„Krone“-Interview

Stephan Zinner: „Kirche macht fundamentale Fehler“

Unterhaltung
22.07.2026 05:00

Durchschnittlich 723.000 Zuschauer waren letzten Sommer bei der ersten Staffel von „Himmel, Herrgott, Sakrament“ rund um einen unorthodoxen bayrischen Pfarrer mit Starbesetzung mit dabei – heute (20.15 Uhr, ORF 2) startet nun endlich die heiß ersehnte zweite Staffel. Dazu hat uns Hauptdarsteller Stephan Zinner erzählt, wie er seinen Pfarrer Reiser anlegt, was die Serie mit seinem Glauben macht und wohin die Kirche gehen sollte.

„Krone“: Stephan, war durch den Erfolg der ersten Staffel von „Himmel, Herrgott, Sakrament“ relativ schnell klar, dass es eine zweite geben würde? Und wo liegen die größten Unterschiede zwischen den beiden Staffeln?
Stephan Zinner:
 Vom Produktionstechnischen her gesehen waren die Unterschiede nicht so groß, weil wir die Motive schon hatten. Rein von der Arbeit hat das viel erleichtert. Das Drehbuch wagt sich natürlich in neue Sphären. Der Pfarrer und seine Freundin versuchen sich mit Kindern etwas aufzubauen, wo wir schon noch einmal einen Schritt weitergehen. Da geht es auch stark um die weibliche Hauptfigur. Wie kommt sie damit zurecht? Reicht ihr das, so eine „Beziehung“ zu führen? Was fehlt ihr und was braucht sie noch? Viele Serien sacken nach der ersten Staffel relativ schnell ab, aber dieses Gefühl hatten wir bei „Himmel, Herrgott, Sakrament“ zu keiner Sekunde. Ich glaube, wir sind den Weg sehr sauber weitergegangen.

Bei der Beziehung mit seiner Freundin stellt sich dann auch die Frage, wie tut sich der Pfarrer mit dem gestrengen Kardinal?
Mit dem Kardinal Brunnenmayr gibt es schon einiges für Pfarrer Reiser abzuarbeiten, aber gewisse Zufälle führen dann auch in die Familiengeschichte des Kardinals hinein. Mit Erwin Steinhauer habe ich da immer wieder sehr schöne Spielmomente und es ist eine Freude, sich mit ihm zu zoffen.

Hat Pfarrer Reiser auch mit Ihnen selbst etwas gemacht? Ist die Figur ein bisschen in Stephan Zinner übergegangen?
Das würde ich jetzt so nicht formulieren, aber die Arbeit mit Regisseur und Drehbuchautor Franz Xaver Bogner und meiner Serien-Freundin Anne Schäfer ist besonders toll. Das war richtiggehend erfüllend und so etwas hat man bei einem Dreh nicht immer. Mich hat das Arbeiten hier glücklich gemacht. Ich finde auch, dass mir diese Rolle selbst gar nicht schadet. Sich wieder einmal mit der Kirche und dem Glauben auseinanderzusetzen und durch diese Beschäftigung wieder eine Orientierung zu bekommen, wo ich selber eigentlich bin. Ich habe ja Pfarrer Rainer Schießler und seine Gottesdienste besucht, er hat ja die Romanvorlagen geliefert, einfach um zu schauen, wie er arbeitet.

Beim unkonventionellen bayrischen Pfarrer darf es auch mal romantisch zugehen.
Beim unkonventionellen bayrischen Pfarrer darf es auch mal romantisch zugehen.(Bild: Barbara Bauriedl)

Ist Ihnen die Religion dadurch wieder nähergekommen?
Religion? Weiß ich nicht, wohl aber der Glaube. Die Frage, an was ich jetzt eigentlich glaube. Ich persönlich bin nicht die ideale religiöse Institution, aber der Grundansatz von Pfarrer Reiser ist gut. Wenn wir alle danach leben, wird die Welt besser sein. Die Ausführung in der Institution Kirche ist heute zum Teil katastrophal. Freunde und Bekannte von mir sind durchaus aktiver in der evangelischen Kirche am Land beteiligt. Die kämpfen gegen die Obrigkeiten und da ist es grotesk, was man so alles mitkriegt. Vor allem aber auch ein bisschen traurig. Der Grundsatz, in einer so schnelllebigen Zeit in einer Gemeinschaft Halt und Gehör zu finden ist ja super und auch die Energie, die man dabei verspürt und die sicher etwas mit einem macht. Das ist jetzt gar nichts Esoterisches, sondern durchaus was Handfestes. Meine Sicht auf Glauben und Religion hat die Rolle nicht verändert, aber sie hat mich wieder in Bewegung gesetzt, mir mehr Gedanken darüber zu machen.

