Das britische Hardrock-Gespann Deep Purple prägt die Szene seit 58 Jahren. Unermüdlich veröffentlichen sie neue Alben und touren. Ihr aktuelles Werk „Splat!“ ist ein besonders gelungenes und vermischt alte Stärken mit modernen Produktionstechniken. Bassist Roger Glover und Neu-Gitarrist Simon McBride geben der „Krone“ nähere Einblicke in die einzigartige Historie der Band – und ergründen das Geheimnis der ewigen musikalischen Frische.
„Krone“: Roger, Simon – Deep Purple gibt es jetzt als Band seit knapp 60 Jahren und dann erscheint mit „Splat!“ ein so frisches und wuchtiges Album, wie es andere nach wenigen Jahren nicht mehr zusammenbringen würden. Woher kommt diese Energie?
Simon McBride: In diesem Fall liegt das vielleicht auch ein bisschen an mir als neuestes Mitglied. Dadurch kamen frische Ideen und neue Zugänge in das Songwriting, so entstand ein neues Kapitel Deep Purple. Wir sind seitdem auch härter geworden, weil mein musikalischer Background im Heavy-Rock-Bereich liegt. So entwickelte sich alles ganz natürlich. Wenn du Musik liebst, dann ist es immer aufregend, etwas Neues zu erschaffen und mir macht es auch mehr Spaß, als immer und immer wieder das alte Zeug zu spielen. Wenn mich Leute fragen, was auf einem Purple-Album mein Lieblingssong wäre, sage ich immer: „Der nächste, den ich noch nicht geschrieben habe“. Neues zu erschaffen ist magisch.
Roger Glover: Ich wurde unlängst von jemandem gefragt, warum wir in der Band heute keine Songs mehr schreiben wie „Highway Star“? Ich antwortete ihm, dass wir das wohl tun würden. Wir gehen das Songwriting nicht anders an als früher, aber es kommt halt kein solcher Song mehr aus uns raus. Als „Highway Star“ veröffentlicht wurde, hatten wir keine Ahnung, was die Zukunft bringen würde. So ist es heute auch. Folge deiner Leidenschaft und den Instinkten – das macht dich glücklich. Darum geht’s.
Ist dieses Glücklichsein in Deep Purple heute anders definierbar als damals? Gibt es andere Dinge als früher, die euch glücklich machen?
Glover: Wir hatten unsere Höhen und Tiefen, aber immer großen Respekt füreinander. Jeder schätzt die Fähigkeiten und Kenntnisse des anderen. Das trägt viel zu einer guten Atmosphäre und einem schönen Gefühl bei. Eine Band wie unsere entstand aus vielen Zufällen und dann geht’s darum, dass man sich findet. Manchmal funktioniert es, manchmal nicht. Wir hatten Glück. Oder zumindest ich. Ich sehe mich als glücklichsten Menschen der Welt.
Simon, du bist jetzt auch schon vier Jahre Teil der Band …
McBride: …Zeit zu gehen, oder? (lacht)
Wie hat sich deine Rolle in der Band während dieser Zeit verändert? Bist du ein gewichtigerer Teil als ganz zu Beginn?
McBride: Als ich zu Purple kam, spielte ich anfangs nur ein paar Live-Konzerte, weil ich Steve Morse temporär ersetzte, der es privat sehr schwierig hatte. Ich hatte den Vorsatz, so viel Spaß wie möglich zu haben. Ich kannte die Jungs alle und wusste, das wird toll. Das wiederholte sich dann ein paar Mal. Immer mit der Aussicht, ein Ende vor Augen zu haben und in mein normales Leben zurückzukehren. Aber eines Tages, das war irgendwo in Deutschland, wurde ich gefragt, ob ich ein fixes Mitglied der Band sein wolle. Das war wie ein Schock, ich hatte nicht damit gerechnet. Es hat eine Zeit lang gebraucht, bis ich mich wirklich als Teil des Teams fühlte. Es waren alle immer sehr nett und zugänglich, aber du weißt schon, du bist der Neue und das geht nicht so leicht von selbst.
