Seit 30 Jahren ist Reggae-Star Gentleman fixer Bestandteil der deutsch- und englischsprachigen Musikszene. Vier Jahre ließ sich der heute 52-jährige Zeit mit seinem neunten Studioalbum. Nun kehrt er mit „Gratitude“ zurück und spricht mit uns über kreative Leere, Dankbarkeit und seinen neuen Blick aufs Leben.
Haben Sie sich schon einmal ausgerechnet, wie viele Wochen 80 Lebensjahre ergeben? Oder wie viele Sommer einem noch bleiben? Genau diese Rechnung brachte Reggae-Musiker Tilmann Otto alias Gentleman ins Grübeln. Vier Jahre nach seinem letzten Album meldet sich der 52-Jährige nun mit „Gratitude“ zurück. Die Vergänglichkeit des Lebens, eine kreative Leere und gesundheitliche Probleme haben seinen Blick auf vieles verändert.
Ganz verschwunden war der 52-Jährige aber nicht: Konzerte spielte er weiterhin – nur mit neuer Musik tat sich der Sänger schwer. „Ich habe mich leer gefühlt“, erzählt er uns. Nach rund 30 Jahren Karriere habe sich bei ihm das Gefühl eingeschlichen, jede Melodie schon einmal gehört und jede Textzeile bereits ähnlich formuliert zu haben. „Irgendwann hab ich gedacht: Vielleicht hat es sich einfach ausgegentlemant.“ Statt sich unter Druck zu setzen, akzeptierte er die kreative Pause – und genau das brachte schließlich die Lust am Musizieren zurück. Ohne fixes Releasedatum und ohne ständig darüber nachzudenken, was Plattenfirma oder Publikum erwarten könnten, begann er wieder nur für sich selbst Songs aufzunehmen. „Ich muss gar nichts. Ich muss nichts beweisen und es niemandem recht machen.“ Als schließlich acht oder neun Stücke entstanden waren, mit denen er wirklich zufrieden war, nahm das neue Album Form an.
Für immer Reggae
Musikalisch führt „Gratitude“ Gentleman wieder ganz klar zu seinen Wurzeln. Auf Englisch und Patois fühlt sich der Musiker ohnehin zu Hause. Verlernen könne man diesen Sprachrhythmus auch nach einem deutschsprachigen Ausflug wie „Blaue Stunde“ nicht: „Das ist wie Fahrradfahren.“ Jamaika sei bis heute ein wichtiger Teil seines Lebens, er habe dort Freunde und Familie und sei regelmäßig vor Ort.
Dass traditioneller Reggae 2026 altmodisch wirken könnte, sieht der Musiker gelassen. „Ich bin ja auch so ein bisschen Nostalgie-Fan“, sagt er. „Wir müssen das Rad nicht ständig neu erfinden.“ Ohnehin sei Reggae weitaus vielseitiger, als das Klischee von „easy peasy“, Palmen und Kiffen vermuten lasse. Das Spektrum reiche schließlich bis zu „knallharten Dancehall-Brettern“.
Ziegen und Sterne
Den Großteil des neuen Werks nahm er abgeschieden in den Bergen Mallorcas auf. „Das ist nicht am Ballermann passiert“, scherzt er. Statt Partylärm begleiteten ihn dort Ziegenglocken, Sternenhimmel und viel Ruhe. „Es kann auch einmal ein verruchter, stinkiger Raum in Berlin funktionieren aber für meine Seele und mein Wohlbefinden war diese komplette Abgeschiedenheit wichtig. Ich glaube, man muss immer wieder überprüfen: Was funktioniert gerade für mich? Das muss beim nächsten Album nicht wieder genauso sein, aber für diese Platte war es sehr wichtig.“
Ganz allein blieb Gentleman musikalisch dennoch nicht: Auf „Gratitude“ sind unter anderem Queen Omega, Nico Santos und Michael Patrick Kelly zu hören. Früher habe er immer darauf geachtet, mehr Solosongs als Features auf einem Album zu haben. Heute sieht er das lockerer: Eine zusätzliche Stimme bringe „noch einmal eine ganz andere Farbe“ in einen Song. Entscheidend sei allerdings die persönliche Verbindung. „Musikalischer Respekt allein reicht nicht.“
Fit wie ein junger Turnschuh
Während musikalisch die Freude zurückkehrte, wurde Gentleman gesundheitlich ausgebremst. Ein Bandscheibenvorfall zwang ihn sogar dazu, eine geplante Südamerika-Tour abzusagen. „Ich konnte morgens nicht mehr aufstehen.“ Zeitweise habe er nicht einmal eine Einkaufstüte tragen können. Erst nach einer Operation waren die Schmerzen weg. Heute könne er wieder auf der Bühne herumspringen und mit seinem Sohn Fußball spielen. „Ich fühle mich wieder wie 25“, erzählt er lachend.
„Wenn wir gesund sind, haben wir tausend Wünsche. Wenn wir krank sind, haben wir nur einen.“ Genau das macht für ihn „Gratitude“ aus: die kleinen, oft selbstverständlichen Momente bewusster wahrzunehmen. Dazu gehört für ihn auch die Erkenntnis, dass vieles irgendwann zum letzten Mal passiert – etwa die Tochter auf den Schultern zu tragen oder ein gemeinsames Essen mit den Eltern zu erleben. „Diese Vergänglichkeit gehört dazu“, sagt er. Dankbar sei er heute für vieles: seine Gesundheit, die wiedergefundene Inspiration, eine Umarmung seiner Tochter oder sogar dafür, wenn ein neu ausprobiertes Rezept seinen Gästen schmeckt. „Es sind so viele Kleinigkeiten, die den Tag viel schöner machen können.“
Mit dieser neuen Haltung zieht es ihn nun wieder auf Tour – heuer allerdings ohne Österreich-Termin. Auf die Frage nach dem Grund erklärt Gentleman: „Ich fühle mich schlecht deswegen. Ich mache das Routing natürlich nicht selbst. Wir haben geplant, dieses Jahr zunächst nur eine Deutschlandtour zu machen und danach eine Follow-up-Tour zur Platte, die dann europaweit sein soll. Dann werden wir bestimmt wieder im Wiener Gasometer spielen.“
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