Live in der Arena

Blood Orange: Seelenvolles zum Sommerausklang

Musik
27.08.2026 01:45

Seit Wochen war die große Österreich-Premiere von Devonté Hynes aka Blood Orange am Open-Air-Gelände der Wiener Arena restlos ausverkauft. Der gebürtige Brite feierte Mittwochabend eine kurze, aber seelenvolle R&B-Show mit Funk- und Pop-Appeal, die als perfekter Soundtrack zum scheidenden Sommer zu begeistern wusste.

kmm

Vor rund einem Jahrzehnt hätte man sich einen Künstler wie Devonté Hynes äußerst gut am Frequency vorstellen können. Zartfühlender R&B mit einer Message und bunten Querverstrebungen in alle möglichen Genres. Heute sind das nicht zwei verschiedene Welten, sondern zwei verschiedene Galaxien. Beim erst letzten Samstag zu Ende gegangenen Frequency in der niederösterreichischen Hauptstadt St. Pölten befindet man sich längst in einer gefährlichen Gemengelage aus sexistischem Deutschrap, EDM-Klängen aus dem Satzbaukasten und Trends, die meist eine oder zwei Saisonen zu spät gebucht werden, wohingegen Blood Orange, so der Alter-Ego-Name von Hynes, bei seiner Österreich-Premiere das Open-Air-Gelände der Wiener Arena schon vor Wochen ausverkauft hat und das mutige Booking damit rechtfertigt. Zu den zahlreichen Festival-Shows hat der 40-Jährige ein paar Einzeldates drumherum gebaut. Die Österreicher, die sonst mit ungemein generischen Bands glücklich sind, kommen somit in den Genuss einer mittleren Sensation.

Zuweilen wirkte der Auftritt von Dev Hynes in der Wiener Arena fast introspektiv – blieb aber ...
Zuweilen wirkte der Auftritt von Dev Hynes in der Wiener Arena fast introspektiv – blieb aber trotzdem ganz den Fans verhaftet.(Bild: Eva Manhart)

Eine willkommene Diskrepanz
Die große Premiere von Hynes hätte es eigentlich schon im Mai 2023 im Zuge der Wiener Festwochen geben sollen, doch ein Todesfall in der Familie ließ ihn unabkömmlich sein. In diesen drei Jahren ist Blood Orange nicht nur das grandiose Album „Essex Honey“ (2025) gelungen, dem unaufhaltsamen Hype-Portal TikTok sei Dank hat der gebürtige Brite unlängst auch wieder einen ähnlich markanten Karrieresprung zu verzeichnen, wie er spätestens nach seinem sensationellen Werk „Negro Swan“ zugeben musste, auch wenn ihm gängige Parameter wie etwa Erfolge nur auf den zweiten Blick von Wert zu sein scheinen. Die eingangs erwähnt Diskrepanz zum Festival-Geschehen ist nämlich in vielerlei Hinsicht ein Gewinn. Einer der größten ist die Tatsache, dass die gut 3000 Anwesenden am rappelvollen Arena-Gelände strikt nur für ihren Helden da waren und nicht bloß wegen des festplattenspeicherlöschenden Phänomens des Sommer-Hedonismus.

Dementsprechend ist Blood Orange auch musikalisch eine ganz andere Welt. Die Lieder von Hynes sind sanft, fragil, zuweilen auch eruptiv, aber allesamt direkt aus dem großen Herzen des musikliebenden Künstlers. Mit lässigem Basecap und den programmatischen Kopfhörern betritt der Held des Abends die Bühne. Ihm zur Seite steht seine vierköpfige Combo, in der vor allem das gemischtgeschlechtliche Sangesduo Eva und Ian heraussticht. Immer wieder geben sie den zuweilen ausartenden Instrumentalabfahrten und nicht näher definierten Strukturwechsel in Hynes Sound eine wohltuende Beständigkeit, die darauf hindeutet, dass er zwar der Name, nicht aber das gottgegebene Zentrum seiner Truppe ist. Diese positiv auffallende Bescheidenheit müsste freilich nicht sein - umso mehr erfreut es alle Anwesenden, dass es in der Realität doch so aus.

