Terrorist erschossen

Vater: „Er wurde einer Gehirnwäsche unterzogen“

Ausland
27.07.2026 09:25

Bevor Abdul B. (†21) mit einem weißen Transporter in eine Menschenmenge raste, soll er noch mit seinem Vater telefoniert haben – der die Welt nicht mehr versteht. Für Deutschlands bekanntesten Extremismusberater Thomas Mücke ist jedoch klar: Eine Deradikalisierung war bei dem Geisteszustand des Mannes nicht mehr möglich.

„Er sagte, dass er mich vermisst und er sich wünschte, jetzt mit uns im Libanon zu sein“, erzählte der Vater dem „Spiegel“. Nur kurze Zeit später dürfte der 21-Jährige am Samstag den angemieteten Citroën in die Menschenmenge im Tiergarten gelenkt haben – die gerade den Christopher Street Day zelebrierte. Eine Frau wurde aus dem Leben gerissen, 29 weitere Menschen verletzt. Einen Tag nach dem verheerenden Angriff konnte die Polizei den Attentäter schließlich aufspüren. Bei der versuchten Festnahme fielen Schüsse, die Abdul B. nicht überlebte.

Für dessen Vater, Tawfik B., bricht eine Welt zusammen. Sein Abdul habe zuletzt mit seiner Mutter und zwei seiner drei Schwestern in einem Mehrfamilienhaus in Berlin gelebt, schilderte er dem Nachrichtenmagazin. Die Eltern seien geschieden, der Vater halte sich aktuell im Libanon auf. Einen festen Job soll der 21-Jährige nicht gehabt haben, hin und wieder sei er als Sicherheitsmitarbeiter oder Fahrer im Einsatz gewesen. Dafür habe er sich enorm mit seinem Handy beschäftigt und sei viel vor dem Fernseher gesessen. Und habe oft bis in den späten Nachmittag geschlafen.

Die Karte zeigt den Ort eines Vorfalls am Rande des Christopher Street Day in Berlin, bei dem ein Auto in eine Menschenmenge fuhr. Der Vorfall ereignete sich in der Nähe des Brandenburger Tors und des Tiergartens. Es gab einen Toten und zahlreiche Verletzte. Quelle: APA.

Vater und Sohn stritten über Bartlänge
Dass die Familie etwas mit der Ideologie der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) zu tun hat, weist der 64-Jährige strikt von sich: „Wir sind Schiiten. Wir unterstützen den Islamischen Staat nicht.“ Abdul soll sich jedoch der sunnitischen Glaubensrichtung zugewendet haben.

Vater Tawfik erinnert sich auch an unterschiedliche Ansichten über das äußerliche Auftreten. „Ich habe ihm nicht erlaubt, einen langen Bart zu tragen“, erzählte er dem „Spiegel“. Dass Abdul hinter einer fürchterlichen Terrorfahrt stehen soll, ist für die Familie nicht zu fassen. Dem Vater zufolge weinen die Schwestern pausenlos. Die Mutter sei völlig aufgelöst. Er selbst kann weder schlafen noch essen. „Er wurde einer Gehirnwäsche unterzogen“, ist sich der 61-Jährige sicher.

Auf diesem Bild ist der weiße Transporter nach der Horror-Fahrt zu sehen.
Auf diesem Bild ist der weiße Transporter nach der Horror-Fahrt zu sehen.(Bild: EPA/FADI YOUSEF)

„Er hat nicht kooperiert“
Den Ermittlern zufolge hat Abdul B. mehrmals versucht, Teil des IS zu werden. Im Jahr 2025 erfolgte aus diesem Grund eine Festnahme, im Mai 2026 wurde Abdul B. zu einem Jahr und zehn Monaten Haft verurteilt – wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Um sich von dem extremistischen Denken zu lösen, wurde dem 21-Jährigen ein Deradikalisierungsprogramm auferlegt.

Für Mücke war aber schon nach zwei Gesprächen klar: Abdul B. war unerreichbar. „Man hätte eine gemeinsame Problemerfassung gebraucht. Er hat nicht kooperiert. Und er hat auch die entscheidenden Fragen über Radikalisierungsdinge, über Islamisierung, über den Islam, nicht beantwortet. Er hat quasi nur Banalitäten aus seinem Alltag erzählt“, führte der Leiter des Violence Prevention Network, im Gespräch mit der „Bild“ aus.

„Es gab keine Zugänge“, so Mücke. Am heutigen Montag wäre wieder ein Termin der sogenannten Clearingphase anberaumt gewesen. Laut dem Experten hätte das aber nichts mehr geändert. Bei den Gesprächen habe sich Abdul B. ruhig verhalten. „Er muss sich mit dem radikalen Denken auseinandersetzen, auch mit den Ideologien. Er muss bereit sein, seine Konfliktzone zu erkennen, und er darf nicht mehr unter psychischen Auffälligkeiten leiden.“ Er müsse auch krisenfest sein, erklärte Mücke. „Er hat sich aber mit keiner der Situationen auseinandergesetzt.“ Ein Deradikalisierungsprogramm sei für ihn daher nicht geeignet gewesen, lautete das Fazit.

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