


Störe schwimmen seit 200 Millionen Jahren durch Europas Flüsse. In wenigen Generationen brachten Menschen mehrere Arten an den Rand des Verschwindens. Auf einem umgebauten Arbeitsschiff an der Wiener Reichsbrücke läuft eine Rettungsmission für diese Urzeittiere. Die „Krone“ hat das LIFE-Boat4Sturgeon besucht.
Störe haben Eiszeiten, die Entstehung der Alpen und das Ende der Dinosaurier überlebt. Gegen den Menschen kamen sie schlecht an. Überfischung, Verbauung und Wanderbarrieren haben mehrere Arten in der Donau an den Rand des Verschwindens gebracht. Zwei Arten gelten dort als verloren, vier weitere sind akut gefährdet.
Vom Arbeiterschiff zur Arche
Die 66 Meter lange MS Negrelli wurde 1966 für Uferarbeiten gebaut. Jahrzehntelang formte sie die Donau und trug damit zur ökologischen Verarmung des Flusses bei. Später lag das Schiff ungenutzt vor Anker. Die Universität für Bodenkultur (BOKU), viadonau, Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft (BMLUK) und Stadt Wien entwickelten die Idee, es zur schwimmenden Störaufzuchtstation umzubauen. Heute trägt das Projekt den Namen LIFE‑Boat4Sturgeon und beherbergt Elterntiere sowie Becken für die Aufzucht von Jungfischen.



1,5 Millionen Chancen
Die von der BOKU geleitete Rettungsinitiative wird überwiegend aus dem EU‑LIFE‑Programm finanziert. Bis 2030 sollen auf der Negrelli rund 1,5 Millionen Jungfische heranwachsen. Partner aus acht Ländern, darunter WWF‑Teams in Rumänien, Bulgarien und der Ukraine, kümmern sich parallel um Monitoring und Maßnahmen gegen Wilderei. Acht Personen bilden das Kernteam an Bord, unterstützt von Studierenden und Praktikanten.
Dr. Thomas Friedrich leitet das Projekt und weiß, dass Geduld hier zum Programm gehört. Im Gespräch mit der „Krone“ erklärt er, wie aus Eiern Jungfische werden, und warum das erst der Anfang einer langen Reise ist.
„Krone“: Was passiert hier auf dem Schiff?
Dr. Friedrich: Wir halten Zuchtfische, gewinnen Eier und Samen, befruchten die Eier und ziehen die Jungfische auf. Wichtig ist, dass das alles mit Donauwasser passiert, damit die Tiere auf ihren Lebensraum geprägt sind. Und es ist ein schönes Upcycling: Der Negrelli hat einst jene Blockwurfufer gebaut, die die Donau ökologisch beeinträchtigen. Heute rettet er bedrohte Arten.
Worin besteht die größte Herausforderung?
Die genetische Vielfalt zu sichern. Wir prüfen alle Tiere genetisch, ermitteln Verwandtschaftsgrade und vermeiden Inzucht. Zudem kombinieren wir das Sperma mehrerer Männchen pro Weibchen, um robuste Bestände zu erzeugen.
Wie geht es dann weiter mit den Jungfischen?
Die Sterlets werden in Österreich in der Donau ausgesetzt. Die größeren Arten – Hausen, Waxdick, Sternhausen – bringen wir nach Bulgarien und Rumänien, unterhalb der Kraftwerke, wo sie noch ungehindert wandern können. Von dort schwimmen sie ins Schwarze Meer. Dann warten wir. Zehn bis fünfzehn Jahre, bis sie geschlechtsreif sind und hoffentlich zurückkehren, um selbst abzulaichen.
Was sollen Besucher aus dem Projekt mitnehmen?
Dass Störe, vielen nur als Kaviarlieferanten bekannt, faszinierende Tiere mit einer langen Evolutionsgeschichte sind. Und dass deren Erhalt wichtig und eine Aufgabe über Generationen ist.
Hoffnung auf Jahrzehnte
Störe werden spät geschlechtsreif. Wer sie schützt, denkt in langen Zeiträumen. Kraftwerke und Wilderei bleiben große Herausforderungen. Doch in Wien, zwischen Stahlbrücke und Donauwasser, wächst zumindest eine reale Chance, dass diese Urzeittiere auch in Zukunft Teil des Flusses bleiben.
Wer das Projekt unterstützen möchte, kann eine Patenschaft übernehmen und damit direkt zur Zucht und langfristigen Sicherung beitragen. Führungen sind kostenlos buchbar. Anfahrt per U1, Station Donauinsel, fünf Minuten stromabwärts.
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