Österreichs Fußball-Legenden hatten sich vom ÖFB-Team bei der WM „ein bisserl mehr erhofft“. „Es waren einfach zu viele Spieler nicht in ihrer Hochform, die es gebraucht hätte, um besser aufzutreten und vielleicht noch weiter zu kommen“, sagte Toni Polster. „Das Minimalziel mit dem Erreichen der K.-o.-Phase haben wir erreicht“, meinte Herbert Prohaska nach dem Sechzehntelfinal-Aus gegen Spanien (0:3). „Sicherlich kann diese Mannschaft besser spielen, als sie es gezeigt hat.“
Da Österreich am amtierenden Europameister gescheitert ist, hielt sich die größte Enttäuschung über das frühe Ausscheiden bei den ÖFB-Granden in Grenzen. „Wir müssen uns nicht genieren“, meinte auch Hans Krankl. „Das war ein Lehrspiel, der Gegner war in allen Belangen eine Klasse besser als wir.“ Das liegt laut dem Ex-Teamchef (2002-2005) in erster Linie an der Stärke des Gegners. „Und natürlich waren wir körperlich nicht im besten Zustand. Das ist für alle augenscheinlich.“
Im Spiel mit dem Ball und in Sachen Spritzigkeit seien nicht nur die Weltklasseteams, sondern etwa auch Algerien der österreichischen Mannschaft überlegen gewesen, meinte Krankl. Teamchef Ralf Rangnick stellte hingegen körperliche Defizite in Abrede. Krankl dazu: „Das muss er sagen.“ Für den 73-Jährigen ist klar: Mit dem oft zitierten Pressingstil hebe sich das Nationalteam längst nicht (mehr) von anderen ab. „Wenn man sieht, wie die Spanier pressen, die gehen sofort in den Gegenschlag. Und dann kommt noch das Fußballerische dazu, wo sie weit über uns zu stellen sind.“
„Konnten unsere Stärken nicht ausspielen“
Prohaska, WM-Teamchef von 1998, führte den besonderen Charakter einer WM ins Treffen. „Ein Turnier ist etwas anderes als ein Länderspiel oder zwei Länderspiele in fünf Tagen. Da kommt so viel dazu: Zeitzonen, Distanzen, ein Stadion mit Dach, dann wieder extreme Hitze. Das macht mit dem Körper sehr, sehr viel. Unsere Stärken wie hohes Pressing und Bälle erkämpfen konnten wir nicht so ausspielen.“
Für Polster erfüllte sich der allgemeine öffentliche Glaube an eine „superstarke Mannschaft“ nicht. „Wir hätten uns sicherlich alle ein bisserl mehr erhofft“, so der langjährige ÖFB-Rekordtorschütze. „Bis auf Alexander Schlager und Marcel Sabitzer hat es kein Spieler geschafft, bei der Weltmeisterschaft in Topform zu spielen.“ Die Qualitäten von Christoph Baumgartner hätten der Offensive ganz offensichtlich gefehlt. „Spielertypen wie ihn haben wir nicht so viele, er ist schwer zu ersetzen. Aber auch bei anderen Nationen sind Spieler ausgefallen, das will ich nicht als Ausrede gelten lassen.“
Auch Herzog meldet beim „Fitnesslevel“ Zweifel an
Andreas Herzog warnte vor einer gewissen Genügsamkeit hierzulande. „Was mir auffällt: Zu Beginn der Amtszeit von Rangnick haben wir Spiele gewonnen und er hat noch die Mannschaft kritisiert. In den letzten Spielen sind wir wieder in einer Phase drin, wo wir sagen, es ist eh alles okay. Nein, Argentinien war klar besser als wir, Spanien war klar besser als wir“, betonte Herzog, der als ORF-Experte selbst vor Ort war. Den ersten Einzug in die K.-o.-Phase „seit Ewigkeiten“ dürfe man „nicht kleinreden“, so der 103-fache Teamspieler. Allerdings: „Bei einer WM, wenn du Sensationen schaffen willst, (...) musst du am obersten Limit spielen, und das ist uns nicht gelungen.“ Sein Befund falle deswegen kritisch aus, weil die Mannschaft das Potenzial habe, näher an den Topmannschaften dran zu sein.
Einen Grund, warum das volle Potenzial nicht zur Entfaltung kam, sieht auch Herzog in der Physis der Spieler. „Bei der EM sind wir über den Platz geflogen, da waren wir fit, da sind wir marschiert und waren die fitteste Mannschaft im Turnier.“ Bei der laufenden Endrunde habe man oft bereits zur Pause Spieler austauschen müssen. „Das ist kein Zeichen, wo ich sage, da kann man von einem absoluten Topniveau beim Fitnesslevel sprechen.“
Rückendeckung für Rangnick
Obwohl das WM-Fazit durchwachsen ausfällt, bewerteten die ÖFB-Legenden die vorzeitige Vertragsverlängerung mit Rangnick weiterhin positiv – oder wie im Fall von Krankl „gar nicht“. „Das ist der logische und richtige Schritt. Es wäre vermessen, etwas anderes zu sagen“, erklärte Prohaska zur Verlängerung mit dem Deutschen, der Österreich zur EM 2028 führen soll. „Wir sind ein Team, der Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft scheint sehr gut zu sein. Dafür ist immer der Trainer verantwortlich“, so Polster.
Den wohl zwingenden Umbau einer in die Jahre gekommenen Mannschaft gestaltet Rangnick also durchaus mit Rückendeckung von Österreichs Fußball-Granden. „Der Arnautovic und wohl auch der Alaba hören auf, das ist alles normal. Es braucht keine neue Mannschaft, aber eine veränderte, verjüngte. Irgendwann muss man damit anfangen“, sagte Krankl.
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