Das Open-Air-Gelände der Wiener Arena war wochenlang ausverkauft.
Das Open-Air-Gelände der Wiener Arena war wochenlang ausverkauft.(Bild: Eva Manhart)

Vom Sound mitnehmen lassen
Ein nicht unerheblicher Anteil an Besuchern hat Hynes schon öfter live gesehen. Barcelonas Indie-Hipster-Mekka Primavera schien jedenfalls ein guter Untergrund gewesen zu sein, um die schon auf Album famosen Lieder nun auch in einem üppigen Live-Kosmos darzubieten. Hynes hat die Menge von Anfang an völlig in der Hand und setzt mit „Somewhere In Between“, „Thinking Clean“ oder „Saint“ schon früh erste Ausrufezeichen, die frenetisch bejubelt werden. Das Wiener Publikum hat Lust und es ist textsicher. Nach einem heißen Spätsommertag herrscht abends eine kühle Brise Wind, wer das lockere Frühlingsjackerl daheim oder im Büro vergessen hat, lässt sich von Hynes seelenvollen Kompositionen wärmen. Ob das jeweilige Liedgut mal eruptiver oder etwas zurückgelehnter ist, ändert nichts an der Tatsache, dass jeder einzelne Song für Gefühlen trieft.

Der Fokus liegt auf dem aktuellen Album, wo sich einige Perlen finden lassen. Besonders berührend gelingt etwa „Countryside“, auf dem Hynes leger den Bass zupft und die Hauptstimme vom famosen Keyboarder Tariq Al-Sabir übernommen wird. Bei „Mind Loaded“ steht Hynes eigene Stimme im Zentrum des Geschehens, während sich das relativ neue „Vivid Light“ auf der Setlist perfekt nach einem bereits altgedienten Track wie „Jesus Freak Lighter“ einordnet. Hynes packt ein-, zweimal seine rudimentären Deutschkenntnisse aus, um sich bedanken, versteckt sich sonst aber hinter der Musik. Mal lässt er den Geigenbogen über das Cello gleiten, dann rifft er funky auf der Gitarre oder zupft am Bass und zwischendurch dreht er auch an den Reglern seines Synthesizers und tauscht Plätze mit seinem Kumpel Al-Sabir. Nicht zuletzt durch das ständige Musizieren und den bewussten Verzicht auf zu viele Pausen und Ansagen ergibt sich ein Spannungsbogen, der die Fans völlig in den Bann zieht.

Perfektion und Gefühl müssen sich nicht ausschließen. Die Songs von Blood Orange sind dafür das ...
Perfektion und Gefühl müssen sich nicht ausschließen. Die Songs von Blood Orange sind dafür das beste Beispiel.(Bild: Eva Manhart)

In sich geschlossenes Gesamterlebnis
Bei der Show von Blood Orange wirkt trotz der ausufernden Instrumentierung kein Ton zu viel. Alles hat seinen Platz, alles wirkt aus einem Guss. Nichts vermittelt einem das Gefühl, man wäre zwangsläufig zum Zeugen einer schieren Pflichterfüllung – das Gegenteil ist der Fall. Hynes war als musikalischer Leiter mit Harry Styles auf Tour, arbeitete mit Stars wie Caroline Polachek, Lorde oder Florence + The Machine zusammen und startete seine Karriere in einer kompromisslosen Hardcore-Band. Musikalische Grenzen sprengt er physisch als auch psychisch besonders gerne. So sticht gegen Ende des Sets zwar der TikTok-Hit „Champagne Coast“ seines Debütwerks „Coastal Grooves“ (2011) heraus, aber ein so kongruentes, in sich geschlossenes und doch auch luftiges Gesamterlebnis gab es am Arena-Areal schon lange nicht mehr zu bestaunen. 70 Minuten Gesamtspielzeit ohne Zugabe mögen wie Hohn wirken, doch über die Qualität des Abends gibt es keine zwei Meinungen.

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Kommentarfunktion steht Ihnen ab 6 Uhr wieder wie gewohnt zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
das krone.at-Team

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.

Top 3
Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung