kommen als ihm über den akustischen Weg zu laufen. Das war in erster Linie das Verdienst von Günter Meinhart. Der Begründer des Studio Percussion Graz hat schon Anfang der Achtziger mit Reich konzertiert und hatte die Idee zu diesen 24 Stunden reich an Reich.
Startschuss pünktlich um Mitternacht
Der Auftakt wurde in der Herz-Jesu-Kirche begangen – freilich pünktlich um Mitternacht. Denn Exaktheit ist einer der Parameter, der die Musik von Reich ausmacht. Doch darauf beschränken darf man sich beim Amerikaner nicht und so wurden seine Stücke „Four Organs“ und „Violin Phase“ von Manfred Tausch an der Orgel improvisiert weitergesponnen. Das folgende Pendulum Music war zur Überbrückung der Nacht stündlich zu erleben – auch im Livestream.
Überhaupt waren viele Programmpunkte bei freiem Eintritt und unter freiem Himmel zugänglich. Als primus inter pares darf exemplarisch „Different Trains“ hervorgehoben werden, ein Stück, das Reich selbst zu einem seiner gelungensten zählt und das vor dem Ostbahnhof von Studio DAN interpretiert wurde. Man hätte für ein Werk, das musikalisch episodenhaft den Stimmen von Holocaust-Überlebenden folgt und mit Zuggeräuschen der Deportation untersetzt ist, keinen prägnanteren Ort finden können. Die Gänsehaut, sie sprießt auch im öffentlichen Raum.
Der Straßenlärm daneben trübte das Erlebnis kaum. Steve Reich hat ihn selbst in „City Life“ zum Prinzip erhoben. In großer Besetzung transponierte Studio Percussion diese Hommage an New York ins nächtliche Graz und ermöglichte beim Blick von der Kanonenbastei des Schlossbergs über die Stadt, die allzu oft schläft, neue Hörwinkel.
Die abschließende Konzert-Trilogie an der Kunstuni präsentierte noch einmal die Bandbreite der Anknüpfungspunkte an Reich. Sound-Künstlerin Isabella Forciniti verhalf seiner Minimal Music zu maximalem Effekt und legte Versatzstück auf Versatzstück in einer randvollen Sound-Collage.
Techno zum Finale
Studio Percussion versammelte hernach alle verfügbaren Marimbas der Stadt oder jedenfalls derer sechs für „six marimbas – extended“ und schlegelte sich im wechselnden Rhythmus-Fluss zur kontrollierten Ekstase. Selbiges trifft auch auf den Schlusspunkt der „Vierzwanzig Stunden von Reich“ zu. Der organische Techno von Elektro Guzzi vereint Kopf und Tanzbein in holistischer Symbiose und würde wohl nicht so klingen, hätte es Steve Reich nie gegeben. Alles Gute zum 90er!
Roland Schwarz
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