Wir kennen die Probleme der Kirche und die zunehmenden Austritte daraus. Gerade junge Menschen werden oft überhaupt nicht mehr erreicht. Was soll und muss die Kirche dagegen tun?
Beim reinen Gottesdienst ist die Anzahl junger und jüngerer Leute sogar relativ hoch. Es gibt genug Menschen, die danach suchen aber in diesem klassischen, verstaubten Bereich nichts für sich finden. Diese zölibatäre Funktion der Kirche kommt bei jungen Menschen nicht mehr an und das ist ein Fehler. Die Kirche macht viele fundamentale Fehler und ist zu unbeweglich, deshalb kann sie jüngeren Menschen auch sehr schwer nähergebracht werden.

Wie weit können Sie die Figur des unkonventionellen Pfarrers Reiser spielen, ohne dass es zu viel und vielleicht lächerlich wird?
Da hat der Kollege Bogner zum Glück ein sehr gutes Näschen dafür, wie weit er ihn gehen lassen kann und wie weit nicht. Da verlasse ich mich ganz auf den alten Hasen. (lacht) Er ist ein Autor und Regisseur der alten Schule, da kann man sich darauf verlassen, dass die Pointen sitzen.

Es wirkt so, als ob es Ihnen irrsinnig großen Spaß machen würde, diese Rolle zu bekleiden. Was sind so die Momente, wo Sie sich so richtig austoben können?
Zur alten Bogner-Schule gehört auch eine saubere Dialoglastigkeit. Sich mit einem Erwin Steinhauer in guten Dialogen zu fetzen macht so viel Spaß wie ein gutes Tennisspiel. Aussage, Antwort, Replik und immer weiter. Die Dialoge sind so geschrieben, dass es sich zeitweise fast so anfühlt, als wäre man am Theater. Das ist eine Art von Ausleben, die vielleicht von außen gar nicht so spektakulär ausschaut, die dem Beruf des Schauspielers in seiner Urform aber sehr nahekommt. Mir macht es Spaß, vor der Kamera mit jemanden zu streiten, zu reden und sich gern zu haben. Bei uns ist das durch Drehbuch und Ensemble ideal.

In der ersten Staffel haben sich die Genres Komödie und Krimi ganz gut die Waage gehalten. Wohin geht die Reise in der zweiten Staffel?
Am Anfang sind wir gar nicht so komödienlastig, da hat sich schon der Nachbar von meinem Vater beschwert. (lacht) Man kann es nie allen rechtmachen. Die Serie wird mit Fortdauer aber immer lustiger und humorvoller, das Rad wird sehr gut in diese Richtung gedreht.

Haben Sie schon bei den Dreharbeiten zur ersten Staffel innerlich gespürt, dass die Serie einschlagen und wirklich erfolgreich werden könnte?
Mein Gefühl ist da meist relativ schlecht. Ich habe mir schon oft wo gedacht, das wird jetzt toll und dann war es nix. Das muss ich ganz ehrlich so sagen. Bei „Himmel, Herrgott, Sakrament“ konnte ich das überhaupt nicht einschätzen. Ein gewisses Publikum erreichen zu können, das war mir schon irgendwie klar, aber mehr habe ich mir dabei nicht gedacht. Ich spiele viel Kabarett am Land, wo du das Feedback unmittelbar hast. Beim Fernsehen ist das immer ein bisschen eine Irrfahrt.

Haben Sie sich für die Rolle einen bestimmten Pfarrer aus der Filmhistorie oder der Realität zum Vorbild genommen?
Ich komme aus dem bayrischen Trostberg und wir hatten bei der evangelischen Messe in Starnberg einen guten Pfarrer, aber der ist mir heute nicht mehr so präsent. Ansonsten war ich, wie gesagt, bei Schießler. Ich habe versucht, mir von dort einiges abzuschauen, aber auch nicht zu kopieren.

Waren Sie in Ihrer eigenen Kindheit Messdiener oder ähnliches?
Ich war bei den Evangelischen und dort ein Teil der Kirchenband. Zuerst war ich auf der Realschule in Rostock und dort gab es eine Band für die ökumenischen Gottesdienste. Ich war immer mit der Gitarre am Start.

