Mit gleich drei Auftritten unterschiedlicher Größenordnung kehren die Dresden Dolls dieser Tage nach 20 Jahren Abwesenheit in Wien zurück. 2025 gab es zur Einstimmung ein Konzert am St. Pöltner Domplatz, bei dem uns Amanda Palmer und Brian Viglione über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterrichteten. Die Conclusio: Es bleibt leidlich kompliziert.
Zugegeben - leicht hat es sich Amanda Palmer mit der Öffentlichkeit nie gemacht. Die heute 50-jährige Frontfrau der kultigen Punk-Cabaret-Gruppe The Dresden Dolls gilt als eine der polarisierendsten Figuren in der Pop-Welt. Sie habe sich mit umstrittenen Crowdfunding-Aktionen bei ihren Fans bereichert, hätte die Vorgruppen ihrer eigenen Konzerte lieber mit Getränken und Umarmungen als mit Geld bezahlt und selbst Ableismus wurde ihr zuweilen schon vorgeworfen. In ihrer intensiven Autobiografie „The Art Of Asking“ (2014) bezog sie zu manchen Vorwürfen Stellung und klärte einiges auf. Was Palmer mitunter so streitbar macht, ist ihre offensive Herangehensweise an unterschiedlichen Themen. Sie spricht und singt frank und frei über ihre Bisexualität, ihre Fehlgeburten und andere private Dinge aus ihrem Leben. Was Fans von Palmer und den Dresden Dolls besonders schätzen, liegt ihren zahlreichen Antagonisten schwer im Magen.
Laufendes Gerichtsverfahren
Richtig prekär wurde die Lage in der jüngeren Vergangenheit. Nach elfjähriger Ehe gab Palmer im November 2022 bekannt, sich von ihrem Mann, dem Auto Neil Gaiman, scheiden zu lassen. Der Prozess zieht sich nicht nur bis heute, er brachte die Musikerin nach ein paar ruhigeren Jahren erneut schwer in die Bredouille. Mehrere Kindermädchen der beiden reichten Anfang 2025 Anzeige gegen Gaiman wegen sexueller Gewalt ein, manche von ihnen bezichtigen der Mithilfe von der Zuführung von Frauen an Gaiman. Palmer gab wiederholt an, sich nicht dazu zu äußeren und verwies auf das laufende Scheidungs- und Sorgerechtsverfahren. Im Februar 2026 entschied ein US-Gericht, dass der Prozess in Neuseeland, dem damaligen gemeinsamen Wohnland, über die Bühne gehen soll. Palmer greift dieses inhaltlich wie auch gerichtlich offene Verfahren jedenfalls stark ins Leben und auch in die Karriere.
Die „Krone“ traf Palmer im Herbst 2025 zum ersten Gespräch, als sie mit den Dresden Dolls am Domplatz in St. Pölten das erste europäische Festland-Konzert nach fast 20 Jahren gab. Dabei ging sie nicht auf die Vorwürfe ein, sehr wohl aber auf das Drumherum, das ihr Leben seit geraumer Zeit entscheidend prägt. „Ich bin heute noch polarisierender als ich es jemals zuvor war“, gab sie dort bekannt, „das habe ich so nicht kommen gesehen, aber was mich wirklich überrascht ist, dass auch die Menschen aus meiner queeren und LGBTQ-Blase. Es begann eine Kontroverse und schon wurde ich von Menschen aus der Küche geworfen, denen ich sehr lange vertraut habe.“ Mit der Kritik und den Anfeindungen von außen könne sie umgehen. „Ich habe mir über all die Jahre eine sehr dicke Haut wachsen lassen. Ich habe kaum noch Angst. Aber mir tut es für meinen Freund und Bandkollegen Brian Viglione und der ganzen Crew leid. Die Band kriegt wenige Auftritte und wird oft gecancelt. Die Jungs und Mädels haben am wenigsten Schuld daran und es trifft sie natürlich in ihrem Alltag.“
Vorwürfe stehen gegen die Kunstliebe
So sehr sich die Schnur auch zuziehen möchte, bewiesen ist de facto nichts und die Gerichte müssen die Sachlage klären. Das macht den allgemeinen Zustand nicht besser oder einfacher, aber er sollte auch von einer aktuellen und realen Seite beäugt werden. „Ich liebe die Kunst“, so Palmer, „ich liebe meine Mitmusiker, meine Kunstfreunde, all die Poeten, Tänzerinnen und andere Menschen, die rund um die Kunst aktiv sind. Ich brauche die echten Menschen und habe keine Lust auf die Anonymität des Internets. Ich liebe die Kunst intensiv, mit allen Poren und will mich mit Leuten umgehen, denen es ähnlich geht. Man ist sein eigener Boss und muss für sich und seine Taten geradestehen. Ich hatte so viele Jahre Zeit, zu lernen, wie man mit Internettrollen und Kritikern umgeht, dass das längst zu einem Teil meiner Persönlichkeit wurde. Die Leute konnten schon früher Lügen und sich das Maul über einen zerreißen. Jetzt passiert es halt in einer Form der Öffentlichkeit, die man früher so nicht wahrgenommen hat.“
Mit ihrem Art-Punk haben Palmer und Viglione nicht nur ein einzigartiges Sub-Genre erschaffen, sie haben vor allem auch die 2000er-Jahre nachhaltig mitgeprägt. Und das nicht nur, weil der österreichische Marmeladenriese Darbo den Song „Coin-Operated Boy“ in seiner Werbung so ausschlachtete, dass die Dresden Dolls vor allem im deutschsprachigen Raum zur absoluten Kultband mutierten. Das Wechselspiel zwischen dunkel und hell, gut und böse, schräg und glatt zog sich durch die Texte, die Vaudeville-artige Maskerade und das originäre Songwriting hoben die Dresden Dolls in Sphären, die man sich selbst einst erträumte, aber niemals als real zu werden denken wagte. Es gab Touren mit Nine Inch Nails, Radio-Airplay, markante Chartplatzierungen und mit „The Dresden Dolls“ (2003) und „Yes, Virginia …“ (2006) zwei Alben, die zurecht in den erweiterten Kanon der relevanten Musikhistorie einzogen.
Licht am Ende des Tunnels
2008 probierte es Palmer dann vornehmlich solo und Viglione verdingte sich als gut gebuchter Session-Drummer bei Acts wie den Violent Femmes, Morning Glory oder Radiator King. Es folgten vereinzelte Reunion-Shows in den USA und Großbritannien, aber erst in den letzten zwei Jahren kam wieder Fahrtwind ins Dresden-Dolls-Getriebe - bis Palmer mit den aktuellen Anschuldigungen konfrontiert wurde. Für Viglione sind die nun langsam wieder häufiger stattfindenden Shows auch eine wichtige Lebensgrundlage. „Wir wurden in den letzten Jahren öfters ausgebremst. Angefangen von der Pandemie über die aktuelle Lage bis hin zu Schwierigkeiten mit der Plattenfirma“, erzählt er uns im Gespräch, „in unserem Team haben wir alles mitgekriegt, was so passiert ist. Es ist nicht leicht, durch all diese Tunnel zu navigieren, aber wir sehen das Licht am Ende und darauf steuern wir zu.“
Von den Vorkommnissen und Vorwürfen habe Viglione nichts mitbekommen. „Amanda muss natürlich selbst mit ihrem Leben klarkommen, so wie ich mit meinem. Ich konnte in den letzten Jahren nicht viel anderes tun, als abzuwarten und andere Aufträge anzunehmen, um mich über Wasser zu halten. Heute ist jede Person der Öffentlichkeit ganz offen und ungefiltert den Vorverurteilungen, dem Mobbing und der Belästigung eines Online-Mobs ausgesetzt. Das ist die Welt, in der wir heute leben und aus dieser Welt kommen wir so schnell nicht wieder raus. Ich glaube aber immer an das Gute und hoffe inständig, dass wir uns so gut wie möglich um uns kümmern und aufeinander schauen.“ Auch Palmer ist sich der Tatsache bewusst, dass ihre Historie in der Öffentlichkeit nicht dazu verleitet, dass es jemals wirklich ruhig um sie werden wird. „Heute werden so viele Menschen in vorschnellen Shitstorms, vornehmlich aus patriarchalen und kapitalistischen Strukturen, begraben. Wir leben in einem Zeitalter, wo die Nuancen ausgestorben sind. Jeder hat für sich die endgültige Antwort gepachtet, aber jeder Mensch mit etwas Intelligenz weiß, dass das Leben nicht nur schwarz und weiß ist.“
Dem „Tod“ ins Gesicht lachen
Was mit Palmer und den Vorwürfen passiert, werden demnächst neuseeländische Gerichte entscheiden. Musikalisch versuchen die Dresden Dolls aber wieder an die kulturelle Oberfläche zu schwimmen. Aus dem langjährigen Vertrag mit Roadrunner Records ist man raus, die neue Unabhängigkeit soll auch in neue Lieder und ein neues Album kulminieren. Das kündigt man schon sehr lange an, bislang muss man aber darauf warten. Als Trost und aktuelles Tourmotto gibt es „Yes, Virginia …“ in der „Tailor’s Version“. Eine bewusste Hommage an Pop-Königin Taylor Swift, die ihre alten Alben noch einmal neu aufnahm und damit auch die Erträge für sich lukrierte. So darf man sich auf neue Versionen von Songs wie „My Alcoholic Friends“, „Sex Changes“ oder „Me And The Minibar“ freuen. „Wir haben seit jeher eine tolle Beziehung mit Österreich“ freut sich Palmer auf die Auftritte, „ich bin so ein dunkler Motherfucker wie es auch euer Humor ist. Wichtig ist, dass ich den Humor nicht verliere. Auch dem sprichwörtlichen Tod ins Gesicht lachen kann. Brian und ich starten wieder durch und lassen uns nicht aufhalten.“
Gleich drei Auftritte in Wien
In ihrem geliebten Wien haben die Dresden Dolls dieser Tage jedenfalls viel vor. Am 30. August gibt es um 11 Uhr am Wiener Karlsplatz einen sogenannten „Ninja Gig“ (kostenlos zu bestaunen), am 31. August wärmt man sich in einer spätsommerlich-hitzigen Wiener Szene auf und am 1. September folgt am Open-Air-Gelände der Wiener Arena das Hauptkonzert des Duos. Unter www.oeticket.com gibt es noch Karten für die zwei Gigs – solange der Vorrat reicht.
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