Auch zu zweit haben AUT Of ORDA nichts von ihrer Spielfreude und Leichtigkeit eingebüßt – im Klangkosmos von Paul Pizzera und Daniel Fellner gibt es aber auch vermehrt Platz für schwere Themen. Das zweite Album „Die Leichtdichtheit des Seins“ ist eben so bunt wie das wahre Leben. Im Doppelinterview sprechen die beiden mit uns über Nazis, News-Abteilungen und das heimische Nationalteam.
„Krone“: Paul, Daniel – wir treffen uns auf den Tag genau zwei Jahre, nachdem euer Ex-Kollege Christopher Seiler den Ausstieg aus der Band verkündet hatte.
Paul Pizzera: Du kennst dich offenbar aus mit Zahlen.
Was ist in diesen zwei Jahren alles passiert? Wie hat sich AUT Of ORDA seither verändert?
Pizzera: Wir konnten mindestens so strukturiert wie vorher weiterarbeiten und hatten auch nicht so krasse Veränderungen im Schreibstil. Es ist immer ein bisschen so, dass man mit dem ersten Album Visitenkarten sammeln geht und das zweite Album stärker nach einem selbst klingt.
Daniel Fellner: Ein erstes Album ist prinzipiell weniger strukturiert. Gerade bei diesem Projekt, weil wir anfangs gar nicht wussten, ob es überhaupt ein Projekt werden würde. Wir heften uns an, dass das Schreiben schon immer sehr ungezwungen stattfand. Damals hat es noch gar keinen Rahmen gegeben und es hat sich erst mit der Zeit abgezeichnet, in welche Richtung wir streben. Es ist zudem in vielen Bands so, dass die Motivation nicht unbedingt gleichmäßig verteilt ist.
Ist dieser „Trial & Error“-Prozess bei euch jetzt vorbei? Das neue Album „Die Leichtdichtheit des Seins“ ist musikalisch wie auch textlich sehr breit aufgestellt.
Fellner: „Trial & Error“ im positiven Sinne wollen wir uns erhalten. Nach dem ersten Album weiß man mehr über die Strukturen. Man weiß mehr darüber, was live besser funktioniert und was nicht. Auf den ersten Touren haben wir etwa gemerkt, dass wir stellenweise ruhig ein bisschen härter werden können - wir kommen ja auch beide aus dieser Ecke.
Pizzera: Das Wortspiel „Die Leichtdichtheit des Seins“ heißt ja nicht, dass man keine Schwere im Leben hat, sondern dass man auch mit einem gewissen Gewicht auf den Schultern beweglich bleibt. Man findet die Rettung vielleicht nicht im Rausch, sondern im Musikalischen und Absolutistischen – das ist ein bisschen der Schmäh dahinter. Es werden brutal harte Themen wie in „Papa“, „Giftig“ oder „Nazis gegen Rechts“ abgehandelt. Die schreibt man nicht, weil man sich denkt, dass das hoffentlich ein Radiosender spielt, sondern weil man diese Lieder im Portfolio haben will. Es gehört einfach einmal gesagt und auch gehört. Und neben den Liedern mit Haltung muss es auch Platz für Nonsens geben. Es ist eine gute Mischung.
Hat AUT Of ORDA also eigentlich kein komplettes Korsett wie etwa die Band Ghost?
Fellner: Nein, und das ist gut so.
Pizzera: Wenn es mal hart auf hart kommt, darf jedenfalls auch zur Wahrheit getanzt werden.
Ich sehe, ihr habt beide Ketten um den Hals gehängt, auf denen AUT Of ORDA steht. Ist das eine neue Form der Gang-Mentalität?
Pizzera: Ich verwende sie immer als Sonnenbrillenhalter, weil ich mein Etui so oft vergesse.
Fellner: Es ist gut, da ein Symbol hängen zu haben, mit dem man sich identifizieren kann. Es gibt nämlich nicht viele, mit denen ich mich wirklich uneingeschränkt identifiziere.
