Album & Interview

Arthur Brown: „God Of Hellfire“ noch immer kreativ

Musik
05.09.2026 06:00

Er trug als erster Musiker Gesichtsbemalung, verwendete wahrscheinlich als erster einen Drumcomputer und schrieb 1968 mit seiner Single „Fire“ als „God Of Hellfire“ Musikgeschichte. Heute ist der britische Rockpionier Arthur Brown 84 und so aktiv wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Wie es dazu kam, was sein neues Album „Nature“ aussagt und wie er alle Ups and Downs in seiner Karriere meisterte, erzählt er uns im großen „Krone“-Talk.

kmm

Was heute wahrscheinlich nur ein Schmunzeln hervorruft und als skurril belächelt wird, hat 1967 noch nachhaltig verstört. Der Brite Arthur Brown, von diversen Theaterausbildungen in der Welt der Theatralik firm, setzte sich auf sein bemaltes Gesicht einen mit Methanol getränkten Helm, der im Laufe der Show angezündet wurde. Später sollte er im Zuge seiner Performance auch nackt auf der Bühne tanzen und für staunende Gesichter sorgen. Das Debütalbum „The Crazy World Of Arthur Brown“ mit der britischen Nummer-eins-Single „Fire“ wurde 1968 flächendeckend zum kommerziellen Erfolg und machte den schrägen Künstler über Nacht zum Star. Vor allem die schwarzweiße Gesichtsbemalung war davon noch nie dagewesen. Brown inspirierte damit unterschiedliche spätere Superstars wie Alice Cooper, KISS, King Diamond oder die gesamte zweite Black-Metal-Welle aus Norwegen in den 90er-Jahren.

Von Legenden zu Legenden
Bei dieser Rückschau geht fast unter, dass Brown selbst von Größen der Musik inspiriert war und mit denen auch persönliche Erfahrungen machte, wie er der „Krone“ im entspannten Gespräch erzählt: „Ich habe mit dem großen John Lee Hooker beim Miami Pop Festival gesungen, das von Frank Zappa kuratiert war. Er kam natürlich auch auf die Bühne, so haben wir alle drei miteinander gejammt. Ich habe mir für meine Musik schon immer Dinge von diesen beiden ausgeborgt, mich inspirieren lassen. Musik ist ein nie versiegender Quell der Weitergabe. Man nimmt von allem etwas mit, das vor einem da war und macht etwas Eigenes daraus. Nichts anderes habe ich damals gemacht. Man kann das Rad nicht komplett neu erfinden. Man muss sich Gegebenes zu eigen machen. Seine Seele und sein Herzblut reinstecken. Dann kreiert man etwas Spezielles.“

Trotz dessen, dass er auf Festivals mit Zappa, The Who, Jimi Hendrix oder Joe Cocker auftrat, bliebt dem theatralischen Musiker der große Erfolg nach „Fire“ stets verwehrt. In den 70ern veröffentlichte er drei Alben unter dem Banner Arthur Brown’s Kingdom Come und erschuf auf dem Drittwerk „Journey“ eine weitere Pionierleistung – es war angeblich das erste Album überhaupt, auf dem ein Drumcomputer zu hören ist. Kooperationen mit Klaus Schulze und Tangerine Dream folgten, auf zwei Alben des legendären Alan Parsons Project übernahm er den Gesang, aber seine Karriere kam nicht ins Rollen. Durch die 80er-Jahre half ihm niemand Geringerer als Iron Maiden-Frontmann Bruce Dickinson. Der war ebenfalls nachhaltig von Brown inspiriert, passte ihn bei englischen Konzerten in den späten 70er-Jahren als Fan ab, um ihn kennenzulernen. Als Maiden zu Top-Stars wurden und Brown in Vergessenheit geriet, holte ihn Dickinson zu Iron Maidens Plattenfirma. „Wir beide lieben die englische Poesie, das Theater und die düstere Bildsprache“, so Brown, „er hat mir damals sehr geholfen.“

