Live in der Marx-Halle

Louis Tomlinson: Jeder Generation ihr Rockstar

Musik
07.04.2026 00:54

Zum vierten Mal innerhalb von vier Jahren machte ex-One-Direction-Publikumsliebling Louis Tomlinson Österreich als Solokünstler seine Aufwartung. In der uncharismatischen Wiener Marx-Halle wilderte er 95 Minuten lang durch seine drei Soloalben und gab der Vergangenheit keine Chance. Während die Fans für Bombenstimmung sorgten, prallt der 34-Jährige zuweilen noch immer falschen Erwartungen an sich selbst ab.

kmm

Eine Art erweiterte Nesterlsuche erwartete die Fans von Louis Tomlinson am Ostermontag vor der Wiener Marx-Halle. Weil die besten Plätze für das Konzert des Publikumslieblings nicht wie üblich nach dem „First Come, First Serve“-Prinzip vergeben wurden, mussten sich die Wartenden zwischen 10 und 14 Uhr zur Venue begeben, um ein Nummer zu ziehen, die am Abend über Wohl und Wehe der Positionierung beim Konzert sorgen sollte. Allerdings wurde nicht von eins nach hinten gezählt, sondern strikt nach dem Zufallsprinzip vorgegangen. Es wäre also gut und gerne möglich gewesen, dass von den angeblich 3000 Nummern die niedrigsten überhaupt nicht gezogen worden wären. Am Abend wurde dann von eins nach hinten gezählt in die Halle gelassen. Reichlich schräg. Dass die eigenwillige Aktion ohne gröberes Murren vonstattenging, verdankt man mit Sicherheit auch der devoten Haltung der zumeist jungen und weiblichen Fans, die den heute 34-Jährigen schon seit seinen One Direction-Tagen ehrfürchtig anbeten.

Es regnet Confetti: Diese beliebten Special Effects packte der 34-Jährige aus Doncaster schon ...
Es regnet Confetti: Diese beliebten Special Effects packte der 34-Jährige aus Doncaster schon nach dem Opener „Lemonade“ aus.(Bild: Andreas Graf)

Verzögerte Authentizität
2026 jährt sich das Ende der letzten großen Boyband außerhalb Südkoreas zum zehnten Mal, mit der Vergangenheit muss sich aber selbst Superstar Harry Styles messen, der längst schon Stadien ausverkauft und an der Spitze der musikalischen Nahrungskette steht. Tomlinson folgt mit Respektabstand, lockt aber immer noch zwischen 14.000 (unlängst in Köln) und etwa 5700 Fans (heute Abend in Wien) in die Hallen und begeistert mit Popsongs, die im Gegensatz zu seinem berühmteren Ex-Kollegen auch mal etwas kantiger und rockiger sein dürfen. Jahrelang hat Tomlinson so gut es geht versucht, seinem großen Idol Liam Gallagher nachzueifern, doch erst seit er sich damit abgefunden hat, niemals ein ähnliches Bad-Boy-Image zu haben, wirkt er authentischer und zugänglicher. Daran können auch Tätowierungen wie der Jägermeister-Hirsch am rechten Oberarm, das ärmellose Sensenmann-T-Shirt und die inflationäre Verwendung des Wortes „Fuck“ nichts ändern.

Mit dem überraschend leichtfüßigen aktuellen Studioalbum „How Did I Get Here?“ hat sich Tomlinson nicht nur von den tragischen Todesfällen der jüngeren Vergangenheit (seine Mutter, seine Schwester und One Direction-Bandmitglied Liam Payne) gelöst, sondern auch eine neue Freude gefunden, die in Songs wie dem mit einem Confetti-Regen veredelten Konzert-Opener „Lemonade“, „Jump The Gun“, „Sanity“ oder „Imposter“ für ordentlich Dampf auf der noch relativ jungen Live-Tour sorgen. Mit seiner fünfköpfigen, sehr gut aufgelegten Band und einer massiven Videowall, die mit im Wind wehenden Ästen, Fahrten durch karge Wüstengegenden oder psychedelische Farbvermischungen erfreut, hat er das treue Publikum sofort in der Hand. Die Fans in Wien mögen vielleicht nicht so zahlreich erschienen sein wie in anderen Städten, in puncto Lautstärke und Kreischalarm braucht man sich vor der internationalen Konkurrenz aber nicht zu verstecken.