Erleichtert es alles, dass sich die gesamte Dynamik und Arbeit in der Hand auf zwei Menschen reduziert hat?
Pizzera: Wir verstehen jeden Menschen, der seine Kräfte genau einteilen muss, denn jeder hat eine andere Grenze, wie viel überhaupt geht. Wir selbst sind jetzt freier und haben Lust darauf, Neues auszuprobieren. Man vergisst oft, dass Musik im Entstehungsprozess und auf der Bühne auch Spaß machen kann. Es kommt so oft die Frage, was das überhaupt für ein Projekt sei: Gar keines, verglichen mit allen anderen. Wir haben hier eine große Gaudi.
Fellner: Wenn man in einem Bereich tätig ist, den man vorher als Hobby betrieben hat, muss man erst einmal umstellen, wenn es zur Arbeit wird.
Pizzera: Die Gaußsche Glockenkurve ist gefährlich. Man will mit seinem Hobby Erfolg haben und wenn der dann eintritt, dann wünscht man sich oft, dass man wieder das Gefühl des Hobbys verspürt. Erfolg hat immer einen Haken. Da ist einer davon. Das Projekt hat seine eigene Freiheit. Wir müssen nicht darauf hoffen, dass jede Single dringend erfolgreich sein muss. „Nazis gegen Rechts“ ist so ein Lied, wo kein Radio jemals hingreifen wird.
War es nach Christopher Seilers Aus nicht der Plan, das Projekt mit unterschiedlichen Gaststimmen weiterzuverfolgen? Bislang war nur Rapper Dame mit an Bord …
Pizzera: Das wollten wir schon immer machen. Ex-Russkaja-Sänger Georgi Makazaria hat super reingepasst, aber auch Flo Ritt von der Folkshilfe und Otto standen schon mal mit uns auf der Bühne.
Fellner: Die Tür ist auf jeden Fall dafür offen. Ich mag aber diese Sessions nicht, wo man sagt, dass eh alles passt. Das muss Song für Song entstehen. Wenn einer gut ist, geht’s zum nächsten und so weiter. Wir werden sehen, ob sich was anbietet.
„Die Leichtdichtheit des Seins“ suggeriert eine gewisse Zwanglosigkeit und es wirkt fast so, als hättet ihr ein Zitat von Harald Juhnke grob den Titel entlehnt. Ist dem so?
Pizzera: Das stimmt, aber ich glaube daran, dass diese Wechselwirkung sein darf. Ich fand Menschen der Extreme schon immer sonderbar. Keinen Tropfen zu trinken oder jeden Tag dicht zu sein – ist irgendwie beides falsch. Man darf in seinem Leben auch mal einen gepflegten Kontrollverlust haben und dem Rausch der Musik frönen. Das eine schließt das andere überhaupt nicht aus. Man muss nicht konstant trinken, um erfüllt zu sein. Wer aufhört zu sündigen, der beginnt zu predigen – und das wollen wir nicht.
Ist das Album auch ein Statement gegen Borniertheit und fehlende Diskursfähigkeit? Es wird ja rundum alles immer schlimmer …
Fellner: Das Leben ist facettenreich. In jeder Diskussion hast du das Problem, dass die Graustufen verschwinden, weil alles direkt, schnell und ohne zweite Ebene passieren muss. So genau habe ich über unseren Titel noch nicht nachgedacht, aber all das steckt wohl drin.
Musiker und Songwriter durchleben viele Graustufen. In einem Künstlerkollektiv zu arbeiten, bedeutet auch, eine gewisse Vorbildrolle einzunehmen. Dort wird viel diskutiert, hinterfragt und analysiert? Ist eine Band ein gutes Ventil, um Visionen umzusetzen?
