Das starke Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele erleidet einen Rückschlag: Molières „Menschenfeind“ verkörpert trotz guter Schauspieler deutsches Großstadtprovinztheater.
Die Fallhöhe war groß, und man hat nichts unversucht gelassen, sie auszunutzen. Da sah man bis zum Samstag Salzburgs anregendstes, eigensinnigstes Schauspielprogramm seit Menschengedenken: den weltläufigen „Jedermann“, den wortversessen „Faust“, den abschiedsleicht in den Himmel schwebenden Handke. Jetzt ist man wieder ein Stück dort, wohin man nicht mehr kommen wollte, seit sich der nun abmontierte Intendant zweier unzulänglicher Spartendirektorinnen entledigt hat: deutsches Großstadtprovinztheater im pädagogischen Zwangsfrohsinn.
Programmatisch ist das die matte Endphase eines Trends, der vor einigen Jahren die hiesigen Bühnen zu überrollen begann: Plötzlich spielte man anlasslos im Akkord Molière, während etwa Kleist abgemeldet war. Ansonsten ist Jette Steckels Inszenierung im Bühnenbild von Florian Lösche vor allem unmotiviert, undiszipliniert berufsjugendlichen Eskapaden ausgesetzt.
Am Beginn steht ein halbstündiges, niederschmetterndes Hip-Hop-Konzert, für das der am Bühnenrand trommelnde und fiedelnde Musiker Matthias Jakisic verantwortlich ist. „Molière“ reimt sich da auf „yeah“ und „jung“ auf „ungezwung’“ – Kompliment an den Schauspieler Ole Lagerpusch, der das beachtlich durchhält, dramaturgischen Sinn hat es nicht. So wenig wie der folgende KI- und Emoji-Salat, ohne Worte, aber mit leidenschaftlichem Gekratze vom Bühnenrand.
Dann kommt in größeren Rudimenten Molière zu Wort. Frank-Patrick Steckel, Vater der Regisseurin, hat die Alexandriner stilsicher und elegant übersetzt, das koproduzierende Hamburger Thalia-Theater hat erstklassige Schauspieler aufzubieten. In erster Linie ist hier André Szymanskis sturer, sich und die Welt rundum zerstörender Moralist Alceste zu nennen. Tadellos auch Barbara Nüsses Philinte und Maja Schönes Célimène an der Spitze des guten Ensembles.
Aber warum brüllen sie durch Gesichtsmikrofone, warum sind die meisten, aber nicht alle, ganzkörpereingefärbt? Nicht nur die als Popanze ausgewiesenen Hofschranzen, sondern auch Célimène, die verschwommene kuchlfeministische Botschaften zu exekutieren hat, zuletzt eine Art „Brigitte“-Leitartikel, der an Banalität dem einleitenden Hip-Hop Gebrüll nichts schuldig bleibt? Insofern schließt sich der Kreis.
PS: Dass die Intendantin der koproduzierenden Bühne Mitglied der Findungskommission für Hinterhäusers Nachfolge ist, ruft nach Wachsamkeit.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.