Der singende Pfarrer?
Da waren wirklich sehr schlimme Lieder dabei. (lacht) Die könnte man so nicht nachsingen jetzt.

In der Serie kommt auch sehr gut die Vermischung des bayrischen und österreichischen Humors heraus. Wo sind in unseren Kulturen die größten Parallelen und Unterschiede?
Ich habe mit meinem österreichischen Kollegen Stefan Leonhardsberger das Kabarettprogramm „Kaffee und Bier“ und da greifen wir die Tatsache auf, dass Essen und Trinken auf beiden Seiten ein wichtiger Punkt ist. Darüber kann man sich stundenlang unterhalten, nur leider macht ihr Österreicher es viel besser. (lacht) Ich bin irrsinnig oft und gerne bei euch drüben und da nutze ich die Kulinarik so gut es geht aus. Man unterhält sich auch gerne über Fußball, wobei man das vielleicht nicht immer sollte. Und natürlich das Künstlerische, ich habe auch am Salzburger Landestheater gespielt. Der Umgang mit Kunst und der gesamten Kabarettkultur ist in Österreich sehr gut. Ich war unlängst auch in Wien im Kabarett Niedermair und liebe es, mit den Kollegen dort zu tratschen und fachzusimpeln. Diese Bereiche haben bei euch ein bisschen eine andere Wertschätzung als in Deutschland.

Der Pfarrer gibt einer syrischen Familie Unterschlupf in seiner Kirche – und wehrt sich gegen ...
Der Pfarrer gibt einer syrischen Familie Unterschlupf in seiner Kirche – und wehrt sich gegen Gegenströme von außen.(Bild: Barbara Bauriedl)

Apropos Kabarett. Mit Hannes Ringlstetter sind Sie mit dem Programm „Irgendwas mit Küche“ im Wiener Theater im Park zu sehen am 23. Juli …
Das Kabarett läuft vor allem im bayrischen Raum sehr gut, da befinde ich mich in einer sehr luxuriösen Position. Aber es gibt auch Ausreißer nach unten und da muss man sich die Leute erspielen und erarbeiten. Ich mag es ganz gerne, wenn die Basisarbeit gefragt ist und man sich sein Publikum richtiggehend erkämpfen muss. Im Herbst komme ich dann in den Linzer Posthof, da muss ich auch durch Qualität überzeugen. Das nächste Mal reißen wir dann schon mehr.

Kommen wir noch einmal zur Serie zurück – habt ihr eigentlich schon eine dritte Staffel im Kasten oder ist dahingehend zumindest was in Planung?
Abgedreht ist tatsächlich keine, ich weiß aber, dass es intensive Gespräche gibt zwischen der Bogner Produktion und dem Bayrischen Rundfunk. Mal schauen was dort passiert, Hauptsache die Darsteller kommen da fein raus und der Rest wird sich schon ergeben. In der heutigen Zeit geht ja alles um Geld, deshalb weiß ich nicht, wie weit diese Gespräche sind – aber es haben garantiert alle Seiten Lust auf eine Fortsetzung. Da braucht es aber viele Komponenten, die miteinanderspielen müssen. Franz muss mit seinem Drehbuch zufrieden sein, der Sender mit den Ideen und wir genauso. Ich sage es mal so: Es ist kein Ding der Unmöglichkeit, dass es weitergehen wird.

Wie schaut es bei Ihnen selbst aus? Was wird man da in nächster Zeit alles mitkriegen?
Den Rest des Julis bin ich mit Ringlstetter und dem Kabarettprogramm unterwegs und im August wird ein weiterer „Polizeiruf 110“ abgedreht mit der großartigen Johanna Wokalek an meiner Seite und Christian Petzold als Regisseur - das ist schon eine ordentliche Hausnummer. Darauf freuen wir uns alle und dazu geht es mit meiner Frau für eine Woche nach Italien, bevor es im Herbst mit der Kabaretttour weitergeht. Ich habe heuer eine ganz gute Taktung zwischen Projektvorbereitung, Projekten, Urlaub und Freizeit hingekriegt. Es gibt ja auch Phasen, wo so gar nichts reinkommt, das ist dieses Mal definitiv nicht der Fall. So kann es in Zukunft gerne weitergehen.

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