Fellner: Da kommen auch die Erfahrungswerte dazu. Je länger man miteinander arbeitet, umso leichter kann man beim Gegenüber abschätzen, wie weit man gehen kann bzw. wie lange noch etwas geht. Dann gibt es verschiedene Arten von Kompromissbereitschaft. Entweder sagt man, „okay, ich bin mit der Idee von dir nicht ganz happy und hätte gerne, dass wir weiter daran arbeiten“, oder, wenn man sehr freundschaftlich miteinander verbunden ist, sagt man klarer, das einen die Idee gerade nicht abholt. Meine Erfahrung ist aber: Wenn einer stark daran glaubt, dann taucht im richtigen Moment der richtige Sound dazu auf und das Lied wird wieder interessant. Und am Ende taugt es, im besten Fall, vielen.
Pizzera: Absolut, aber das viel zitierte Ego muss man dafür zurückschrauben. Das Wichtigste ist, dass das Produkt passt.
Welche Werte und Komponenten müssen in einer Band unbedingt stimmen?
Pizzera: Das Feature mit Landser wird es nicht geben, das haben wir wegen mangelnder Melodieführung abgebrochen. (lacht) Die Ideologie muss schon passen. Man trifft sich normalerweise zu früh am falschen Fuß, als dass die Gefahr besteht, dass man erst bei der Zusammenarbeit aus allen Wolken fällt.
Fellner: Ich kann mich kaum an eine Situation erinnern, wo wir bei einer Zusammenarbeit dachten: „Na servas …“
Der Song „Nazis gegen Rechts“ ist euch schon besonders wichtig?
Pizzera: Ja, das ist ein Song fürs Portfolio. Wir haben überall ein riesiges Rechtsruck-Problem, das muss man einfach immer wieder erwähnen. Eine gewisse Haltung muss man zeigen. Es muss nicht jeder machen, aber mir war es ein Anliegen, dass wir uns in der Hinsicht deutlich positionieren.
Fellner: Gerade im Mainstream ist es in den letzten etwa 20 Jahren zu einer verloren gegangenen Tugend geworden, komplizierte Themen anzusprechen, weil das eben kein Radio-Airplay bringt. Damit legt man sich ein bisschen selbst, was ich sehr schade finde. Jeder, der sagt Kunst und Politik haben nichts miteinander zu tun, hat nicht verstanden, in welcher Welt wir heute leben.
Pizzera: Es ist schön zu sehen, dass Leute wie Wolfgang Ambros den Song „Nazis gegen Rechts“ hören und sich denken, dass es schön ist, dass auch jüngere Leute wieder so was machen. Das wäre ein klassisches Austropop-Ding gewesen. STS waren auch politische Texter. Da war nicht alles für den Mainstream. Manche Songs haben sie einfach positioniert.
Fellner: Es ist nicht blöd, wenn man als Band wie wir einen solchen Song hat, wo gleich klar ist, in welche Richtung er geht. Die Mischung aus Dialekt und Musik hat im weitesten Sinne mit Heimatverbundenheit zu tun und geht oft schnell in eine Richtung von einer Gruppe Menschen, die gar nicht hören wollen, was wirklich dahintersteckt.
Soll man euch als Musiker so kennenlernen, dass es absolute keine Missverständnisse im politischen Sinne gibt?
Fellner: Klar, das ist völlig okay.
Wenn man Lieder schreibt, schließt man immer eine gewisse Gruppe an Menschen damit aus. Kann man das überhaupt richtig machen?
Pizzera: Völlig richtig, eine gewisse Klientel wirst du immer ausschließen. Wie kann man aber dagegen sein, dass sich zwei Männer lieben? Oder zwei Frauen? Wenn das die Leute sind, die wir ausschließen, dann ist mir das recht. Natürlich ist der Titel „Nazis gegen Rechts“ bewusst gewählt. Das hat für mich nicht nur mit einem intakten moralischen Kompass zu tun, dass man gegen Faschismus ist. Man ist nicht links, wenn man gegen Demokratiefeindlichkeit ist - auch das ist zu kurz gedacht.
Fellner: Es ist ein ärgerliches Missverständnis, dass viele glauben, links stünde bei uns unter Anführungszeichen.
Hat Nachrichtensprecher Armin Wolf eigentlich schon auf seinen von euch verliehenen Spitznamen „Woke-Bubble-Muezzin“ reagiert?
