Von der Münze aus dem 4. Jahrhundert bis hin zum Zuckerlpapier aus den 1950er-Jahren: Archäologinnen haben in den vergangenen Monaten rund 3500 Fundstücke am Gelände der Grazer Burg gefunden. Die „Krone“ hat ihnen beim Ausgraben über die Schulter geschaut.
Ein Pavillon spendet Schatten, aber Gudrun Praher-Malderle und ihr Team graben im zweiten Burghof mitten in Graz bei Temperaturen wie in Ägypten. Zehn Archäologinnen und Archäologen sind seit über einem Jahr im Auftrag des Landes in der steirischen Machtzentrale im Einsatz, um den Umbau wissenschaftlich zu begleiten. „2021 haben wir die ersten Probe-Grabungen durchgeführt“, sagt sie. So wollte man abschätzen, was ungefähr auf das Team zukommt. „Wir haben aber wesentlich mehr gefunden, als wir erwartet haben.“
Jede Säule, jedes Fenster, jeder Pflasterstein hier hat eine Geschichte. „Ich stehe neben dem Bagger“, sagt Praher-Malderle. „Ab 30 Zentimetern Tiefe wird es spannend.“ Schon in der Jungsteinzeit lebten am Schloßberg Menschen. In der Bronzezeit entwickelte sich am Fuße dessen eine Siedlung – davon zeugen etwa ein Webstuhlgewicht, Gefäße, Klingen und Pfeile aus Hornstein, der seit 6500 Jahren im nahen Rein abgebaut wird.

„Wir haben Glasperlen aus der Hallstattzeit gefunden, die als Grabbeigabe dienten – darunter eine Schichtaugenperle, die in der Steiermark sehr selten ist.“ Sie dürften mehr als 2500 Jahre alt sein. Insgesamt hat das Team des Universalmuseum Joanneum etwa 3500 Fundstücke freigelegt – „und wir haben mit dem dritten Burghof noch kaum angefangen“.
Mittelalter-Händler verlor im Burghof eine Münze
Die ersten restaurierten Objekte liegen in einem Schaukasten im Stock des Hausherren, Landeshauptmann Mario Kunasek. Etwa eine Münze aus der Spätantike, aus dem 4. Jahrhundert nach Christus. „Gefunden haben wir sie in einer Mittelalter-Schicht“, sagt Praher-Malderle. Im 13. und 14. Jahrhundert dürfte am Gelände ein Markt gewesen sein. Praher-Malderle und ihr Team fanden Knochen, Werkzeug und Münzen – eine zeigt den venezianischen Dogen Ranieri Zeno, der von 1253 bis 1268 regierte.
Die Funde erzählen Geschichten aus dem Leben der Herrscher, die von hier aus regierten. Der spätere Kaiser Friedrich III. aus dem Hause Habsburg, der die Burg ab 1438 bauen ließ, soll genügsam gewesen sein, sagt Praher-Malderle. „Ab dem 16. Jahrhundert wird es immer herrschaftlicher. Karl II. feierte hier Feste und ließ Fisch und Austern aus dem Mittelmeer importieren.“ Man fand Spuren von Dorsch aus der Nordsee, aber auch eine Kanonenkugel aus Stein. Einer der jüngst entdeckten Funde: eine kunstvolle Kachel mit Sonnen-Relief.
Wo der Kaiser einst hauste
Das Wohngebäude der ersten Burg aus dem 15. Jahrhundert lag dort, wo heute der erste Hof ist. Unter den Pflastersteinen legte man die Gemäuer frei – die neue Pflasterung soll den Grundriss zeigen. „Das war Knochenarbeit“, sagt Projektleiter Oliver Mauko vom Land Steiermark und blickt durch den Baustellenzaun.
Dort, wo heute die Räumlichkeiten von Landeshauptmann und -Stellvertreterin liegen, waren auch früher Repräsentationsräume. Offene Säulenhallen, in denen wohl Gericht gehalten wurde, ein drei mal dreieinhalb Meter großer Ofen („eine schiache Rauchkuchl“, sagt die Archäologin) und die gotische Kapelle, in die schon im 19. Jahrhundert eine Zwischendecke eingezogen wurde – dort kann man bald wieder die ganze Pracht bewundern. „Sie dürfte dem Heiligen Georg geweiht gewesen sein“, sagt Praher-Malderle.
Seit den 50er-Jahren sieht die Burg aus wie jetzt
Ab Mitte des 16. Jahrhunderts war Graz die Hauptstadt von Innerösterreich. 1619 schließlich zog Ferdinand II. nach Wien. Die Burg wurde vernachlässigt. Im Zweiten Weltkrieg fielen Bomben. „Seit den 1950ern hat die Burg ihre derzeitige Form“, sagt Thomas Hofer, Leiter der zuständigen Abteilung 2 des Landes Steiermark.
Ab 2028 werden die historischen Räume der Öffentlichkeit zugänglich sein. In einem neuen Besucherzentrum sollen Steirern und Touristen dann die wichtigsten Artefakte und die Bedeutung von Demokratie und Verwaltung vermittelt werden, erklärt Hofer. „Es wird kein Museum, soll aber einladen, sich mit den Dingen zu beschäftigen.“
Im Sommer sind die Kellerräume angenehm kühl – ähnlich wie der im Burghof 2 geplante Stadtwald, für den schon im September „erwachsene“ Bäume angeliefert werden. „Der Wald ist der Öffentlichkeit zugänglich“, sagt Projektleiter Mauko. Der „Stadtkern“ – die Bronzeskulptur eines Pfirsichkerns – wandert an den echten Mittelpunkt von Graz in den dritten Burghof.
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