Die Johannes Kepler Universität Linz wird am 8. Oktober 60 Jahre alt – und sie gestaltet mit Schwerpunkten wie Künstliche Intelligenz oder spartenübergreifender Forschung ungebrochen unsere Zukunft aktiv mit; die „Krone“ sprach mit Rektor Stefan Koch über Meilensteine – auch ein KI-Experte, eine Physikerin und ein Jurist kommen zu Wort.
Mit mehr als 4000 Mitarbeitern und rund 27.000 Studierenden zählt die Johannes Kepler Universität (JKU) zu Österreichs größten Hochschulen und sie setzt gern besondere Akzente: Neben Forschungsschwerpunkten wie Künstliche Intelligenz bietet etwa der grüne Campus Lebensraum für Bienenvölker. Mit dem „Zirkus des Wissens“ begeistert man Kinder und Jugendliche für Wissenschaft. Die „Krone“ sprach mit Rektor Stefan Koch über die Stärken der JKU und Herausforderungen, etwa die Veränderung der Lehre durch KI.
„Krone“: Nennen Sie uns bitte Meilensteine in der Geschichte der JKU?
Rektor Stefan Koch: Hier wurden – historisch betrachtet – neue Disziplinen maßgeblich mitentwickelt und geprägt, etwa Mechatronik, aber auch Wirtschaftsinformatik. Einer der jüngsten Meilensteine war die Gründung der Medizinischen Fakultät, vor etwas mehr als 10 Jahren, das hat unser Portfolio stark bereichert und ist auch für den Standort extrem wichtig.
Wo bleibt die JKU in der Position des Pioniers?
Ein Fokus liegt bei uns auf Artificial Intelligence, also Künstlicher Intelligenz (KI), mit eigenem Studium und Verbindungen in die anderen Disziplinen hinein.
Skizzieren Sie für uns bitte kommende Herausforderungen bei der Lehre?
Eine unserer Kernfragen ist: Was müssen Absolventinnen und Absolventen jeder Studienrichtung können, wenn sie in den Berufsalltag einsteigen? Aktuell sind das auch Kompetenzen, verantwortungsvoll mit KI arbeiten zu können, denn KI wird bei allen eine Rolle spielen. Das betrifft Juristen genauso wie Mechatroniker oder Kunststofftechniker.
Für die Anwendung von KI werden Regeln gefordert. Arbeitet die JKU daran?
Wir haben in unserem KI-Studium von Anfang an das Thema Ethik integriert. Alle unsere Studierenden lernen, über KI zu reflektieren. Was sind Fake News? Welche Vorurteile und Diskriminierungen kann KI wiedergeben? Wie benutzt man die Systeme richtig? Wir forschen aber auch zu Fragen der Regulierung von KI und Digitalisierung. Hier arbeiten Juristen mit Technikern zusammen.
Dass mehrere Disziplinen gemeinsam forschen, ist das auch etwas, das an der JKU stark gepflegt wird?
Es ist unser Auftrag, Disziplinen immer mehr zusammenbringen. Technik und Medizin, Volkswirtschaftslehre und Medizin, KI und Rechtswissenschaften, Betriebswirtschaftslehre und Informatik – das alles sind Kombinationen, die wir für aktuelle Themen auch brauchen, weil es Herausforderungen gesellschaftlicher Natur gibt.
Mit 60 Jahren ist die JKU immer noch eine junge Uni.
Ja, zum Vergleich: die Universität Wien ist bereits 661 Jahre alt.
Der Wissenschaftsfeindlichkeit und dem Desinteresse gegenüber Forschung und Entwicklung entgegenzutreten ist eine große Herausforderung für die Universitäten.
Stefan Koch, Rektor der Johannes Kepler Universität Linz
Verraten Sie uns: Was ist der Vorteil einer jungen Uni?
Eine Universität, egal wie alt, muss sich immer selbst hinterfragen und selbst erneuern. Natürlich ist es aber besonders spannend, Dinge neu zu entwickeln.
Die Wissenschaftsfeindlichkeit in der Gesellschaft steigt. Wie wollen Sie dieser begegnen?
Der Wissenschaftsfeindlichkeit und dem Desinteresse gegenüber Forschung und Entwicklung entgegentreten, ist eine große Herausforderung für die Universitäten. Wir reagieren darauf damit, dass wir mehr nach Außen gehen. Wir betreiben auch den Kepler Salon, ein Diskussionsforum in der Innenstadt, und den Zirkus des Wissens am JKU Campus, der Formate für Erwachsene ebenso wie für Kinder und Jugendliche anbietet. Wir bieten neuerdings auch „Wissensdurst – der JKU Podcast zu aktuellen Themen“ an.
Wo ist Ihr Lieblingsplatz am Gelände der Uni?
Am Teich, der ist das Herz des JKU-Campus, hier gibt es auch Gastronomie. Am Campus trifft man sich, er prägt die Uni – und jeder kann hierher kommen. Unsere Universität ist kein Elfenbeinturm, sondern ein offener Ort, den jeder aufsuchen kann. Hier ist jeder willkommen!