Heute fühle ich mich als vollwertiges Mitglied und bin total entspannt. Ich kann sagen, was ich will. Ich kann spielen, was ich will, niemand macht mir irgendwo Druck. Wenn jemand Neues in ein bestehendes Team stößt, muss immer erst eine Barriere durchbrochen werden. Das hat ein paar Jahre gedauert. Heute läuft alles – auch bei den Aufnahmen zu „Splat!“ war das so. Früher waren Deep Purple für mich Rocklegenden. Heute sind es Rocklegenden, von denen ich ein Teil davon bin. Ich bin Teil der Möblierung, es fühlt sich nicht mehr fremd an. (lacht)
Man lernt sich kennen, kennt die Mechanismen einer Band und wird ein Teil davon …
Glover: Ich war ein Teil der Band, da gab es Kämpfe. Drei gegen zwei oder vier gegen einen. Heute kann jeder alles ohne Angst machen, jede Idee wird ernstgenommen. Deep Purple haben auch deshalb eine so lange Geschichte, weil wir uns immer wieder neu erfunden haben. Der Weg reicht von Ritchie Blackmore über Steve Morse bis nun hin zu Simon. So stagniert man nie.
Wenn man sich die Geschichte der Band ansieht, war es strenggenommen nie nur eine Band. Da gab es so viele Besetzungswechsel und Veränderungen, dass man gar nicht von einem kongruenten Kollektiv reden kann.
Glover: Es ist mehr wie eine Saga.
Das trifft es gut. Mit Höhen und Tiefen, wie du bereits angesprochen hast. Lassen sich die unterschiedlichen Teams und Phasen denn miteinander vergleichen?
Glover: Ich habe mir immer geschworen, niemals Vergleiche anzustellen, weil die Positionen und Situationen viel zu unterschiedlich waren. Man kann keine Äpfel mit Tischen vergleichen. Jeder, der jemals in dieser Band spielte, hat ihr auf seine Art und Weise seinen Stempel aufgedrückt. Ich habe es immer so gehalten, dass ich lieber mehr als zu wenig gesagt habe in der Band. Das ist meine Meinung, aber Meinungen gibt es wie Blätter auf Bäumen. Ich war ein großer Fan von Steve als Gitarrist, bin es aber auch von Simon. Ritchie war auch genial – jeder war und ist er selbst.
McBride: Heute will überhaupt jeder alles mit allem vergleichen. Warum klingt das wie jenes? Warum spielt er wie der andere? Hört lieber auf den Sound einer Band im gegenwärtigen Moment. Vor 30 oder 40 Jahren war der Sound anders, die Band anders, die Besetzung anders. Vor mir gab es Blackmore, Morse, Tommy Bolin und Joe Satriani – jeder war anders. Ich kann nichts spielen, wie Ritchie Blackmore, aber ich bin auch nicht Ritchie Blackmore. Ich habe nicht sein Gehirn und nicht seine Finger. Das gilt auch für alle anderen.
Da kommt ihr aber nicht aus. Verglichen wurde in der Musik schon immer und das wird sich nie ändern.
McBride: Mich haben auch schon Leute mit Rory Gallagher verglichen, nur weil wir beide aus Nordirland kommen. Ich kann dir nichts von keinem einzigen verdammten Rory-Gallagher-Song sagen. Nichts gegen ihn, aber ich habe ihn einfach nie gehört. Vergleiche sind unnötig.
Früher gab es in der Band aber viel mehr interne Grabenkämpfe, mehr Ego-Streitereien. Heute ist Deep Purple von einer merkbaren Harmonie durchzogen. Wie kam es dazu?
Glover: Wir sind einfach gute Typen. (lacht) Ich erinnere mich noch gut an die ersten Gigs mit Joe Satriani. Ich sah auf der Bühne nach links rüber und da war tatsächlich ein Gitarrist, der lachte und gute Laune hatte. Der glücklich darüber war, ein Teil des Ganzen zu sein. Das war das erste Mal, wo ich mir sicher war, wir haben eine Zukunft ohne Ritchie Blackmore – was uns viele Fans nie zutrauten. Wir waren immer gezwungen weiterzumachen, denn es ging nie um Ritchie oder uns – die Band war immer größer als wir alle. Als Steve Morse in die Band kam, fragte er mich, was ich mir von ihm vorstellen würde. Er solle einfach er selbst sein und nicht der zweite Ritchie – das braucht doch niemand. Das galt auch für die anderen Instrumente. Don Airey sollte nie ein neuer Jon Lord werden. Das wäre alles falsch gewesen und Deep Purple standen immer für Echtheit und Authentizität.
