Live im Happel-Stadion

Helene Fischer: Wir haben uns auf sie eingelassen

Musik
12.07.2026 01:23

Atemlosigkeit und erbafftes Staunen an einem heißen Samstagabend Mitte Juli. Helene Fischer versammelt beim „Krone“-Konzert 57.500 Fans und macht zweieinhalb Stunden das, was sie am besten kann: breitenwirksame Musik mit einer bombastischen Show und viel Spielfreude vermischen. Das Ergebnis ist ein Konzertabend für die ganze Familie.

kmm

Jahrelang wurde auf die 360-Jubiläumsshow von Helene Fischer aufmerksam gemacht – selten wurde ein Konzert so früh in den Verkauf gegeben und dann wurde es doch nicht ganz voll. 57.500 Fans fanden sich trotzdem im Wiener Happel-Stadion ein, um ihre Heldin acht Jahre nach der letzten Stadion-Show endlich wieder im großen Rahmen zu sehen. Dafür hat sie sich einiges ausgedacht und vor allem eine Bühne der Superlative bauen lassen, die es in der Form so noch nie gegeben hat. Knapp 25 Meter hoch, 288 Tonnen schwer und mit 200 Kilogramm Konfetti ausgestattet, die von 20 verschiedenen Blastern in die Menge gepulvert werden. 840 LED-Panele sorgen auf 780 Quadratmeter Gesamtfläche für die bestmögliche Projektion der vier gigantischen Videowalls, die durch den ausufernden Bühnenwürfel in jede Richtung des Stadions erstrahlen. Dafür braucht es nicht weniger als 48 Produktionstrucks, um dieses Monstrum von Stadt zu Stadt zu chauffieren.

Die gigantische, mit vier überdimensionalen LED-Wänden ausgestattete Bühne inmitten des ...
Die gigantische, mit vier überdimensionalen LED-Wänden ausgestattete Bühne inmitten des Publikums spielt alle Stückerl.(Bild: Andreas Graf)

Fliegen, segeln, gleiten
Mit leichter Verspätung segelt Helene zu Beginn der Show vom zweiten Rang des Stadions auf die Bühne, um mit „Jetzt oder nie“ in einen 140-minütigen Abend zu leiten, der für Fans keine Wünsche offenlässt. Eine musikalische Zeitreise soll es zum 20-jährigen Karrierejubiläum werden, wie sie schon früh im Set erzählt – kurz darauf stimmt sie den allerersten im Studio aufgenommenen Song „Feuer am Horizont“ a cappella mit ihrem Publikum an. Auf der quadratischen Megabühne tummeln sich derweil die unterschiedlichen Instrumentalisten und insgesamt 20 Tänzerinnen und Tänzer, die Helene etwa bei „Flieger“ auf Händen zu einem hydraulisch verstellbaren Sessel tragen, mit dem die Schlagerkönigin auf Schienen über die Bühne kutschiert wird. „Genau dieses Gefühl“ heißt nicht nur ein Lied von Helene, sondern ist programmatisch für die Stimmung, die erst später richtig am Kochen ist, weil die Menschen anfangs noch mit Staunen und visueller Orientierung beschäftigt sind.

Ein herzliches „Hallo“ an ihre österreichischen Fans. Helene Fischer fühlt sich in der ...
Ein herzliches „Hallo“ an ihre österreichischen Fans. Helene Fischer fühlt sich in der Alpenrepublik sichtlich wohl.(Bild: Andreas Graf)

Nach dem Tourauftakt vor fast genau einem Monat in Dresden ist Wien bereits die drittletzte Station und eine erklärte favorisierte von Helene, die mit Wien schon immer ein besonderes Verhältnis pflegte. „Ich habe mich so sehr auf diesen Tag gefreut“, erzählt sie während des Konzerts, „heute ist es endlich so weit. Wir haben eine große Show geplant, lasst euch einfach darauf ein. Wir sind nur für euch hier.“ Fischer überzeugt anfangs im roten Glitzer-Lamettenkleid und mit roten Overknee-Stiefeln, die blonde Mähne wallt nur halb und wird leicht in Zaum gehalten, um bei den immer wieder eingestreuten artistischen Einlagen nicht zu stören. Die Outfits sollten später blau, silber, gold und schwarz werden. Dazwischen wird sogar ein ganzes Festbankett auf einem der zwei langen Bühnenstege aufgebaut. Helene ist ihren Fans nah wie immer. Verteilt Küsschen und formt mit den Fingern Herzen, um einzelnen Ausgewählten immer wieder besondere Liebe von der Bühne herunter zuteilwerden zu lassen. Passenderweise singt sie in ein goldenes Mikrofon – im Publikum tummelt sich die LGBTQ-Klientel genauso wie treue Schlageranhänger aus dem ruralen Bereich.

