Spione leben zwei Mal

Der geheime Nebenjob und die Angst vor Enttarnung

Fälle wie die Spionagevorwürfe gegen Egisto Ott oder die Aktivitäten von Jan Marsalek haben ihre historischen Parallelen. Und sie zeigen: Es mögen sich die technologischen Mittel seit dem Kalten Krieg geändert haben. Aber die Methoden, wie man einen Menschen davon überzeugt, zu spionieren, das heißt Geheimnisse zu verraten und damit Vertrauensbruch zu begehen, bleiben dieselben.

Gut informiert zu sein war schon immer ein unschätzbarer Vorteil – für diplomatische Gespräche und politische Verhandlungen genauso wie für wirtschaftliche Planungen oder auch militärisches Vorgehen. Dafür braucht es jemanden, der über diese Dinge Bescheid weiß und bereit ist, sein Wissen zu teilen. Diese Art der Informationsbeschaffung nennt sich „human intelligence“.

Doch diese hat aufgrund des menschlichen Faktors ihre Tücken. Dies bedeutet: Ist die Quelle letztlich doch nicht vertrauenswürdig oder zuverlässig, können katastrophale Probleme entstehen. Ein guter Lehrmeister dazu, wie die „menschliche Seite“ nachrichtendienstlicher Arbeit funktioniert, ist die Geschichte. „Das Geschäft hat sich seit dem Kalten Krieg nicht so stark verändert wie man glauben würde“, erklärt der Zeithistoriker Dieter Bacher im Gespräch mit der „Krone“.

Der von ihm nun mit herausgegebene Band „Spione im Kalten Krieg“ beleuchtet die persönlichen Schicksale von Frauen und Männern, die an der „geheimen Front“ des Kalten Krieges agierten. Eine Tätigkeit, die oftmals ihren Preis forderte und weitreichende Folgen für die gesamte Familien hatte. Dabei zeigt sich, wie vielfältig die Motive zur Zusammenarbeit waren.

Dieter Bacher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ludwig Boltzmann Institut für ...
Dieter Bacher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung und Assistent am Institut für Geschichte der Universität Graz. Er widmet sich als Zeithistoriker vor allem den Aktivitäten von Geheim- und Nachrichtendiensten im Österreich des Kalten Krieges.(Bild: Krone-Collage/zVg, Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung)

Viele Informanten lebten ein „normales“ Leben
Den Spionen ging es demnach nicht nur um Geld. Man trifft auch auf eine komplexe Mischung aus ideologischen Überzeugungen, persönlichen Interessen und äußeren Zwängen. So mancher ließ sich aufgrund seiner Sympathie für die politische Ideologie zur Kooperation bewegen. Andere wollten endlich für ihre Arbeit wertgeschätzt werden. Doch war letztlich alles so wie erhofft? Und was macht ein Spion eigentlich den ganzen Tag? „Viele Informanten lebten nicht viel anders als ganz normale Menschen“, so Bacher. „Nur wenige, wie etwa sowjetische ,Illegale‘, mussten unter einer Tarnidentität leben.“ Der Unterschied lag bei Informanten darin, dass sie an gewisse Stellen Informationen weitergaben, quasi ein Zweitjob.

Die Tätigkeit eines angeworbenen „Spions“ hing vor allem von seinem Aufgabengebiet ab. Manche sammelten Informationen an gewissen Orten, andere beobachteten ausgewählte Personen. Meist waren es Tätigkeiten, die mit dem eigentlichen Beruf des Informanten vereinbar waren – oder diesen sogar gezielt nutzten. „Ein Sekretär oder Pressesprecher eines Politikers etwa hatte durch seine Position einen guten Zugriff auf die Informationen für seinen Chef, was ein Nachrichtendienst gut nutzen konnte“, erzählt der Forscher.

Wer aufflog, ging durch die Hölle
Jedenfalls war Spionage keine ungefährliche Tätigkeit. Bei Enttarnung konnte einem Informanten eine mehrjährige Haft bis hin zur Todesstrafe drohen, je nach Land, in dem er spionierte. Einer Verurteilung gingen teils monatelange Verhöre voraus. „Die Spionageabwehrdienste waren natürlich daran interessiert, was er geliefert hatte, mit wem er kooperiert hatte, wie sein ,Arbeitgeber‘ dabei vorgegangen war. Manche enttarnten Spione wurden im Zuge dieser Untersuchungen auch ,umgedreht‘ und zur Spionage gegen den anderen Dienst eingesetzt – natürlich mit doppeltem Risiko“, schildert der Wissenschaftler. Im Wien der frühen 1950er-Jahre hätte etwa das Aufschreiben und Weitergeben sowjetischer Autokennzeichen die Verhaftung durch das sowjetische Ministerium für Staatssicherheit und ein Todesurteil wegen Spionage zur Folge haben können.

Für die Untersuchung werteten die Autoren des Bandes zahlreiche neue Quellen aus und eröffnen damit komplett neue Einblicke in die Praxis der Geheimdienstarbeit. Bemerkenswert ist, dass sie dabei auf viele Spuren in Österreich stießen. „Nicht nur Wien, sondern auch Salzburg, Graz oder andere Orte in der Steiermark traten als ,Drehscheiben‘ für geheim- und nachrichtendienstliche Tätigkeit zutage“, erklärt Bacher.

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