Pizzera: Er wollte beim Video dazu mitspielen, aber das ging sich nicht aus. Er hatte keine Zeit. Die News-Abteilung eines Nachrichtensenders ist momentan wichtiger denn je und die Arbeit von Armin Wolf finde ich supergut. Egal, welcher politischer Couleur du bist, schau dir ein ZiB-Interview an – von ihm wird jeder hergewatscht und das finde ich auch wichtig.
Aktuelle Wählerumfragen bescheinigen der FPÖ an die 40 Prozent, sollte jetzt die Nationalratswahl in Österreich stattfinden. Motiviert so etwas, politische Songs zu schreiben?
Fellner: Je kleiner der Rahmen und je regionaler und direkter, umso motivierender ist er. Wenn in den USA ein Rechtsruck stattfindet, ist das arg, aber auch schon wieder so weit weg von uns. Wenn in der Heimatgemeinde etwas passiert, dann greift dich das direkt an.
Das Album ist aber nicht immer ernst und politisch.
Pizzera: Genau, eine Leichtigkeit im Leben darf immer sein und ist auch wichtig. Alles, was Individualität im Leben in irgendeiner Form restriktiv behandelt, ist für mich egomanisch und kurzsichtig. Das verstehe ich nicht. Solche Themen gibt es oft im Leben und dann muss man reden, denn schon vom Reden miteinander kann man viel lernen.
So ganz ohne Ausgrenzung geht es aber ohnehin nie, oder? Ihr grenzt ja, wenn man es streng nimmt, auch Nazis und Rechte aus, weil ihr sie nicht im Publikum haben wollt.
Pizzera: Der Titel ist abseits vom Text zu verstehen. Das ist quasi die Nebelgranate. Ich wäre naiv, wenn ich glauben würde, wir hätten keinen Rechten im Publikum. Das geht sich statistisch nicht ganz aus und ist auch okay so. Es gibt aber schon noch den Unterschied, ob man ein Rechter ist oder ein rechtes Arschloch oder ganz was anderes. Ich möchte explizit niemanden im Publikum bei uns haben, der gegen die Liebe von zwei Menschen ist – egal in welcher Kombination. Oder jemanden, der will, dass wir in einer gemäßigten Autokratie leben. Das brauche ich nicht. Fertig.
Fellner: Gott sei Dank kann man das am Ende nicht kontrollieren und es lässt sich auch nicht vermeiden. Es zeugt aber von deinem intellektuellen Status, wenn du diese Nummer hörst und trotzdem zu uns kommst.
Seiler und Speer haben vor einem Auftritt in der Wiener Stadthalle einmal eine Bombendrohung bekommen …
Fellner: Da war, glaube ich, gerade Bundespräsidentschaftswahl und Seiler hat irgendein Facebook-Video dazu gemacht. Wir mussten den Soundcheck abbrechen, die Halle wurde geleert und die WEGA rückte an. Dann haben sie Seiler kurz eine schusssichere Weste angeboten.
Ein schönes Lied auf eurem Album ist „Eigentlich vom Land“. Das sind wir alle, die wir hier zusammensitzen. Wird man dann jemals ein Städter?
Pizzera: Mir kommt immer vor, die einzigen sympathischen Städter sind die, die nicht vom Land kommen. Wetzelsdorf-Downtown in allen Ehren, aber als Grazer kann ich auch die nicht ganz für voll nehmen. Ich mag aber die Mischung so gerne. Das Schöne an Österreich ist, dass man bei uns zwei Stunden wohin fahren kann und im Paradies ist. Diese Dankbarkeit will ich damit ausdrücken.
Fellner: Ich wohne jetzt wieder am Land, bin wieder Niederösterreicher.
Pizzera: Die Grenze ziehen wir nicht bei Bundesländern, sondern bei Arschlöchern.
Der Sprung zwischen den ersten und den lustigen Songs ist auf dem neuen Album teilweise wirklich arg und abrupt. Wir haben „Nazis gegen Rechts“ und die Fußballhymne „Stripes And Stars“. Wir haben das emotionale „Papa“ und „Cinderella“. War das in der Ausprägung auch so gewollt oder ist das irgendwann passiert?