Zu Beginn des Konzerts schwebte Queen Helene über den Köpfen der Fans hinweg auf die Bühne ...
Zu Beginn des Konzerts schwebte Queen Helene über den Köpfen der Fans hinweg auf die Bühne herab.(Bild: Andreas Graf)

Kunterbuntes Fest voller Beats
Mit Songs wie „Regenbogenfarben“ hat sich Fischer über die Jahre aber auch zu jener Künstlerin entwickelt, die sich klar für Zwischenmenschlichkeit, Offenheit und Toleranz und gegen engstirniges Denken stellt. Im erweiterten Schlagersektor fast noch immer ein Novum, aber auch ein Merkmal, wie meinungsstark sich die Künstlerin der Öffentlichkeit längst positioniert. Apropos Schlager – musikalisch ist Helene Fischer ohnehin ein kunterbuntes Amalgam aus verschiedensten Stilen, die mit Schlager in Reinform überhaupt nichts mehr zu tun haben. Für die Techno-Beatstafetten bei „Herzbeben“ würde Scooter-Frontmann H.P. Baxxter wahrscheinlich wieder seine halbe Mannschaft tauschen. Wenn die Balladen mit richtig viel Gefühl gesungen werden, wähnt man sich im Traumland der romantischen 80er-Jahre und dazwischen bleibt noch ausreichend Raum, um sich auch in anderen Gefilden auszutoben. Die allumfassende Breitenwirksamkeit der Künstlerin ist auch damit zu erklären. Sie ist in jedem massentauglichen Genre präsent, wirkt überall authentisch und zugänglich.

Wie ein Engel aus dem Licht: Helene Fischer betritt die Bühne nicht, sie erscheint.
Wie ein Engel aus dem Licht: Helene Fischer betritt die Bühne nicht, sie erscheint.(Bild: Andreas Graf)

Vier ausschwenkbare Kranarme bringen Fischer dann den Sitzplätzen im Stadion näher, von Plattform zu Plattform kommt sie via Flug. Überhaupt turnt die Entertainerin gerne am Seil durch die Lüfte und erinnert dabei an die Kultshows der US-Rockröhre P!nk. Besonders mitreißend: Bei der Extended Version der brandneuen Erfolgssingle „An meiner Seite“ lässt sie sich von Ehemann und Tänzer Thomas Seitel teilweise ungesichert (!) durch die Lüfte federn - hoch verliebtes Knistern inklusive. Eingebettet ist diese Einlage zwischen vom ganzen Stadion lautstark mitgesungenen Jahrhunderttrack „Atemlos durch die Nacht“ und dem flotten „Blitz“. Der dramaturgische Bogen schlägt viele Haken, dazwischen gibt’s ständig Action. Ein Medley mit Latino-Rhythmen, Hörproben des neuen Albums („Warum“) und noch weitere Gimmicks, die von den vielen Menschen auf und abseits der Bühne akkurat mitgetragen werden.

Bei den vielen poppigen Elementen in der Show von Helene Fischer darf die wilde Mähne ruhig ...
Bei den vielen poppigen Elementen in der Show von Helene Fischer darf die wilde Mähne ruhig einmal aus ihrer Standfassung gebracht werden.(Bild: Andreas Graf)

Es wird Zeit für ein neues Album
Helene Fischer anno 2026 bleibt ein musikalischer Spaltpilz, doch rein vom Entertainmentfaktor her macht ihr niemand was vor. Eine derart bombastische und doch so leichtfüßig in die Massen gebrachte Show hält auch den allergrößten internationalen Standards stand. Wie praktisch, dass Fischer ausgerechnet ihre gar nicht so geheime Lieblingsstadt Wien dazu auserkoren hat, eine DVD von dieser Tour drehen zu lassen, um sie wohl 2027 zu veröffentlichen. Bis dahin darf man auch mit dem heiß ersehnten neuen Studioalbum rechnen, denn allen Feuersbrünsten, Flugeinlagen und Feuerwerken zum Trotz muss man schon festhalten, dass der lange Zeit eher schleppende Ticketverkauf wohl auch damit zu tun hat, dass Helene schon lange nichts mehr veröffentlicht hat, die Kinderlieder-CDs ausgenommen. Fünf Outfits, mehr als 30 Lieder und zweieinhalb Stunden später darf man sich sicher sein, als Zeuge einer neuen Bombast-Pop-Ära dabei gewesen zu sein. Helene ist in ihrer ganz eigenen Liga daheim und fühlt sich dort pudelwohl. Wir dürfen zuschauen und staunen.

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