Bis auf den letzten Platz gefüllt war der Wiener Gasometer Sonntagabend, als die schottischen Indie-Legenden Franz Ferdinand nach vierjähriger Livepause zur großen Hit-Verwertung baten. Womit sie selbst nicht rechnen konnten? Dass das Wiener Publikum vor Freude und Lust an der Musik derart explodieren würde.
Am Ende des Konzerts stellt Frontmann Alex Kapranos noch einmal fest: „Wir waren vor 22 Jahren das erste Mal hier in Österreich und haben viele Konzerte gespielt. Aber so eine unglaubliche Stimmung wie heute haben wir noch nie erlebt.“ Was war da los? Wie kann das sein? Eine genaue Erklärung für die jeweilige Stimmung bei einem Konzert gibt es nicht. Es ist für gewöhnlich eine mathematische Gleichung die etwa folgendermaßen lauten kann: Leistung der Band plus Begeisterungsfähigkeit der Zuseher mal passender Wochentag plus unstete Restkomponenten ergibt die Stimmung an einem Konzertabend. Dass der Glasgower Indie-Rock-Express an einem Sonntag (für gewöhnlich nicht der beliebteste Konzerttag) bei nassem Herbstwetter und im Wiener Gasometer (selten die erklärte Lieblingslocation von Musikfans) für eine derartige Eskalation sorgt, beweist einmal mehr, dass in der Kunst sämtliche Rechenspiele ad absurdum zu führen sind – music is magic, baby!
Kontinuierlich hohe Qualität
Linear ging es bei Franz Ferdinand noch nie zu. Das erste Wien-Konzert fand 2004 nach Release des Debütalbums in der Arena statt, ein Jahr später füllte man schon die Stadthalle und beim bisher letzten Stelldichein vor vier Jahren war man wieder auf Arena-Größe zurückgeschrumpft. Dass die Show im mehr als 3000 Menschen fassenden Wiener Gasometer seit Monaten ausverkauft war, verdankt das schottische Gespann einerseits dem allgemein grassierenden Nostalgie-Hype, der britische Post-Punk-, Indie- und Rockbands aus den 2000er-Jahren auch dank TikTok und Co. wieder an die Front spült, andererseits hat man im Gegensatz zu vielen anderen Mitbewerbern qualitativ nie nachgelassen. Die Mittfünfziger mögen nicht mehr so ungestüm ans Werk gehen wie einst, das Anfang 2025 veröffentlichte Studioalbum „The Human Fear“ braucht sich in der Diskografie nicht vor den eigenen Großtaten verstecken.
Die Songs „Audicious“, „Hooked“ oder „Night Or Day“ haben vielleicht nicht den unvergleichbaren Hit-Charakter der Klassiker, wissen sich live aber perfekt in das Programm einzufügen. Überhaupt die Setlist – sie richtig anzuordnen und dadurch aus einem guten Konzertabend einen großartigen zu gestalten, das ist auch eine eigene Wissenschaft für sich. Kapranos und Co., die auf der laufenden Tour immer wieder Songs tauschen und verrücken, haben zumindest in Wien ins Schwarze getroffen. Das dahingehende Erfolgsrezept beginnt schon vor dem eigentlichen Konzert. Aus der Konserve tönen „Ace Of Spades“ von Motörhead und ABBAs „Take A Chance On Me“ – als die Band dann in rotes Licht getaucht die Bühne entert, wird sie von der Titelmelodie der 80er-Anarcho-Komödie „Die nackte Kanone“ mit dem unvergessenen Leslie Nielsen begleitet. Humor können sie, die britischen Inselbewohner.
Beeindruckende Agilität
Mit dem Klassiker „The Dark Matinée“ und dem eindringlichen „No You Girls“ wird das bis auf den letzten Quadratzentimeter gefüllte Areal auf Betriebstemperatur gebracht. „The Doctor“, „Right Action“ und „Walk Away“ folgen. Es ist noch keine halbe Stunde vergangen und schon wird der Superhit „Do You Want To“ in leicht veränderter bzw. verspielter Form von der Leine gelassen. Im ICE-Zug-Tempo rauscht die Band durch ihr Œuvre und setzt dabei hohe Energien frei. Das liegt zuvorderst an Kapranos selbst, der mit seinen 54 Jahren eine unwahrscheinliche Agilität an den Tag legt und in schwarzer Samthose mit goldenem Trainingsjackerl von einem Bühnenende ans andere rauscht, waghalsig hohe Sprünge ansetzt und daneben auch noch Zeit für Singen, Gitarrespielen und sympathisches Scherzen hat. Dass Franz Ferdinand nicht mehr „der heißeste Scheiß der Stunde“ sind, mag man an diesem Abend gar nicht glauben.
Ungefähr zur Hälfte nehmen die Schotten erstmals etwas Tempo raus und würzen ihre Songs, wie etwa „40‘“, mit ausgedehnteren Instrumentalpassagen und musikalischen Spielereien, die man so auf den Albumversionen nicht zu hören kriegt. Irgendwann zu der Zeit setzt der begeisterte Sänger zu seiner ersten Lobrede auf das Wiener Publikum und zeigt sich positiv überrascht, dass nach einer knappen Stunde Konzert äußerst wenige Smartphones in die Luft gestreckt werden. „Ich will euch nicht sagen, was ihr zu tun habt, aber lasst uns lieber den Moment leben und gemeinsam ausrasten.“ Spricht er und setzt mit seinem alten Freund und Bandmitbegründer Bob Hardy dazu an, das Grundriff von „Take Me Out“ aus Gitarre und Bass zu würgen. Das ist der Moment, in dem die Leiber im Saal vor lauter Ekstase endgültig zu verschmelzen scheinen. Während die Band auf der Bühne ein echtes und im positiven Sinne imperfektes Konzert spielt (immer wieder verpasste Einsätze, leichte Verspieler, Unstimmigkeiten im Feintuning), zeigen sich die Wiener so euphorisch, als wäre man bei einem Konzert im heißblütigen Buenos Aires.
Schlau genug
Als Belohnung bekommt das österreichische Publikum mit der Ur-Single „Darts Of Pleasure“ einen Bonus-Song, der gar nicht geplant war, bevor das wilde Treiben nach gut 90 Minuten mit einer flotten Version des Kultsongs „This Fire“ ein fulminantes Ende findet. Überstunden und ausstaffierten Pomp brauchen Franz Ferdinand nicht. Auch nach einem Vierteljahrhundert Bandgeschichte bleiben die Schotten rund um den seit Jahren in Paris beheimateten Frontmann Alex Kapranos eine Benchmark, wenn es um exaltierte Liveshows und einen ganz eigenen, nicht kopierbaren Sound geht. Kapranos sieht seine Band nicht als Resteverwerter der eigenen Erfolgshistorie, wie er in internationalen Interviews über die letzten Jahre mehrfach betonte, aber er ist als Musikliebhaber und Profi schlau genug, um zu wissen, dass es ohne Klassiker nun einmal nicht geht. Wie praktisch, dass es derer noch und nöcher gibt …
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