Rund 55.000 Fans kamen bei allerbestem Sommerwetter Freitagabend ins Wiener Ernst-Happel-Stadion, um sich nach elf Jahren Abwesenheit von den Foo Fighters begeistern zu lassen. Dave Grohl und Co. feuerten ein dreistündiges Set voller Hits, Oldies und Überraschungen aus ihren Rohren und bewiesen, dass Rock‘n‘Roll keine Gimmicks benötigt.
Als hätte Wettergott Petrus in seiner allmächtigen Rolle als Himmelspförtner gewusst, worauf es an diesem Abend ankommt, hat er die Schleusen zum nächsten großen Happel-Stadion-Konzert mit der US-amerikanischen Rock-Schmiede Foo Fighters glücklicherweise geschlossen gehalten. Die Österreicher und insbesondere die Wiener sind ja ohnehin geplagt genug, wenn man sich allein schon die Anreise zum Nationalstadion vergegenwärtigt. Wie sommers üblich macht die U4 für einen Monat eine leider entscheidende Stationspause, die Straßenbahnlinien werden aufgegraben oder gewartet, auf der Tangente gibt es im Auto auch kein Weiterkommen – wenigstens die Wien-umspannende S80 schnauft noch ein letztes Mal durch die Stationen, bevor sie sich bis mindestens Ende 2027 baubedingt ausruht. Dazu lärmt von nicht allzu weiter Ferne das kostenlose Donauinselfest gen Prater. Den Wunsch, damit Österreich bei der Fußball-WM auszuweichen, hat man sich mit der Verlegung auf Anfang Juli erfüllt. Bringt am Tag eines vollen Stadionkonzerts aber auch nicht viel.
Die Zeit bringt Popularität
Rund 55.000 Menschen sind zu einem angenehmen Sommerabend in das brüchige Oval geströmt, um die Foo Fighters nach satten elf Jahren Abwesenheit in Wien zu begrüßen. Beim letzten Stelldichein, 2015, waren es in der randvollen Wiener Stadthalle noch knapp 16.000 Fans, die Klimaanlage hat nicht funktioniert und Mastermind Dave Grohl saß nach seinem Beinbruch beim Live-Konzert in Stockholm in seinem eigens angefertigten Sitz-Thron, den sich wenig später auch Axl Rose ausborgen sollte. Die massive Steigerung der Publikumsnachfrage lässt sich vor allem an zwei Dingen verorten. Einerseits an der langen Zeit des Darbens, andererseits daran, dass man eh schon sehr große Bands mittlerweile dürstend hochfeiert und ihren Kultstatus nach vielen Jahren auch als solchen wahrnimmt. An den aktuellen Alben kann es nämlich nicht liegen, mit „Wasting Light“ hat das letzte richtige Top-Werk schon 15 Jahre am Buckel. Auch das brandneue und flotte „Your Favorite Toy“ wird auf Dauer nicht in der ersten Liga verweilen können.
Das weiß Grohl am besten, der auf der laufenden Stadiontour auch nur maximal drei Songs dieses Werks pro Abend zum Besten gibt. Der 57-jährige, der ungewohnte Skandale wie außereheliches Kind und Ehekrise tatsächlich halbwegs schadensfrei zu überstanden haben scheint, weiß, dass gerade im Livesegments das Thema Brot und Spiele entscheidend ist. Wer aus mittlerweile mehr als 30 Jahren Bandhistorie schöpfen kann, kann sich dementsprechend glücklich schätzen. Songs wie „The Pretender“, „Times Like These“, „Breakout“ oder „Learn To Fly“ sorgen für einen dementsprechend hohen Lärmpegel. Die Foo Fighters starten mit roten Rauchschwaden und einer pulsierenden Lichtshow sehr früh und noch taghell in den Abend und konzentrieren sich voll und ganz auf die Kraft des Rock’n’Rolls. Auf zusätzliche Spielereien wird bewusst verzichtet. Grohl erzählt von den frühen Tagen bei Nirvana, vom dicken Band innerhalb der eigenen Truppe, es wird dem 2022 verstorbenen Drummer Taylor Hawkins gedacht und viel Kaugummi gekaut – dazwischen wird ein Song-Ass nach dem anderen aus dem Köcher gezogen.
