Die deutsche Popsängerin Anaïs begeistert ihr immer größer werdendes Publikum mit bekömmlichen Songs über die Liebe und schiebt diese gerne in metaphernreiche Phrasen. Vor ihrem ersten Wien-Headliner-Gig im Jänner 2027 im Wiener Flucc sprach sie mit uns über ihre bisherige Karriere, Vorbilder und warum Social Media nicht immer ein Fluch sein muss.
Die Pandemie war für viele Künstlerinnen der Startschuss zu einer musikalischen Karriere oder zumindest zum Versuch, eine solche in Gang zu bringen. Anaïs Hanselmann stellte sich 2024 hierzulande erstmals auf der Red Bull Stage beim leider verblichenen Lido Sounds vor und holte sich mit ihrem bekömmlichen, aber bewusst etwas aus dem rahmenden springenden Indie-Pop die ersten österreichischen Fans auf ihre Seite. Ihre Mutter ist Belgierin, weshalb sie zweisprachig aufwuchs und neben der deutschen auch die französische Sprache aus dem Effeff beherrscht. „Wir sind innerhalb Deutschlands viel umgezogen“, erinnert sie sich im Interview mit der „Krone“ zurück, „ich bin in geboren München geboren, dann ging es nach Hamburg und von dort nach Hannover. Ich habe als Teenager viele Wandel miterlebt, die mich sehr schnell reifen ließen.“ An eine Karriere als Sängerin dachte Anaïs anfangs nicht, das musste sich erst entwickeln. „Ich habe aus Spaß in Chören und Schulbands gesungen, mehr steckte da anfangs aber nicht dahinter.“
Leichtfüßiger Pop mit Indie-Touch
In der Pandemie konnte man zwar nicht auftreten, aber die Künstlerin konnte ihr Profil schärfen und nützte die Phase, um sich in der Szene zu vernetzen. „Wir haben damit begonnen, auf den Social-Media-Plattformen Videos hochzuladen und gemeinsam Songs zu covern. Dann hat sich mein derzeitiges Management bei mir gemeldet und gemeint, aus dem Gesehenen könnte man mehr machen.“ Für Anaïs war das insofern eine entscheidende Veränderung, als dass sie ihr Jura-Studium nach knapp drei Semestern abbrach und sich fortan voll auf die Musik zu konzentrieren begann. Was für Musik kreiert sie nun eigentlich genau? „Ich würde sagen, es ist leichtfüßiger Pop, der aber nicht zu stark in den Mainstreammarkt greift, sondern eine Indie-Grundlage als Basis hat“, so die Deutsche, „größtenteils singe ich auf Englisch, manchmal auch auf Französisch.“ Die Muttersprache lässt sie so gut wie möglich absichtlich beiseite.
„Ich befasse mich derzeit sehr stark mit dem Thema Sprache in der Musik. Ich habe den Eindruck, dass die Sprache und auch die Sprachmelodie ausschlaggebend für den Klang des Timbres einer Stimme sind. Wenn ich mich im Songwritingprozess befinde, denke ich intuitiv an solche Dinge. Dunklere Themen singe ich manchmal auf Deutsch ein, klobigere in Englisch und die leichtfüßigen auf Französisch, weil es in der Konstellation am besten klingt. Früher dachte ich immer, Englisch wäre beim Songschreiben das A und O, aber je mehr ich mich mit dieser Thematik befasse, umso mehr Türen öffnen sich von einer sehr interessanten Perspektive. Jede Sprache klingt anders, jede Sprache fühlt sich anders an und jede Sprache lässt sich in Liedern anders einsetzen. Wenn man schon das Glück hat, mehrere Sprachen zu sprechen, dann kann man hier auf jeden Fall das Glück, dass man variabel dabei vorgehen kann.“
Für sich und andere
2022 hatte Anaïs ihre erste große Tour durch Deutschland und in dieser Phase ihrer Karriere trat sie auch im Vorprogramm von Top-Acts wie Nina Chuba, Giant Rooks, oder Provinz auf, ein paar Jahre später begleitete sie den beliebten Pandamasken-Rapper Cro. Gleichzeitig mit dem Signing beim Label Good Kid Records begann sie verstärkt deutsche Songtexte zu schreiben, was ihr sicherlich auch hinsichtlich eines breiteren Markterfolgs eindringlich geraten wurde. Songs wie „Wirbelwind“, „Valention“, „Kommst du mich trösten“ oder „Arsch der Welt“ mit Rapperin Jolle haben sich seither mit respektablen Klickzahlen auf den gängigen Streamingportalen ausgebreitet. Daneben schreibt sie fleißig Lieder für andere Künstler. „Es ist ein ganz anderes Arbeiten, wenn man die Gedanken und Worte für jemand anderen finden muss“, erklärt sie weiter, „es sind meist Dinge aus dem Alltag, denen man dann eine schöne Metapher bzw. einen eigenen Touch mitgeben möchte. Mittlerweile wagt sich Anaïs schon stärker aus ihrem eigenen Kokon heraus.
„Ich singe gerne über das Thema Liebe, will dabei aber nicht zu plakativ sein. Deshalb denke ich mir gerne mal eine Horrorgeschichte aus, die ich dann mit diesem Thema verknüpfe. Damit der Humor nicht auf der Strecke bleibt und die Songs nicht zu sehr in kitschige Gefilde abdriften.“ Es sind Lieder, wie man sie von einer 25-Jährigen erwarten darf – es geht um Studium und Karriere, um Aufbruch und Heimweh, um frische Liebe und schmerzhafte Trennung. Die Wärme französischer Musik dient ihr dabei durchaus als inspirierende Basis, dazu liebt sie auch den zügellos feministischen Pop einer Dua Lipa. Das unverzichtbare Spiel mit Social Media spielt sie mit einer beneidenswerten Lässigkeit. „Ich versuche dort so authentisch wie möglich zu sein. Auf Instagram ist niemand zu 100 Prozent er selbst, das ist absolut unmöglich, aber ich verfälsche mich nicht.Es ist anstrengend, auf diesen Plattformen ständig präsent sein zu müssen, aber wenn man es so macht, wie es einem selbst guttut, dann kann es sich wie ein Mehrwert zur Musik anfühlen.“
Traum vom endlosen Budget
Bei den vielen Auftritten im Vorprogramm so mancher Größte am Pop-Himmel konnte sich die gebürtige Münchnerin jedenfalls schon viel für ihre eigene Laufbahn mitnehmen. „Solche Produktionen zu sehen ist ungemein inspirierend“, ist sie begeistert vom Erlebten, „da malt man sich als Künstlerin automatisch aus, was man mit so einem Budget bei sich selbst alle machen könnte. Ich glaube, solche Visionen und Träume sind extrem wichtig, weil man sich damit Dinge manifestiert, die man dann reell verfolgen kann.“ Ans Kopieren denkt sie jedenfalls nicht. „Es muss schon jeder seinen eigenen Weg finden und sein eigenes Ding machen. Man übernimmt vielleicht einzelne Showelemente, aber man darf nicht in die Falle tappen, sich zu stark von jemandem zu bedienen. Außerdem will ich mich wirklich nicht allzu sehr stark daran aufhängen, denn das fühlt sich so an, wie die Karotte vor der Nase zu jagen, die man nie kriegt. Ich gehe lieber Schritt für Schritt weiter.“
Live im Wiener Flucc
Am 14. Jänner wird Anaïs live im Wiener Flucc auftreten. Unter www.oeticket.com gibt es noch Karten und alle weiteren Informationen über das Konzert.
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