Pizzera: Wir hatten keinen Zeitdruck und ich verstehe, was du mit der inhaltlichen Diskrepanz meinst. Aber so ist auch das Leben. Das Blödeln ist ja schön, aber mir ist es manchmal zu einfach. Es muss einen Spagat geben, zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Wenn dir ein Michael Gregoritsch ein Video schickt, wie unsere Burschen in der Kabine zu dem Song hüpfen und feiern, ist das schon geil. Wir haben unser Nationalteam in die Charts gebracht, das ist doch großartig.
Fellner: Ich mag die Vielfältigkeit des Albums besonders. Wenn ich an meine Jugend zurückdenke, hat mir das besonders gefallen, wenn ein Album eine Bandbreite hatte – inhaltlich als auch musikalisch. Bei den Ärzten war das zum Beispiel so, da war einfach immens viel Spielraum. Das Prinzip Album hat heute an Wert verloren, es wird nicht mehr so stark wahrgenommen. Man baut sich eine Playlist mit möglichst gleich klingenden Songs zusammen und arbeitet damit gegen das Format eines Albums. Aber prinzipiell ist das, was ich mir von einem Album wünschen würde, das Breitgefächerte.
Pizzera: Absolut. Und darauf darf dann auch wirklich so etwas Emotionales wie „Papa“ sein, das die Stimmung noch einmal in eine ganz andere Richtung dreht.
Musikalisch habt ihr viele verschiedene Genres angekratzt, es gibt auf dem Album so einige Abzweigungen, die ihr nehmt. Ist das auch jener Freiheit geschuldet, die AUT Of ORDA als Band hat, die nie einem klassischen Stil folgen musste?
Fellner: Ich habe diese Diskussion als Produzent von anderen Musikern oft, dass sie sagen, diesen oder jenen Song könnten sie so oder so nicht machen, weil es stilistisch nicht zum Rest passt. Das Problem haben wir nicht, weil die musikalische Breite schon immer gegeben war und eher die Texte das Bindeglied sind. Natürlich liegen zwischen „Papa“ und „Nazis gegen Rechts“ noch Welten, aber es kommt alles aus einem Guss.
Diese Offenheit ist euch ein wichtiger Faktor?
Pizzera: „Stripes And Stars“, der Song fürs Nationalteam, ist ein gutes Beispiel. Da haben wir uns einfach ein paar Stunden hingesetzt und so viele Verweise rausgeklopft, wie uns eingefallen sind. Diese Textschlachten sind geil, das macht mir richtig Spaß.
Fellner: Es ist eine super Übung, wenn man da immer im Saft bleibt. Da kommt Teamchef Ralf Rangnick vom Nationalteam daher und sagt, er bräuchte einen Reim auf jeden einzelnen Spieler im Kader.
Pizzera: Es gibt halt auch diese profanen Nummern, die einfach lustig sind und da gibt es dann auch nicht mehr dazu zu sagen.
Ein bisschen verwirrend war für die Fußballfans, dass es heuer ja zwei offizielle ÖFB-WM-Songs gab. Euren und den des Wieners Frönk. Wie hat euch die Nummer des Mitbewerbers gefallen?
Pizzera: Ich habe das Lied bis zum Interview mit der Onlineplattform „90 Minuten“ nicht mal mitgekriegt. Wir wissen alle, dass Lieder zu solchen Großereignissen meist richtig schlimm sind. Die Nummer 2010 in Südafrika hat mich gekriegt, da war ich dabei. Aber es ist halt auch Fußball und da geht’s um Stimmung. Wenn du ein feingliedriges Tonwerk erwartest, bist du in dieser Hinsicht an der falschen Adresse. Man misst bei Fußballsongs das Produkt an Dingen, die nicht dafür gemacht sind. Das ist schon von der Grundhaltung her falsch.