Am 8. Oktober 1966 wird die Hochschule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften eröffnet, 1968 konstituierte sich die Technisch-Naturwissenschaftliche Fakultät. 1969/70 startete Informatik. Im Jahr 1975 wurde die Rechtswissenschaftliche Fakultät gegründet und mit dem Universitäts-Organisationsgesetz erhielt sie den Namen „Johannes Kepler Universität“; 2014 folgte die Gründung der Medizinischen Fakultät.
Zwischen Regionalität und dem Greifen nach Sternen
Wenn man nach berühmten und international bekannten Professorinnen und Professoren der JKU Linz fragt, trifft man auf viele Namen. Die „Krone“ stellt drei Persönlichkeiten vor.
Alberta Bonanni ist eine italienische Physikerin aus Udine und Professorin für Festkörperphysik an der Johannes Kepler Universität Linz. Sie ist zudem Vizerektorin für Forschung und Internationales.
„Krone“: Was finden Sie an der JKU vor, das für Sie und Ihre Forschungen besonders förderlich ist?
Alberta Bonanni: Von Anfang an habe ich an der JKU die Freiheit vorgefunden, die für mich und für die Wissenschaft unverzichtbar ist. Und die übrigens eine der Säulen jeder echten Universität ist.
Was mögen Sie an der JKU?
An der JKU schätze ich vor allem das Potenzial. Das Potenzial, zu wachsen, sich zu öffnen und sich weiterzuentwickeln. Und genau das tut sie auch kontinuierlich.
Sepp Hochreiter ist ein deutscher Informatiker und KI-Forscher. Er leitet das Institut für Machine Learning an der Johannes Kepler Universität Linz und entwickelte mit Jürgen Schmidhuber das einflussreiche LSTM-Verfahren, eine Grundlage moderner KI.
„Krone“: Sie sind einer der international bekanntesten Forscher im Bereich Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen. Warum sind Sie der JKU immer treu geblieben?
Sepp Hochreiter: Ich fühle mich kulturell als Bayer hier sehr wohl. Die JKU gab mir die Freiräume meine KI-Forschung voranzutreiben und ich konnte „mein eigenes Spiel spielen“ und aus einem relativ kleinen Standort eine internationale KI-Adresse machen.
Wie haben Sie den Forschungsschwerpunkt Künstliche Intelligenz (Artificial Intelligence, AI) mitgestaltet?
Ich habe mir in Linz selbst ein Forschungsökosystem aufgebaut. Das Institut für Machine Learning, das LIT AI Lab, die ELLIS Unit Linz, das Cluster of Excellence BILAI und vor allem das AI-Studium. Kürzlich auch das KI-Startup NXAI.
Wie sehen Sie den Status der JKU im Ranking der europäischen Hochschulen in Ihrem Bereich?
Die JKU ist in KI/Machine Learning eine international sichtbare Forschungsuniversität und in Österreich die führende Adresse. In Europa gehört sie zur Spitzengruppe der großen KI-Zentren.
Die JKU beherbergt die ELLIS Unit Linz, die 2019 zu den ursprünglichen ELLIS Units gehörte. ELLIS ist ein europäisches Netzwerk, das auf Exzellenz ausgerichtet ist und das ausdrücklich die führenden Machine-Learning-Forschungsstandorte Europas zusammenführt. Mit dem KI-Studium ist die JKU sogar führend auf europäischer Ebene.
Meinhard Lukas ist Jurist, Professor an der JKU Linz und Geschäftsführer des Kepler Universitätsklinikums. Von 2015 bis 2023 war er JKU-Rektor.
„Krone“: Welche Idee der JKU hat Sie persönlich beeinflusst oder sogar geprägt?
Meinhard Lukas: Die Idee einer Universität, die stark in Land und Stadt verwurzelt ist und die zugleich internationale Strahlkraft entwickelt. Es geht um das Bewusstsein der regionalen Wurzeln und zugleich um die Fähigkeit, Provinzialität zu überwinden und auch die Ambition, nach den Sternen zu greifen. Unser Namensgeber Johannes Kepler ist auch insofern ein leuchtendes Vorbild.
Welcher Meilenstein der JKU hat in den vergangenen Jahren die größte Wirkung auf die Gesellschaft gehabt?
Die Gründung der Medizinischen Fakultät und mit ihr des Kepler Universitätsklinikums hatte und hat einen epochalen Einfluss auf die Gesundheitsversorgung in Oberösterreich. Die Wirkung der immer noch jungen Med. Fakultät auf die Gesellschaft kann daher gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Auch die frühzeitige KI-Initiative der JKU (lange vor dem Ersterscheinen von ChatGPT) hat die Entwicklung des Standorts wesentlich beeinflusst. Das aktuelle KI-Exzellenz-Programm der Landes OÖ ist ohne die KI-Kompetenz der JKU nicht denkbar. Hier geht es um die Zukunftsfähigkeit unseres Industriestandorts mit all seinen Arbeitsplätzen.
Was macht die JKU in Ihren Augen zu einem besonderen Ort?
Zum einen ihre Gründungsgeschichte mit dem Linzer Hochschulfonds (Land und Stadt) samt der Gründung der Med. Fakultät, zum anderen ihr einzigartiger Campus im Auhof und ihr MedCampus mitten in der Stadt.