Diese Eigenschaften hört man vor allem euren neueren Alben an, finde ich. Sie haben tolle Songs, gute Chartplatzierungen und wirken frisch und befreit. Spürt man diesen inneren Frieden bei Deep Purple als Hörer direkt über die letzten Werke?
McBride: Wenn du fünf Leute in ein Studio steckst, sich alle gut vertragen und niemand Angst davor hat, jemand anderen auf die Füße zu treten, dann kriegst du wahrscheinlich auch so ein friedliches Soundbild zusammen. Bei der Single „Arrogant Boy“ sind wir genauso vorgegangen. Da ein Lick, dort ein Einsatz, dann kommt Don mit den Keyboards und fertig ist die erste Single. Ich glaube fest daran, dass Musik am Ende des Tages ein einziger großer Fehler ist. Niemand sitzt vor einer Tafel und sucht die Rezeptur nach dem perfekten Song. Niemand kann ein „Smoke On The Water“ aus Vorsatz schreiben. Man reiht Fehler aneinander, bastelt daran herum und daraus entstehen Songs. Um tolle Musik erschaffen, muss man sich wohlfühlen und wir fühlen uns derzeit richtig cool.
Ist es das teamstärkste Album der Deep Purple-Geschichte?
McBride: Von den zwei Alben, wo ich dabei war? (lacht) Für mich war die Stimmung jedenfalls gemütlicher und gelöster als beim vorigen. Beim ersten Album war ich ganz frisch, musste ins Studio und keiner wusste so recht, wie alles miteinander harmonieren würde. Wir haben dieses Mal aber auch bessere Songs geschrieben. Waren in einem besseren Studio in Nashville und Bob Ezrin hat als Produzent auch hervorragend gearbeitet. Jeder kannte jeden und Bob hat verstanden, worauf es ankommt und was mir wichtig ist. Ich weiß, Medien und Leser wollen Gossip und ein paar kantige Informationen, aber da war nichts. Wir hatten Spaß, es war großartig.
War Nashville der Grund, warum wir Country-Ikone Keith Urban am Album haben?
Glover: Keith hat das famose Studio The Tracking Room in Nashville vor dem Verfall gerettet und aufwändig restauriert. Früher haben wir dort drei bis vier Alben aufgenommen, jetzt sind wir zur neuen Version zurückgekehrt. Wir haben das Vorgängeralbum in Toronto aufgenommen. Das Studio war okay, aber mehr auch nicht. Dorthin zurückzukehren hat sich nun angefühlt, als würde man einen Handschuh überstreifen. Keith war selbst da und ein großartiger Gastgeber - auch wenn überall Fotos von ihm selbst herumhängen. (lacht)
In Nashville bei Keith Urban aufnehmen, ohne selbst einen Country-Song am Album zu haben …
McBride: Die Nummer mit Keith kommt zumindest in die Nähe. Mein Verständnis von Countrymusik ist aber, dass es 80er-Rock mit einem Schuss modernem Country ist. Er ist ein famoser Gitarrist und kann wirklich alles spielen. Also hat er einfach mitgemacht und es war natürlich großartig.
Die neuen Purple-Alben klingen alle sehr nach der alten Schule, allerdings mit zeitgemäßer moderner Technik. Ist das die perfekte Erfolgsformel für Deep Purple in der Gegenwart? Die Wurzeln nicht zu vergessen, aber einen modernen Sound drüberstülpen?
Glover: Was auch immer bei uns passiert, passiert einfach. Es hat niemals etwas mit was zu tun, was es früher gab.
McBride: Ich habe heute Morgen schon mit Roger gescherzt, dass ich mir jetzt bald ein T-Shirt drucke, auf dem „No Ritchie – No Purple“ steht. Er ist eine Ikone in der Rockgeschichte und war mitverantwortlich dafür, dass Deep Purple so groß wurde, aber die Band klang immer wie die Band – völlig egal, wer gerade Gitarrist war. Nun bin ich hier und der Sound hat eine neue Farbe. Ich spiele viel mit Don Airey zusammen. Er kann ein komplizierter Charakter sein, aber musikalisch kennen wir uns in- und auswendig und das Zusammenspiel ist perfekt. Wenn du an „Smoke On The Water“ zurückdenkst, hast du das markante Gitarrenriff von Blackmore, aber dann kommt Jon Lord, dessen Hammond-Orgel wie eine zweite Gitarre klang. Das ist die Marke Deep Purple und mit veränderter Besetzung und neuen Liedern ist das noch heute so. Ritchie und Jon waren Genies, fraglos. Aber da sind noch immer drei Typen in dieser Band, die seit den ersten Tagen an Bord sind, weshalb diese Band auch noch immer nach Deep Purple klingt.
Glover: Ich weiß, was es heißt, der neue Typ in einer Band zu sein. Purple hatten auch schon drei Alben, bevor ich damals an Bord kam.
Sänger Ian Gillan hat sich für „Splat!“ ein dystopisches und apokalyptisches Konzept überlegt, das metaphorisch eine Art Weltuntergang prophezeit. Woher kommt dieser Zugang?
Glover: Ich habe keine Ahnung. Gillan ist ein sehr einzigartiger Texter und redet nicht viel mit uns darüber. Er pickt sich gerne real passierende Sachen aus dem Leben heraus und verstärkt sie dann mit persönlichen Erfahrungen. Wir schreiben Songs zusammen und auch getrennt voneinander, aber was in seinem Kopf vorgeht, war mir schon immer ein Rätsel. Wenn ich mir die Texte auf „Splat!“ durchlese, erkenne ich auch gar nicht, was er genau meint. Er selbst weiß es aber.
McBride: Und das ist am Ende alles, was zählt.
Glover: Aus ihm flossen dieses Mal aber wirklich Ströme von Texten. Während wir im Hintergrund an der Musik arbeiteten legte er sich komplett rein. Die einzige Frage war, welche Geschichte passt zu welchem Song? Manchmal war ich bei ihm zu Hause in Portugal, um gemeinsam an den Songs zu feilen. Bei solchen Dingen muss man aber immer mit Gillan selber sprechen. In diese Welt hat nur er Einblick.
War es immer klar, dass sich eine Art Konzept durch „Splat!“ ziehen würde? Habt ihr die Musik auch dahingehend komponiert?
Glover: Nein, das war Gillans Ding. Er kann sehr überzeugend sein, wenn es darum geht, bei Ideen zwischen richtig und falsch zu unterscheiden.
So hat sich dann alles gefügt? Ihr schreibt die Musik, er textet parallel – dann kommt das Legosystem?
McBride: Normalerweise sind wir fünf alle in einem Raum und spielen die Songs instrumental ein. Wir müssen dabei aber im Hinterkopf behalten, dass da ein Typ mit uns in der Runde ist, der über dieses Chaos drübersingen wird, also müssen wir uns mit seinen Texten und Gesangsspuren so zusammenraufen, dass sie zu den Instrumentalspuren passen. Aus dem Chaos muss man Riffs und Melodien filtern, die dann mit Gillans Texten zu einem Song werden. Dass etwa „Arrogant Boy“ zu einer Single werden würde, hätte ich aufgrund des klanglichen Ansatzes des Liedes nie gedacht. Es gibt wilde Gitarren und ein Duell zwischen Don und mir, aber als Gillans Stimme drüberkam war klar, dass aus dem Song ein großartiger Song wurde. Das ist zumindest der Idealfall im Studio.
Glover: Wenn es darum geht, die Stimme zu finalisieren, bin ich die meiste Zeit mit Ian im Studio. Wir fragen sonst niemanden um Erlaubnis, sondern machen es so, wie es sich richtig für uns anfühlt. Die anderen kriegen dann das Ergebnis zu hören.
McBride: Ich höre den fertigen Song erst, wenn er bereits gemixt ist. Man hofft immer, dass er wohl eh gut klingt, aber am Ende ist das immer der Fall. Die zwei wissen natürlich, was sie tun.
Du wurdest noch nie enttäuscht?
McBride: Niemals. Gillan ist ein Genie. Wenn Roger und er Musik und Wörter übereinanderschichten, ist das immer wie Magie. Sie machen das seit vielen Jahren so und haben natürlich Routine, aber es ist jedes Mal ein besonderer Moment, wenn man die neuen Ergebnisse hört.
„Arrogant Boy“ ist für mich ein gutes Beispiel dafür, wie Deep Purple 2026 klingen, dabei aber niemals die eigene Vergangenheit außer Acht lassen.
McBride: Wir haben sehr viel in diese gut drei Minuten gepackt, das muss man auch dazusagen. Wenn du dieses Album hörst, kriegst du Purple völlig unverfälscht in der Gegenwart. Ich weiß, dass jetzt überall die 70er-Jahre-Vergleiche aufpoppen, aber die sehe ich nicht so stark.
Wie geht denn ein Arbeitsprozess bei euch überhaupt über die Bühne. Wenn „Splat!“ jetzt das Licht der Welt erblickt, ist das der erste Tag, wo das nächste Projekt beginnt?
Glover: So denken wir gar nicht, wir machen einfach unser Zeug. Es gibt keinen Masterplan, weißt du? Das einzige Vorhaben, ist den Verstärker aufzudrehen und dann loszulegen und Spaß zu haben und das gelingt uns seit einiger Zeit ziemlich gut. Diese Motive mögen sehr simpel und einfach klingen, aber es ist die Wahrheit. Wir wissen, wann wir einen Albumprozess starten und was zu tun ist, aber das Design eines Albums ist nie vorgeplant. Das ergibt sich aus dem Tun.
McBride: Wenn wir uns am Reißbrett überlegen würden, wir möchten ein Album wie „Machine Head“ oder eines in einer ähnlichen Art machen, würde das so nie funktionieren. Das Allerschwierigste ist am Ende immer das Zusammenfinden. Von Ideen untereinander, mit den Ideen des Produzenten und allen anderen, die ein Teil eines Albums sind. Man kann ein einfaches, markantes Riff schreiben und das benötigt drei Sekunden. Es kann aber auch sein, dass man seine Gitarre in Richtung Sound von Hans Zimmer drehen möchte, ohne ihn zu kopieren, was ewig dauern kann. Bei Deep Purple regiert aber die kurze Variante. Man spielt einfach, man hat Ideen und daraus versucht man einen schönen Song zu basteln. Man muss es einfach laufen lassen. Es wurde wenig besprochen, das war gar nicht nötig.
Glover: Als ich am Anfang der Band beitrat, gab es einen Produzenten, den die Band nicht mehr wollte. Also haben wir uns selbst produziert. Ich kenne den exakten Zeitpunkt nicht mehr, aber das war damals der erste Moment, wo alle Musiker in Purple erkannten, dass sie eine kreative Kraft sind und das auch so können – das hat sich erst seit der ersten Reunion in den 80ern verändert. Ritchie wollte das nicht mehr, was für Missstimmung sorgte. Mit Steve Morse kehrten wir wieder zu dieser Technik des Selbstproduzierens zurück. Ian Paise hat als Drummer genauso viele Anteile an einem Song wie jeder andere auch. Er ist keine Maschine, sondern eine Persönlichkeit. Diese Menschlichkeit macht Deep Purple aus. Die meiste Zeit hat Simon Riffs, die wir gut finden und wo wir dann selbst dazu einsteigen, aber wir alle sind da auf einer Linie. Die Gitarre regiert, wir spielen drauf – und so passieren uns die neuen Songs.
Ihr wohnt alle verstreut zwischen Portugal, der Schweiz, England, den USA und Deutschland. Wie ermüdend ist es, sich dabei dann immer zu finden und zu treffen?
Glover: Die 70er-Jahre haben uns zu so einer globalen Band gemacht, das stimmt, aber die Welt ist durch die Globalisierung und das Internet in vieler Hinsicht viel enger zusammengerückt und kleiner geworden. Musik ist so eine kraftvolle Sache, sie kann Grenzen einreißen und kennt keinen Halt. Gerade in einer Welt wie der heutigen ist die Kraft der Musik noch wichtiger.
Am 5. Oktober kommt ihr mit dem Album und allen Hits wieder mal zu uns in die Wiener Stadthalle. Trotz der Entfernungen und des fortschreitenden Alters scheint euch das Touren und das viele Reisen noch immer Spaß zu machen. Was ist das Geheimnis dahinter?
McBride: Das Glück ist, dass unsere Reisen sehr angenehm gestaltet sind. Das ist nicht allen Bands so gegeben.
Glover: Ja, wir fahren nicht im Transit-Van durch die Gegend, wo man alle Tage das Klo auspumpen muss. Und wir achten natürlich viel stärker auf uns selbst als früher.
McBride: Am Wichtigsten ist ausreichend und guter Schlaf. Wir schlafen in sehr guten Hotels und lassen uns nicht hetzen. Das hat sich diese Band über die Jahre erarbeitet und verdient. Wir sind privilegiert, dass es uns als Band so lange gibt und uns so viele Menschen live sehen wollen, deshalb haben wir auch die Verantwortung, topfit auf der Bühne zu stehen. Der Reiseaspekt, so wie er sich bei uns gestaltet, ist einfach. Auf der Bühne herrscht dann zu 100 Prozent Freude. Es ist ein tolles Leben.
Glover: Der legendäre Jazz-Pianist Count Basie hat immer gesagt: „Ich spiele gratis“. Wir werden ja auch fürs Reisen bezahlt, doch nur weil wir einen großen Namen haben, heißt das nicht automatisch, dass wir wie die Könige leben. Andere haben tonnenweise Equipment und Hunderte Crewmitglieder mit dabei, wir halten die Dinge dagegen relativ simpel und einfach. Andere haben zwischen Konzerten drei oder vier Tage frei. Aber was tust du da, weit weg von deiner Familie? Da spielen wir lieber öfter und konstanter. Das macht für uns mehr Sinn.
McBride: Ich hasse diese Off-Days. Wenn es nach mir geht, stehe ich jeden Abend auf der Bühne. Mit meiner eigenen Band habe ich einmal zwölf Tage durchgespielt. Der Touragent fragte mich, ob ich keine Pause bräuchte? Pausen sind doch für Weicheier.
Jetzt habt ihr ein so starkes Album in der Hinterhand und wisst gleichzeitig, mehr als zwei bis drei Nummern davon werdet ihr nicht live spielen, weil ihr auf Klassiker aus 48 Jahren Bandgeschichte nicht verzichten könnt. Wie frustrierend ist so eine Lage manchmal?
Glover: In erster Linie freue ich mich, dass du so viele neue Songs so gut findest. Man kann nie alle zufriedenstellen, das ist Fakt. Ich würde natürlich gern mehr neue Musik spielen und nicht so viel alte, aber das ist der Preis des Erfolgs. Aus dem Rad kommen wir nicht mehr raus. In meinem Alter steht man auch keine vier Stunden lang mehr auf der Bühne, um alles zu spielen.
McBride: Also ich würde gerne allabendlich vier Stunden live spielen.
Glover: Wirklich? Würdest du? Gut, das Durchschnittsalter ist seit dir in der Band stark gesunken, aber man kann leider nicht alles machen. In erster Linie stellen wir uns auf der Bühne selbst zufrieden und dann klappt das hoffentlich auch bei den Fans.
McBride: Manchmal adaptieren wir die Setlist natürlich schon und können dort und da Dinge ändern. Wir haben keine grafischen Monsterproduktionen auf Tour, die das nicht zulassen würden, so wie viele andere große Bands. Die Jungs sind selbst schuld, dass sie über die Jahre so viele großartige Songs geschrieben haben und jetzt vor diesem Problem stehen. Ich habe damit nichts zu tun.
Oder ihr macht es wie Bob Dylan und deformiert eure Hits so stark, dass man nicht mehr weiß, ob man den Song kennt oder nicht …
Glover: (lacht) Das lassen wir wohl lieber bleiben. Ich verstehe unsere Hardcore-Fans auch sehr gut. Sie wollen ihren Favoriten hören, sind schon lange bei uns dabei. Das ist mir bewusst und absolut verständlich.
Geht euch das als Fans von Musik nicht auch so? Dass ihr lieber die großen Klassiker eurer Favoriten hört und seht?
Glover: Das stimmt. So gut wie jede Band und jeder Künstler hat in seiner Karriere einen absoluten Höhepunkt und eine Phase, bei der man fast zu verschwinden scheint. Bei uns war das wahrscheinlich nicht anders, nur dass wir nie ganz verschwunden sind, als es schlecht lief. Das ist der größte Unterschied zu anderen. Wir sind noch immer da, schätzen unsere Vergangenheit und leben im Jetzt. Das ist die beste Mischung.
Live in Wien
Am 5. Oktober kommen Deep Purple mit ihrem neuen Album „Splat!“ und den großen Hits aus mehr als einem halben Jahrhundert Rock-Karriere in die Wiener Stadthalle. Unter www.oeticket.com gibt es noch Karten und alle weiteren Informationen.
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