Würdiges Vermächtnis hinterlassen
Von einem auf der Bühne erlittenen Schlaganfall 1994 erholte sich der Künstler nur mühsam. 1997 produzierte er mit der deutschen Industrial-Band Die Krupps eine Neuauflage von „Fire“ und in den 2000ern-Jahren hielt er sich mit partiellen Auftritten mit Hawkwind und durch seinen Legendenstatus aufrecht. Eine einschneidende Veränderung bzw. der Beginn des bis heute andauernden Revivals war aber die berufliche wie private Zusammenkunft mit Claire Waller. Sie weicht Brown seither nicht mehr von der Seite und hat sein Image an den Zeitgeist angepasst. „Arthur wollte seinen Enkeln ein würdiges Vermächtnis hinterlassen. Auch in puncto Bühnenshow und Performance“, erinnert sie sich mit der „Krone“, „wir haben offen darüber gesprochen, wie wir sein finales Karrierekapitel gestalten sollten.“ Brown, der in den 60ern den bis heute gültigen Spitznamen „The God Of Hellfire“ bekam, transferierte sein Vermächtnis von früher ins Jetzt.

„Wir haben seine Klassiker mit den Interessen und Liedern der Gegenwart verknüpft“, führt sie weiter aus, „obwohl er von der Welt gemeinhin als One-Hit-Wonder gesehen wird, erfreuen sich die Menschen über seine Auftritte. Wir haben die Stärken von damals mit neuen Masken und Effekten von heute verknüpft und geben so eine aktuelle Version von ihm in die Öffentlichkeit.“ Eine Arthur Brown-Show lebt von Effekten, Dramatik, Theatralik und Spiritualität. Die ist nicht zuletzt ein wichtiger Baustein seines brandneuen Albums „Nature“, das er mit Gitarrist und Songwriter Dan Smith zusammengestellt hat. Der private Rückzug von Amerika in seine alte Heimat England hat die Originalität seiner Musik nur verstärkt. Das Album ist eine Zusammenfassung und Reflexion aus Browns Leben und Beobachtungen im spirituellen, kreativen und naturbelassenen Bereich. Nicht zuletzt werden die großen philosophischen Fragen des Seins aufgeworfen und analysiert.

Von Konventionen befreien
Man hört dabei den Wind auf den Straßen, das Rauschen der Bäche, Schritte und das Fließen des an seinem Daheim in North Yorkshire angrenzenden Flusses. „Es auch eine Reise ins Innere“, so Brown selbst über das Werk, „auf sich zu hören, dem Bauchgefühl zu vertrauen und sich nicht von politischen Akteuren blenden zu lassen sind wichtige Punkte in den Liedern. Manchmal muss man über das Menschliche hinausgehen. Die Dinge der Welt aus einer anderen Sphäre heraus betrachten und neugierig bleiben auf das, was kommt.“ Sein musikalischer Arrangeur Smith versucht die Agenda von „Nature“ genauer zu beschreiben: „Es geht darum, sich von allen Konventionen zu befreien, um Musik zu erschaffen. Die vier Elemente zu repräsentieren und zu ehren, aber es geht auch darum, Spaß im Leben zu haben und das Leben von seinen positiven Seiten zu sehen.“

All das ergibt mit „Nature“ und darüber hinaus auf den Bühnen dieser Welt ein Gesamtprodukt, dass den 84-Jährigen im Karrierewinter so motiviert und erfreut wie selten zuvor zeigt. Der „God Of Hellfire“ mag viel von seiner schon damals fälschlich zugeschriebenen Schreckenskraft verloren haben, ein Erlebnis sind seine Auftritte noch immer. Österreich-Termin ist vorerst leider keiner geplant, eine Reise irgendwohin nach Europa zahlt sich für den prägenden Kultmusiker aber immer aus.

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