Buch-Kritik

Über den Tellerrand: Interviews im Musiksegment

Musik
28.03.2026 05:00

Mehr als dreieinhalb Dekaden langt fungiert der Wiener Samir H. Köck hierzulande als Musikjournalist. Die besten seiner rund 2500 getätigten Interviews hat er nun in Buchform mit dem Titel „Talk To Me: Stars im Gespräch“ (Milena Verlag) veröffentlicht. Ein informatives Werk, dem es aber leider an wichtigen Hintergrundinfos fehlt.

kmm

Das Subressort Musikjournalismus war dereinst ein schreiberisches El Dorado, in dem Milch und Honig flossen. Berufstätige und Zeitzeugen aus den 90er- und 2000er-Jahren berichten von ausgiebigen Dienstreisen in alle möglichen Länder der Welt, um über ausführliche Interviews näher an den Kern von Künstler und Musik heranzurücken. Der Wiener Samir H. Köck hat diese goldenen Zeiten seiner Zunft noch leibhaftig miterlebt und jettete ungeschaut zweimal pro Monat nach London, um persönliche Gespräche zu führen. So schreibt er es im Vorwort zu seinem Buch „Talk To Me“ (Milena Verlag), das die besten seiner rund 2500 Interviews aus mehr als drei Dekaden in seinem Beruf zusammenfasst.

Buntes Leben, bunte Gespräche
Köck kennt der Musikinteressierte vorwiegend als Redakteur der Tageszeitung „Die Presse“, er kuratierte aber auch die „Soundstage“-Konzertreihe im Wiener Burgtheater, kompilierte unzählige Sampler, vorwiegend im Soul-Bereich und bekam erst vor wenigen Wochen das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst verliehen. Ein buntes Leben, das sich auf 270 Seiten auch in bunten Gesprächen ausdrückt. Etwas eigenwillig mutet die Anordnung der Gespräche an, die nicht nach Entstehungsjahr, sondern nach den jeweiligen Vornamen geordnet wurden. Köcks Interviewkarriere begann 1990 mit einem völlig misslungenen Versuch, sein großes Idol Van Morrison zum Gespräch zu bewegen – umso interessanter ist es, wie sich daraus doch noch ein beruflicher Lebensstrang herausbilden konnte.

„Talk To Me: Stars im Gespräch“ ist in erster Linie ein Buch, für das man Offenheit und Musikleidenschaft mitbringen sollte, wiewohl nicht jedes Gespräch sich ausschließlich um Klänge dreht. So berichtet der brasilianische Liedermacher Caetano Veloso von politischen Umbrüchen in seiner südamerikanischen Heimat, gibt Jane Birkin tiefere Einblicke in ihre innige Beziehung mit Wien und parliert Wienerlied-Legende Karl Hodina über das grausame Aufwachsen im Österreich zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs. Es ist dem breiten Allgemeinwissen und der Neugierde des Interviewers zu danken, dass neben den klassischen Fragen über aktuelle Alben, Produktionsprozesse und Inspirationen zumeist auch genug Raum für mehrere Blicke über den Tellerrand bleibt. So mancher Künstler ergießt sich offen im Dialekt, andere wiederum in Kurzsilbigkeit, was den Fragenden vor neue Herausforderungen stellt.

Es fehlt am Drumherum
Köck hat im Laufe seines Lebens Größen verschiedenster Couleur befragt, auf stilistische Einschränkungen wurde dabei bewusst nicht geachtet. Am Drumherum liegt aber auch der größte Kritikpunkt des Buches: der Autor deutet Erlebnisse an, die nicht näher ausgeführt werden. So habe ihn einst Tom Waits persönlich mit dem Auto abgeholt, mit der viel zu früh verstorbenen Jazz-Größe Amy Winehouse versumperte er gemütlich in einer Bar und Little Jimmy Scott besuchte ihn gar in seiner Wiener Wohnung. Die amüsanten und nostalgischen Anekdoten bleiben aber außen vor und werden nicht einmal angeschnitten. Dass man nur das bloße Interview ohne seine Entstehung und die Hintergrundgeräusche zu lesen hat, ist dem Gesamteindruck leider doch abträglich – da wäre mehr definitiv mehr gewesen.

Prinzipiell richtet sich das Werk an Fans und Personen aus der Musikbranche, wer aber Lust auf tiefergehende Gespräche und humorige Situationen hat, kann auch außerhalb eines austrabenden Fantums sein Glück finden. Persönlichkeiten wie Burt Bacharach, Iggy Pop, Nana Mouskouri, Joe Zawinul oder Georg Danzer sind weit über ihre Profession hinaus interessant und eigenen sich perfekt, um tiefer zu graben und die Beweggründe dahinter zu erfassen. „Talk To Me“ ist auch eine schöne Erinnerung an Zeiten, wo Musikindustrie und Journalismus noch im Gleichklang entlangschritten und man das Geschichtenerzählen mit aneckenden Rückfragen als bereichernd begriff. Zeiten, die so nie mehr wiederkommen, wie Köck unumstößlich betont. Ein Glück, dass er die fetten Jahre noch in seiner vollen Pracht erlebt hat.

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