Fachkräfte-Ausbildung

ÖGB kontra Wirtschaft: Handeln, nicht streiten!

Tirol
16.09.2026 08:11

Die Aussagen des Fachkräftekoordinators in der Wirtschaftskammer Tirol, David Narr, in einem „Krone“-Interview lassen den Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB) einigermaßen ratlos zurück.

„Wer behaupte, die Gewerkschaften würden die Perspektive der Jugendlichen nicht einnehmen, hat offenbar ein bemerkenswert selektives Verständnis davon, wer tagtäglich für die Interessen junger Menschen kämpft!“

Mit diesen Worten reagiert Matteo Iori, Jugendsekretär des ÖGB Tirol, auf die „Angriffe“ von WK-Fachkräftekoordinator David Narr in der „Krone“. Er hat massive Kritik am Vorgehen des ÖGB geübt.

ÖGB: Wir sind mit den Lehrlingen in Kontakt
„Wir sind es, die mit Lehrlingen in Betrieben sprechen, die Jugendvertrauensräte ausbilden und die Missstände dokumentieren. Herr Narr kennt das alles, hat darauf aber bisher mit keinem Wort reagiert. Nicht darauf, dass 37 Prozent der Lehrlinge mit schlechten Rahmenbedingungen kämpfen, nicht darauf, dass nur 42 Prozent der Betriebe einen Ausbildungsplan haben und auch nicht darauf, dass die Zahl der Lehrbetriebe sinkt. Wir reden von einem strukturellen Problem“, sagt ÖGB-Chefin Sonja Föger-Kalchschmied und betont, dass man Jugendlichen nicht erst dann vertritt, wenn es um den Fachkräftemangel der Unternehmen geht, sondern auch dann, wenn es um Ausbildungsqualität, Bezahlung, Arbeitsbedingungen und Zukunft geht.

Zitat Icon

Wir sind es, die mit Lehrlingen in Betrieben sprechen, die Jugendvertrauensräte ausbilden und die Missstände dokumentieren.

ÖGB-Chefin Sonja Föger-Kalchschmied

Rahmenbedingungen in Betrieben nicht überall gut
Nur den Kopf schütteln kann sie über die Darstellung, wonach Ausbildungsbetriebe vor allem Opfer von Kostendruck und Bürokratie seien. „Natürlich kostet Ausbildung Zeit und Geld. Aber Lehrlinge sind keine Kostenstelle, sondern die Fachkräfte von morgen. Und wer diese will, muss heute bereit sein, in sie zu investieren“, so die Gewerkschafterin.

Dass Investition und Qualität dabei kein Automatismus sind, zeigen die Zahlen: 37 Prozent der Lehrlinge erleben laut aktuellen Erhebungen schlechte oder sehr schlechte betriebliche Rahmenbedingungen, 58 Prozent der Betriebe haben keinen Ausbildungsplan, 75 Prozent dokumentieren keine laufenden Lerninhalte. Fast jeder fünfte Lehrling muss zudem regelmäßig ausbildungsfremde Tätigkeiten übernehmen, statt seinen Beruf zu lernen.

Ausbildungsverweigerung dürfe kein Geschäftsmodell sein, stellt Föger-Kalchschmied klar. Und Iori ergänzt: „Niemand will Betriebe bestrafen, die sich um ihre Lehrlinge bemühen. Es geht um jene Unternehmen, die zwar könnten, aber seit Jahren nicht mehr ausbilden – und trotzdem von gut qualifizierten Fachkräften profitieren, die andere ausgebildet haben. Wenn die Wirtschaftskammer das schönredet, fällt sie genau jenen Mitgliedsbetrieben in den Rücken, die auf eine qualitative Lehrausbildung Wert legen – und schützt gleichzeitig jene, die von diesen Investitionen profitieren, ohne selbst etwas dazu beizutragen. Dafür braucht es ein Bonus-Malus-System, in das alle einzahlen – als Ausgleich, nicht als Strafe.“

Lohnnebenkosten senken ist eine alte WK-Leier 
Auch Narrs Forderung nach einer Senkung der Lohnnebenkosten für Lehrlinge überzeugt den ÖGB nicht. „Immer wenn es um Fachkräfte geht, fällt der Wirtschaft als Erstes ein, die Arbeitskosten zu senken und auf die Allgemeinheit abzudrücken. Das ist weder eine Fachkräfte- noch eine Jugendstrategie“, so Föger-Kalchschmied. Die zentrale Frage laute vielmehr: Was bekommt ein Lehrling für seine Arbeitsleistung, welche Qualität hat seine Ausbildung und welche Perspektive eröffnet ihm der Lehrabschluss? „Wer Fachkräfte auf Augenhöhe behandeln will, sollte vielleicht damit beginnen, sie auch während ihrer Ausbildung auf Augenhöhe zu behandeln – und mit ihnen zu reden, nicht über sie“, sagt die ÖGB-Chefin.

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.

Hinweis in eigener Sache: Das krone.at-Forum präsentiert sich ab sofort in neuem Design! Wir freuen uns über konstruktives Feedback. Damit die Diskussionen in den Kommentarbereichen beim jeweiligen Thema bleiben, können Sie uns Rückmeldungen hier hinterlassen.

Tirol

krone.tv

Top 3
Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung