Zu allererst möchten wir an dieser Stelle Lob und Tadel aussprechen. Tadel dafür, dass die Presse – abgesehen von kurzen Beta-Einblicken - keine Gelegenheit bekam, den neuen Hochglanz-Shooter "Destiny" vor seiner Erscheinung ausgiebig zu testen und in weiterer Folge keine Tests zum Erscheinungstag veröffentlichen konnte, worunter vor allem die Spieler zu leiden hatten, die sozusagen die Katze im Sack kaufen mussten.
Lob gebührt dem "Destiny"-Publisher dafür, dass trotz des Online-Charakters des Spiels – "Destiny" erfordert zum Spielen stets eine Internetverbindung, auch wenn man alleine unterwegs ist – beim Start keine gröberen Serverpannen auftraten und das Spiel trotz des Spieler-Ansturms stets angenehm spielbar war. Es gibt genug Beispiele der jüngeren Vergangenheit (wie "Sim City"), die belegen, dass das keine Selbstverständlichkeit ist.
Oberflächliche und eher belanglose Handlung
Und tatsächlich ist es nicht nur das Drumherum von "Destiny", das gleichermaßen Lob wie Tadel verdient, sondern auch das Spiel selbst. Die wirr und oberflächlich erzählte und beinahe vollständig ohne interessante Charaktere auskommende Rahmenhandlung rund um einen intergalaktischen Krieg zwischen Licht und Dunkelheit fällt unter die Rubrik Tadel. Wer auf ein komplexes Sci-Fi-Abenteuer à la "Mass Effect" gehofft hat, wird von der Handlung von "Destiny" bitter enttäuscht. Da kann das Intro-Video noch so schön sein.
Die Handlung in aller Kürze: Bei ihren ersten Gehversuchen im All stieß die Menschheit auf eine mysteriöse Sonde, den sogenannten "Reisenden", der die Menschen in ein mehrere Jahrhunderte andauerndes goldenes Zeitalter führte, allerdings von bösartigen Widersachern verfolgt wurde. In weiterer Folge entbrennt ein Krieg, in dem der "Reisende" mit letzter Kraft eine kleine Privatarmee namens "Hüter" und eine letzte sichere Menschenstadt erschafft. Sie werden es schon erraten haben: Einer dieser Hüter ist der Spieler.
Drei Klassen, 20 Level, massenhaft Kanonenfutter
Die zentrale Aufgabe in "Destiny" ist es, seinen Hüter – man darf dabei aus drei verschiedenen Klassen, dem flinken Jäger, dem schwer gepanzerten Titanen und dem magiebegabten Warlock, wählen – auf die Höchststufe 20 zu leveln, dabei neue Fähigkeiten und Ausrüstung zu sammeln und auf verschiedenen Welten Krieg gegen die Lakaien der Dunkelheit zu führen.
Derer gibt es viele: Bösartige Gefallene auf der Erde, eine Zombie-Schar auf dem Mond, kybernetische Ungustln im Dschungel der Venus und dicke Weltraummonster auf dem sandigen Mars. Innerhalb der einzelnen Gegnerfraktionen gibt es unterschiedliche Wesen: primär Kanonenfutter, das recht schnell aus dem Weg geräumt ist, aber auch größere Bösewichte, in die man mitunter Dutzende Magazine versenkt, bevor sie endlich die Lebensgeister aushauchen.
Schade: Zwar gibt es vereinzelt auch Laserwaffen und dergleichen, insgesamt ist das verfügbare Waffenarsenal aber recht konventionell: Sturmgewehre, Scharfschützengewehre, schwere Waffen - nichts, was man nicht schon mal in einem Shooter gesehen hätte.
Steter, aber teils eintöniger Missionsnachschub
Die einzelnen Aufträge in "Destiny" können wahlweise alleine oder mit Freunden erledigt werden, einzelne besonders schwere Missionen können aber nur in der Gruppe mit anderen Spielern gewonnen werden. Angenommen werden die Aufträge teils direkt in den weitläufigen Levels, teils im "Turm", der quasi als zentrale Anlaufstelle für alle Spieler dient und neben Questgebern auch Händler enthält.
Auch die "Handlung" sorgt während der Einzelspielerkampagne für steten Missionsnachschub, der allerdings keinen Preis für abwechslungsreiches Gameplay gewinnt. Üblicherweise muss in den allermeisten Missionen ein Boss erledigt, ein Gegenstand gefunden, oder ein Gebiet erkundet werden – und alles, was im Weg steht, wird umgenietet.
Ausgezeichnetes Shooter-Gameplay
Das alles spielt sich schön präzise und rasant – auch dank Spezialfähigkeiten wie dem Doppelsprung und mächtigen Finishing-Moves, welche die verschiedenen Klassen im Spielverlauf erlernen. Dass die Entwickler hinter "Destiny" mit "Halo" schon reichlich Shooter-Erfahrung gesammelt haben, merkt man dem Game sofort an.
Dass sie mit Rollenspielen weniger Erfahrung haben, ebenfalls: Die Rollenspiel-Elemente in "Destiny" wirken nicht restlos ausgegoren. Beutekisten gibt es ziemlich selten, der Charaktereditor bietet eher wenige Möglichkeiten und die Spielwelt ist alles andere als offen. Richtiges MMO-Feeling kommt so nicht auf, vielmehr stellt sich nach kurzer Zeit das Gefühl ein, bei "Destiny" handle es sich um den Versuch, mit einem Multiplayer-Shooter auch bei der MMO-Fraktion nach Spielern zu fischen.
So richtig aufgehen will diese Symbiose nicht. Wer gerne Shooter spielt, dürfte sich an den minutenlangen rollenspielartigen Scharmützeln gegen recht schnell respawnende Monster stören, deren Lebensbalken oft zäh Millimeter für Millimeter heruntergeballert werden muss. Rollenspiel-Fans dürften sich wiederum an der seichten Handlung, den eingeschränkten Möglichkeiten der Charakterentwicklung und den wenigen in den Levels verteilten Geheimnissen stören.
Hübsche Optik, Spielwelt aber teils steril
Apropos Levels: Die sind ausgesprochen hübsch und – je nach Gebiet – grafisch abwechslungsreich geworden. Grafisch macht "Destiny" in der getesteten PS4-Version eine echt gute Figur. Scharfe Texturen, detailreiche Landschaften, realistische Licht- und Schatteneffekte: Für das Auge bietet "Destiny" einiges. Zumindest, wenn man nicht zu genau hinsieht. Tut man es doch, fällt relativ schnell auf, dass die Levels eher statisch sind und außer dem Spieler und seinen Feinden kaum etwas darauf herumkreucht. Versteckte Truhen, herumstreunende Tiere oder andere Dinge, die für Auflockerung sorgen würden, fehlen weitgehend.
Der Atmosphäre ebenfalls nicht zuträglich: Bei den Innen-Levels betreibt Bungie immer wieder Recycling. Es kann durchaus vorkommen, dass sich alle unterirdischen Bereiche eines Levels gleichen wie ein Ei dem anderen. Dass es nicht die gleiche Höhle wie jene ist, die man vor zehn Minuten erkundet hat, merkt man mitunter nur an der leicht veränderten Gegnerbesetzung. Das wirkt – ebenso wie die oft übertrieben groß wirkenden Gegnerhorden – mitunter fast so, als sei es den Entwicklern beim Designen der Levels um das Strecken der Spielzeit gegangen.
Um in den großen Außenlevels voranzukommen, steht dem Spieler ein Vehikel zur Verfügung, das ein wenig an die schwebenden Bikes aus "Star Wars" erinnert. Damit kommt man in den weitläufigen Levels schnell von A nach B, ausgedehnte Erkundungstouren ganzer Kontinente, wie sie MMO-Spieler gerne unternehmen, sind damit aber nicht drin. Und zwar nicht wegen der Geschwindigkeit der Gleiter, sondern weil der Spieler immer nur ein vorher ausgewähltes Gebiet bereisen darf – inklusive ausgedehnter Ladezeiten vor dem eigentlichen Spielstart.
Toller Soundtrack, unterhaltsamer Multiplayer
Rein gar nichts auszusetzen haben wir am Soundtrack von "Destiny". Der untermalt das Geschehen im Spiel mal subtil, mal episch, aber immer passend. Auch die Geräusche der Waffen, das Geröchel und Gegurgel der Aliens und die Geräusche des Spielers sind ausgezeichnet getroffen. Tatsächlich gehört der hervorragende Sound neben der präzisen und gelungenen Steuerung und dem rasanten Gameplay zu den großen Stärken von "Destiny".
Der Mehrspielermodus – sobald man das Höchstlevel erreicht hat, die Kerndisziplin von "Destiny" – bietet derzeit vier verschiedene Spielmodi (Kontrollpunkt-Kampf, Team-Deathmatch, Deathmatch und Team-Kontrollpunkt-Kampf) und zehn verschiedene Karten, die sowohl für Nahkämpfer als auch Freunde des Scharfschützengewehrs einiges bieten. Praktisch: Im Mehrspielermodus werden die Charakterlevels angeglichen, man sieht sich also selten mit übermächtigen Gegnern konfrontiert. Und auch die Balance zwischen den einzelnen Klassen wirkt gelungen. Wer mag, kann sich gemeinsam mit fünelohnungen fallen lassen.
Gerade die Mehrspieler-Komponente von "Destiny" machte im Test einen sehr gelungenen Eindruck, was auch an der absolut reibungslosen Steuerung und der stabilen Serverinfrastruktur liegen dürfte. Wer gerne Multiplayer-Shooter auf der Konsole spielt, könnte mit "Destiny" sowohl im Spieler-gegen-Spieler-Modus als auch im Spieler-gegen-Monster-Modus viel Freude haben. Zumindest, wenn er sich mit einigen Rollenspiel-Elementen anfreunden kann und sich nicht daran stört, bestimmte Aufträge für Erfahrungspunkte und Items mitunter auch mehrmals zu wiederholen.
Präzise und schnell reagierende Steuerung
Noch ein Wort zur Steuerung: Die ist – für einen Shooter auf der Konsole – erfreulich präzise und flüssig. Beim Testen dauerte es nur kurz, bis die Tastenbelegung verinnerlicht war, was auch daran liegen mag, dass "Destiny" auf Altbewährtes setzt und nicht versucht, das Rad neu zu erfinden.
Aus unserer Sicht allerdings absolut unverständlich: Warum hat Activision nicht auch eine PC-Version von "Destiny" herausgebracht? Gerade für Multiplayer-Shooter wäre doch der PC mit seiner präzisen Maus-Tastatur-Steuerung die naheliegende Plattform. Zumal eine Portierung von den aktuellen x86-Konsolen auf den PC ja kein Teufelswerk wäre.
Fazit: Unterhaltsam, aber nicht bahnbrechend
Dem im Vorfeld produzierten Hype wird "Destiny" nicht gerecht – gut für Activision, dass die Tests durch die späte Bemusterung der Tester erst jetzt erscheinen. Ein schlechtes Spiel ist es aber beileibe auch nicht geworden. Tatsächlich handelt es sich um einen ambitionierten Mehrspieler-Shooter, der vor allem durch seine hübsche Optik, das grundsolide Gameplay, den guten Sound und ein insgesamt bis auf Kleinigkeiten stimmiges Spielgefühl punktet.
Wer einen handlungsreichen Rollenspiel-Shooter erwartet, wird zwar enttäuscht. Wer aber nach einem runden Mehrspieler-Shooter mit RPG-Elementen sucht, der den Spieler mit Level-ups und neuer Ausrüstung bei der Stange hält, auch wenn man dafür mitunter Missionen doppelt und dreifach erledigen muss, der dürfte mit "Destiny" viele unterhaltsame Stunden verbringen. Deshalb die (aufgerundete) Wertung:
Plattform: PS3, PS4 (getestet), Xbox 360, Xbox One
Publisher: Activision
krone.at-Wertung: 8/10
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