Queer, laut und kompromisslos: Remote Bondage mischen mit ihrem Debüt „Good Girls“ die Szene auf. Die Berliner Band spricht offen über Rollenbilder, Druck und Tabus. Am 9. Mai bringen sie ihre energiegeladene Show ins Wiener Chelsea. Im Zoom-Talk erzählen Hanna und Sima, warum sie lieber anecken als sich anpassen.
Haben Sie sich als Frau schon einmal gefragt, wie es wäre, einen Song über die Menstruation zu schreiben – vielleicht sogar mit dem Titel „Ode an die Periode“? Oder darüber, was es eigentlich bedeutet, ein „Good Girl“ zu sein? Bevor Sie jetzt die Augen verdrehen, lohnt es sich, kurz innezuhalten: Genau solche Themen greift die Band Remote Bondage auf. Themen, über die viele vielleicht nachdenken – aber selten laut sprechen.
Laut und direkt: So beschreiben sich Hanna, Leon, Louise, Sima und Wynonna selbst. Gemeinsam sind sie eine „queerfeministische Band mit FLINTA*-Front“, wie Sima und Hanna gleich zu Beginn unseres Zoom-Gesprächs erklären. FLINTA* steht dabei für Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans und agender Personen – also für Menschen, die im patriarchalen System oft benachteiligt werden.
Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs steckt die Band mitten in den Tourvorbereitungen, weshalb wir nur mit zwei der Mitglieder sprechen können. Auf den ersten Blick ist von der punkigen, lauten Attitüde wenig zu spüren: Hanna und Sima sitzen entspannt vor der Kamera, wirken sympathisch und ruhig. Es fühlt sich fast an wie ein Girls-Talk – nur dass es hier nicht um Schuhe oder Outfits geht, sondern, darum, warum Erwartungen an Frauen hinterfragt werden müssen ...
„Krone“: Erzählt mal für alle, die euch bisher nicht kennen: Wer seid ihr – und wie würdet ihr euren Sound beschreiben?
Sima: Wir sind Remote Bondage, eine queer feministische Band mit FLINTA*-Front. Wir haben einen Drummer, eine Bassistin und drei Sängerinnen. Unser Sound ist poppig, aber auch rough, mit vielen Rock-Einflüssen. Die Attitüde ist eher punkig – laut, politisch, direkt. Wir sprechen Themen an, die für manche unangenehm sein können, aber genau das wollen wir: Dinge anstoßen, hinterfragen. Vor allem Feminismus ist ein großer Teil davon.
Euer Bandname fällt auf – wie ist „Remote Bondage“ entstanden?
Hannah: Tatsächlich ganz ungeplant und eher aus einem Witz heraus. Wir haben uns bei einem Musikworkshop kennengelernt und einfach zusammen gejammt. Für das Abschlusskonzert brauchten wir dann einen Namen – und weil wir davor viel rumgealbert haben, ist der einfach entstanden. So tief ist die Bedeutung gar nicht, aber irgendwie passt das ganz gut zu uns (lacht).
Und warum heißt euer Debütalbum „Good Girl“?
Sima: Unsere Bassistin Lou und ich haben im Urlaub das Buch „Toxische Weiblichkeit“ von Sophia Fritz gelesen. Da geht es viel um dieses „Good Girl“-Konstrukt – also Erwartungen, die vor allem FLINTA*-Personen betreffen: angepasst sein, hübsch sein, nicht zu laut sein. Das hat uns total bewegt. Wir haben dann spontan einen Song dazu geschrieben – erst nur eine Skizze – und gemerkt: Das Thema ist größer als nur ein Track. So ist das Album entstanden.
Was ist denn für euch ein „Good Girl“?
Hanna: Für uns ist das dieses Bild von weiblicher Anpassung, geprägt von patriarchalen Strukturen. Also lieb, freundlich, sauber, immer lächelnd. Das Problem ist nicht, dass diese Eigenschaften schlecht sind – im Gegenteil. Aber sie werden oft erwartet und auferlegt. Und sobald man davon abweicht, sind alle überrascht. Genau das hinterfragen wir.
Es ist euer erstes Album – was bedeutet euch die Platte jetzt, wo sie draußen ist?
Sima: Es fühlt sich ein bisschen wie eine Geburt an. Wir sind als Band zusammengewachsen, von der EP bis zum Album. Jetzt ist es draußen und wir sehen: Das ist das, was wir gemeinsam geschaffen haben. Und gleichzeitig geht es jetzt erst richtig weiter.
Hanna: Man sieht total den Entwicklungsprozess. Die ersten Aufnahmen waren Anfang 2025, geschrieben haben wir vieles schon 2024.
Was erzählt „good girls“ über euch, das man im Gespräch vielleicht nicht sofort merkt?
Hanna: Ich glaube, das Album zeigt meine rebellischere Seite. Im Alltag bin ich oft ruhiger – aber in der Musik kommt das stärker raus.
Sima: Bei mir ist es eher die Verletzlichkeit. Ich habe oft das Gefühl, stark und „hart“ sein zu müssen. Das Album zeigt mir, dass Verletzlichkeit auch Stärke sein kann. Und auch auf der Bühne: Dinge zu tragen, die ich im Alltag vielleicht nicht tragen würde – das ist für mich total empowernd.
Ihr seid sehr ehrlich in euren Songs – gibt es Momente, in denen euch das riskant vorkommt?
Hanna: Riskant schon – aber nie im Sinne von „Das hätten wir nicht sagen sollen“. Gerade im Internet bekommen wir viel Hass, teilweise einfach nur dafür, wie wir aussehen. Aber genau deshalb ist es wichtig, dass wir diese Dinge sagen.
Sima: Man merkt daran auch, wie viel Arbeit noch nötig ist. Live fühlen wir uns oft verstanden, aber online kommt viel Frauenhass. Gleichzeitig gibt uns das aber auch Energie, weiterzumachen.
Gab es Themen, die für euch beim Schreiben nicht verhandelbar waren – also Dinge, die unbedingt aufs Album mussten? Oder auch Konflikte darüber?
Sima: So richtige Auseinandersetzungen auf Themenebene hatten wir eigentlich nicht. Es gab nie die Situation, dass eine Person gesagt hat: „Das will ich unbedingt machen“, und eine andere: „Auf gar keinen Fall.“ Wir beschäftigen uns alle mit sehr ähnlichen Dingen. Unterschiede gab es eher im Detail – also bei Formulierungen, einzelnen Lines oder Melodien. Da diskutieren wir dann schon mal, wie etwas klingen oder gesagt werden soll, aber wir kommen immer relativ schnell auf einen gemeinsamen Nenner. Ich glaube, unsere Köpfe sind da mittlerweile ziemlich gut aufeinander abgestimmt (grinst).
Was habt ihr durch das Album übereinander gelernt?
Hanna: Wie gut Teamwork funktionieren kann.
Sima: Und wie unterschiedlich unsere Stärken sind. Ohne jede einzelne Person würde etwas fehlen. Gerade in dieser intensiven Phase vor dem Release haben wir gemerkt, wie wir mit Verantwortung umgehen – und dass wir uns aufeinander verlassen können.
Ihr verbringt viel Zeit zusammen – Geht ihr euch auch manchmal auf die Nerven?
Sima: Doch, manchmal (lacht). Aber unser Schlüssel ist Kommunikation. Wir machen zum Beispiel jeden Tag einen „Emo-Check“ (Emotionaler Check) – da sagt jede Person, wie es ihr geht. Das hilft total, Situationen besser einzuordnen.
Hanna: Das mussten wir auch lernen. Am Anfang war es schwieriger, aber inzwischen reden wir einfach sehr offen miteinander.
Wenn jemand nach dem Hören eures Albums sagt: „Das ist mir zu viel“ – ist das für euch eher ein Kompliment oder eine Kritik?
Hannah: Kommt darauf an, was genau „zu viel“ bedeutet. Wenn es um die Inhalte geht, finde ich das eher gut. Wir wollen ja Aufmerksamkeit schaffen. Und wenn sich Menschen überfordert fühlen oder sagen, die Themen sind ihnen zu unangenehm - dann haben wir eigentlich genau das erreicht, was wir wollten. Dann haben wir etwas angestoßen und die Person wird sich damit auseinandersetzen.
Sima: Wenn es einfach nur Hass ist oder nicht konstruktiv, dann denke ich mir: Okay, dann gefällt es dir halt nicht. Und das ist auch völlig in Ordnung. Nicht alles muss jedem gefallen. Wir haben so viele Menschen auf der Welt – es wäre ja auch langweilig, wenn alle das Gleiche mögen würden. Unterschiedliche Geschmäcker gehören dazu.
Was wäre der schönste Satz, den jemand nach der Platte über euch sagt
Sima: Wenn jemand sagt: „Das hat mein Leben verändert“ – das ist schon krass. Oder wenn Leute aus einer anderen Bubble sagen, sie haben ihr Verhalten hinterfragt. Das bedeutet uns viel.
Ihr kommt am 9. Mai nach Wien ins Chelsea – was ist euer erster Gedanke bei der Stadt?
Sima: Wunderschöne Stadt. Es ist auch unsere erste Headliner-Show im Ausland – wir sind richtig aufgeregt und freuen uns wirklich darauf.
Hannah: Ich war noch nie dort, bin mega gespannt.
Was macht für euch denn ein gutes Publikum aus?
Hanna: Wenn die Energie sofort da ist und man sich gegenseitig hochschaukelt. Und wenn die Leute achtsam miteinander umgehen – gerade bei wilden Shows.
Was erwartet die Fans in Wien?
Sima: Ein wilder Ritt (lacht). Wir haben ein dramaturgisches Konzept – von Anfang bis Ende. So ein wenig à la 2000er-Sitcom-Vibe. Es wird lustig, romantisch, traurig und wütend. Und: krasse Outfits.
Remote Bondage kommen am 9. Mai ins Wiener Chelsea (Tickets: www.oeticket.com). Freut euch auf jede Menge Energie, klare Statements und eine coole Show der Newcomer-Band.
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