Mit einem relativ einfachen Bühnensetting, spielfreudiger Band und dem Verzicht auf sämtliche ...
Mit einem relativ einfachen Bühnensetting, spielfreudiger Band und dem Verzicht auf sämtliche Songs von One Direction war der Brite am Ostermontag vorstellig.(Bild: Andreas Graf)

Ansteckende Freude
Der üppig befüllte Merchandise-Tisch wird schon am späten Frühabend geplündert. Wenn man die Fans mit den stark befüllten „How Did I Get Here?“-Taschen durch die Halle spazieren sieht, freut man sich gerne mit, dass der Osterhase das Börserl am Sonntag noch rechtzeitig gefüllt hat. Ansonsten liegt einem Louis Tomlinson-Konzert eine ähnliche Magie anheim, wie man sie von eingangs erwähnten Boybands kennt und sie für ihre Friedlichkeit schätzt. Bei traurigen Songs liegen sich beste Freundinnen in den Armen und weinen schwere Tränen, bei den flotten Bangern werden originäre Tanzchoreografien ausgepackt und dazwischen wird schrill gekreischt und gejubelt, wie es nur Menschen zu tun vermögen, die mit voller Inbrunst gerade zu 100 Prozent mitten im Moment leben. Eine beneidenswerte und ansteckende Freude, die einem im Laufe des Alterns und mit zunehmender Alltagsroutine viel zu schnell verlustig geht.

Für große Ansagen ist Tomlinson nicht zu haben. Mehrmals bedankt er sich für die Stimmung und auch dafür, dass man im Mittelblock bei den getragenen Songs wie „Lazy“, „Sunflowers“ und „Lucid“ auf der B-Stage nicht an Lautstärke einbüßt, aber der große Charismatiker ist er nicht. So sind Songs wie das bereits erwähnte „Lemonade“, „The Observer“ oder das punkrockige „Miss You“ kurzweilig und stark, aber um die mehr als 90-minütige Show wirklich zu tragen, fehlt es zuweilen an den zwingenden Hits. An den Singles, die einem wirklich dauerhaft im Ohr hängen bleiben und nicht gleich wieder verpuffen. Den Fans ist das freilich egal, sie intonieren Lied für Lied textsicher mit, ermahnen Labernde in der direkten Umgebung streng, wenn jene sich dem großen Helden nicht auch demütig hingeben und tanzen im hinteren Bereich der üppigen und seelenlosen Marx-Halle eine Polonaise, die sich in rekordverdächtiger Länge durch die Reihen schlängelt.

„Ich will nicht nach Hause gehen“ – Tomlinsons Motto konnten 5.700 Fans in Wien durchaus viel ...
„Ich will nicht nach Hause gehen“ – Tomlinsons Motto konnten 5.700 Fans in Wien durchaus viel abgewinnen.(Bild: Andreas Graf)

Nicht ganz, aber fast
Als ordentliche Anheizer fungierten etwas früher am Abend die Pale Waves rund um Frontfrau Heather Baron-Gracie aus Manchester. Mit ihrem ruppigen und Indie-lastigen Gitarrenrock machen sie eine gute halbe Stunde bei deutlich diffuserem Sound genau die Art von Musik, die Tomlinsons austreibende Rock-Seite in sich gerne kreieren würde. Das erst kürzlich zu einem Trio geschrumpfte Kollektiv begeistert mit satten Riffs, vom Publikum bejubelten Pro-LGBTQ-Ansagen und einer mehr als gelungenen Cover-Version des Cranberries-Evergreens „Zombie“, das auch die Gen Z überraschend textsicher und begeistert aus den jungen Kehlen grölt. Seinen großen Helden Oasis kommt Tomlinson übrigens mit der kräftigen Ballade „Saturdays“ am nächsten. Die getragene Melodie könnte auch auf einer B-Side von Noel Gallagher stehen und mit Liams wuchtigem Stimmorgan wäre der Song vielleicht ein internationaler Top-Hit. Louis Tomlinson ist eben die kreuzbrave Version seines Helden. In seinem Gefluche stecken Glitzer und Lametta. Jeder Generation eben den Rockstar, der sie bestmöglich widerspiegelt.

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