Vorwiegend glückliche Gesichter
Die Stimmung im Happel-Oval ist von Anfang an am Siedepunkt und spiegelt die immense Vorfreude der Fans auf den Auftritt ihrer Helden perfekt wider. Kartons und Plakate wurden im Vorfeld beschrieben, draußen gehen die Merchandise-Artikel weg wie die warmen Semmeln. Besonders begehrt: ein zugegeben kitschiges, aber exklusives Shirt mit Wien-Motiv, dass einer kruden Horror-Action-Fantasie gleichkommt. Zwischen all dem Lärm haben die Foo Fighters aber auch Zeit für eine akustische Zwischeneinlage, wo vor allem das melancholische „Wheels“ mit einer berührenden Intensität zu überzeugen weiß. Diese entschlackten Momente zeugen nur von der Vielseitigkeit der Band, die, wie viele andere zuvor, teilweise am erschreckend breiigen Sound im Happel-Stadion zu scheitern droht. Doch gegen Ende hin dreht sich die Klangqualität ins Positive und hinterlässt vorwiegend glückliche Gesichter. Eine mehr als gelungene Rückkehr auf Wiener Boden.
Bei den Supportbands haben die Foo Fighters auf dieser Tour ordentlich durchgerüttelt – Wien wurde insgesamt mit dem besten Paket beschenkt. Bei ihrer Wien-Premiere legen Fat Dog am brennend heißen Nachmittag eine Show aufs Parkett, bei der man das gehypte Post-Punk-Genre endlich mit Spaß assoziiert. Während die sechsköpfige Band samt Saxofon und zusätzlichen Percussions wie ein Uhrwerk knüppelt, kann sich Frontmann Joe Love nicht zurückhalten, schießt sich zwei Dosen Gösser in den weiß gewandeten Leib und verlässt für jedes zweite Lied die Bühne, um inmitten der Fans Gas zu geben. „In Berlin habe ich einen Typen im Publikum von der Bühne aus fast ein ganzes Lied lang angeschrien“, erzählt uns Love am Vortag im „Krone“-Talk, „er hat Instagram aber für keine Sekunde verlassen.“ Da sind die Wiener dankbarer und Songs wie „Cancel Me (I’m Tired)“, „King Of The Slugs“ oder der „Peace Song“ sorgen für etwas Bewegung im noch leeren Stadion. Schade nur: die Hundemaske, die es noch beim Österreich-Debüt in Graz (Elevate Festival, 2025) gab, fehlt hier. Man darf sich auf das neue Album (2. Oktober) und das ganze „Krone“-Interview freuen. Hier wächst eine besonders feine Band heran.
Bellende Hunde beißen manchmal
Schon länger erfolgreich im Post-Punk-Game unterwegs sind die Idles. Ein Open-Air-Konzert in der Arena vor wenigen Jahren gilt noch heute als eines der explosivsten in der reichhaltigen Geschichte der traditionsreichen Venue. Auf einer Stadionbühne ist das schwieriger, auch wenn der exzentrische Gitarrist Mark Bowen mit rosarotem Jorge-Campos-Tormanndress optisch herausglänzt und das Stromruder wieder in unnachahmlich intensiver Art bedient. Frontmann Joe Talbot nennt Fat Dog als seine „neue Lieblingsband“, skandiert – nicht zur Freude aller Anwesenden – gerne „Viva Palästina“-Rufe und besingt in seinen Texten vom Tod der geliebten Mutter über die eigene toxische Maskulinität bis hin zum britischen „Tory-Arbeiterfaschismus“ alles, was tief in die Nieren geht. Der Sound ist dabei zwischen aggressiv und dissonant, Talbot bedankt sich trotz allem für die Liebe und den Zuspruch – wenn der auch karger ausfällt als sie es sonst gewohnt sind. Songs wie „Mother“, „I’m Scum“ oder „Rottweiler“ sind mittlerweile aber fast schon sowas wie britisches Kulturgut. Und dass er fleißige Immigranten lobt, die jedes Land verbessern und stärken, tut in Zeiten politischer Engstirnigkeit besonders gut. Raue Schale, weicher Kern – die Engländer bellen gerne, beißen dann aber doch selten.
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