Fellner: Wir haben uns bei unserem WM-Song natürlich an der Zwölftonmusik orientiert. (lacht)
Pizzera: Es war lustig zu schreiben und die Nummer hat ihren Zweck erfüllt
Fellner: Ich finde auch die Verbindung zwischen Fußball und Pop-Punk sehr interessant. Emotional liegen sich diese Welten sehr nahe, weil es überall ums Mitsingen von catchy Refrains geht.
Der Song transportiert eine unschuldige Leichtigkeit. So wie man es eben in einer verklärten Nostalgie oder bei einem Sportgroßereignis gerne hätte. Ein bisschen wie Ende der 90er-Jahre.
Pizzera: Das waren andere Zeiten. Was zum Teufel ist eine Finanzkrise? Und ein Steuerausgleich? Das waren damals noch Fremdworte. (lacht)
Stehen die Songs „Süchtig“ und „Giftig“ auf dem Album bewusst hintereinander?
Fellner: Nein, wir wollten sie deshalb sogar umbenennen.
Pizzera: Dann war aber so viel Zeitdruck da und wir haben es dabei belassen. Auch das gehört zur angesprochenen Spielwiese.
Kommen wir zum „Papa“, der Song, der auch das Album beschließt. Paul, ist das deine bislang persönlichste Nummer, die du in deinem Leben geschrieben hast?
Pizzera: Das war ein bewusst gewählter Song. Es gibt das Lied „Mama“ von Pizzera & Jaus und das ist quasi das Gegenstück dazu. Die andere, dunkle, dreckigere Seite. Das ist fast wie so eine Yin-und-Yang-Situation.
Hast du dir dieses Lied von der Seele geschrieben, weil es notwendig und an der Zeit war? Hat es eine gewisse Zeit gebraucht, um damit nach außen zu gehen?
Pizzera: Das passierte an irgendeinem Tag, wo wieder irgendein unschuldiges Kind vom Vater zu Tode geprügelt wurde. Das war für mich der ausschlaggebende Punkt, dass ich mir gedacht habe, das muss jetzt auch mal gesagt werden und man kann auch zur Wahrheit tanzen, wenn sie wehtut. Es klingt hochtrabend, aber ich habe mir das Lied von der Seele geschrieben. Es ist wichtig, dass dieses immer noch salonunfähige Thema Häusliche Gewalt aufgeworfen wird. Gerade Burschen tun sich noch immer so schwer, in Therapie zu gehen und über diese Themen zu reden. Wenn es einem hilft, dass er sich nicht allein fühlt, wenn nur ein unschuldiges Kind eine Stimme bekommt, dann war es das Lied schon wert.
Hat dir das Schreiben des Songs auch selbst bei einer Vergangenheitsbewältigung geholfen?
Pizzera: Mir hat viel geholfen, aber das war sicher ein Teil davon. Man hat immer die Sorge und den Gedanken, was man besser machen könnte, damit einem das nicht mehr passiert. Als Kind hat man immer die Hoffnung, dass sich etwas ändert und das man selbst eine Auswirkung auf eine Verbesserung der Situation hat. Irgendwann muss man aber resignieren, weil man merkt, man kann nichts ändern. Wenn keine Hoffnung mehr bleibt, ist alles zu spät.
Wie wird sich denn der Spannungsbogen des Albums auf eure Live-Konzerte übertragen?
Pizzera: Davon überzeugst du dich am besten selbst, wenn du zu einer unserer Konzerte kommst. Die Setlist steht bisher nicht fest, aber es wird ein großes Fest.
Tour durch Österreich
Ihr neues Album „Die Leichtdichtheit des Seins“ stellen AUT Of ORDA im Oktober quer durch ganz Österreich vor. Am 2. Oktober spielen sie in der Szene Salzburg, am 3. Oktober in der Amstettner Johann-Pölz-Halle, am 8. Oktober im Grazer Orpheum, am 9. Oktober im Linzer Posthof und am 10. Oktober im Gasometer in Wien. Unter www.oeticket.com gibt es alle weiteren Infos und die Karten für die einzelnen Events.
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