Mit ihrer fulminanten Show und dem Lied „Ich komme“ belegte Erika Vikman für Finnland Platz 11 beim letztjährigen Song Contest in Basel. Am Rande des neuen ESC trat sie mehrmals in Wien auf und erzählte der „Krone“ über das dunkle Tief, das nach den lichten Höhen auf sie zukam.
„Krone“: Erika, im Zuge des diesjährigen Song Contests bist du endlich mal nach Wien gekommen.
Erika Vikman: Ja, Wien zu sehen war immer mein Traum. Ich war noch nie davor hier bei euch. Ich habe gemeinsam mit JJ beim finnischen Vorentscheid gesungen, das war ein episches Erlebnis. Irgendwann müssen wir das mal aufnehmen für Spotify und ein weiterer großer Traum wäre es, JJ einmal in der Wiener Staatsoper singen zu sehen. Ich hatte als Teilnehmerin letztes Jahr in Basel so viel Druck, da tat es gut, in Wien ein paar Mal gemütlich aufzutreten, ohne in den Wettbewerb treten zu müssen. Insgesamt war ich eine knappe Woche in Wien.
Wie fühlte es sich an, den Eurovision Song Contest von einer Außenperspektive zu betrachten?
Sehr entspannt. Ich konnte hier performen, musste mich aber mit niemandem messen – unglaublich gemütlich. Ich konnte mich aber auch sehr gut in alle Bewerber einfühlen und weiß natürlich, durch welches Stahlbad der Gefühle sie gingen.
Du bist mit deinem Lied „Ich komme“ 2025 in Basel zwar nur auf Platz elf gelandet, warst aber mit deiner offensiven Show für viele eine heimliche Gewinnerin. Wie hast du den Song Contest damals als Teilnehmerin erlebt?
Ich war mir sicher, dass ich nicht gewinnen werden, habe ehrlich gesagt aber fix mit den Top-10 gerechnet. Platz elf war anfangs tatsächlich etwas enttäuschend, aber ich wollte immer mein Bestes geben. Das Herz auf dieser Bühne lassen und ich kann stolz behaupten, das gemacht zu haben. Ich kannte jeden Schritt meiner Choreografie, jeden Moment des Liedes. Bei den Schweden KAJ war auch ein Finne mit dabei. Sie waren lange große Favoriten und viele Finnen haben wegen ihm, Kai, zu Finnland gehalten. Manchmal war ich mir nicht ganz sicher, ob mich die Leute mögen würden, aber das hat sich dann alles eingependelt. Es war eine große Sache, ich werde es nie vergessen.
Am Ende hast du ohnehin die ganze Welt repräsentiert, weil du so viele Fans gewonnen hast. Wie ging es dir eigentlich in den Tagen und Wochen nach dem Bewerb? Man steht als Kandidatin monatelang im Rampenlicht, hat permanent Termine und von einem auf den anderen Tag fällt alles auf null …
Ich hatte die klassische Post-Song-Contest-Depression. Begonnen hat bei mir alles bei der finnischen Vorausscheidung UMK im Februar des Vorjahres. Vom Sieg dort bis zum Song-Contest-Finish Mitte Mai hatte ich keinen freien Tag und stand ständig unter Strom. Das nicht mehr zu spüren, war eine große Veränderung für mich.
Wie hat sich diese Depression bei dir ausgewirkt?
Ich habe gemerkt, dass ich mich von den üblichen Dingen entkoppeln muss. Ich ging öfter in die Wälder, habe Pilates-Kurse besucht und viele Bücher gelesen, die davon handelten, wie man seinen inneren Frieden findet. All diese Dinge zusammengerechnet waren hilfreich, aber es hat viele Monate gedauert.
Hat darunter auch deine musikalische Kreativität gelitten?
Absolut. Direkt nach dem Song Contest habe ich all meine Kreativität verloren, weil ich null Energie übrighatte. Ich musste mir die nötige Zeit nehmen und den Ist-Zustand akzeptieren. Wenn man zu erschöpft und müde ist, fällt einem nichts mehr ein. Währenddessen spielte ich in Finnland Konzerte, die sich so anfühlten, als wäre ich nicht in meinem eigenen Körper. Die Gigs waren aber ausgemacht und fixiert und ich habe sie durchgezogen, auch wenn es mir dabei schlecht ging. Heute fühle ich mich viel besser, freue mich auf Konzerte und alles weitere, aber der letzte Sommer war hart.
Gab es einen bestimmten Moment, an dem du dich fit genug gefühlt hast, hier 2026 in Wien beim Song Contest aufzutreten?
Nein, aber das kam sowieso überraschend, weil ich nicht damit gerechnet hätte, dass mich Österreich einlädt. Ich war ja nicht mal Top-10, warum will man mich hier haben? Aber es hat mir auch gezeigt, dass das Ergebnis nicht immer entscheidend ist, um die Herzen der Menschen zu gewinnen. Ich habe eine sehr loyale, zugängliche Fanbase und natürlich wollte ich kommen. Österreich hat mir letztes Jahr auch zwölf Punkte gegeben und JJ ist mein Freund.
Bist du nach dem ESC 2025 mit JJ immer in Kontakt geblieben?
Nicht immer, aber wir haben in unregelmäßigen Abständen telefoniert. Vielleicht kooperieren wir in Zukunft auch öfter – wir jonglieren zumindest immer wieder mit ein paar Ideen hin und her.
Ich sehe gerade an deinem Unterarm auch ein „Ich komme“-Tattoo – ich nehme an, das hast du dir erst nach deiner Teilnahme gegönnt?
Korrekt. Du siehst dieses brennende Feuer aus dem Mikrofon kommend. Das spiegelt das Feeling, das ich damals verspürte, perfekt wider. Das ist ein bisschen cringe, aber ich bin auch cringe und sehr stolz darauf.
Du bezeichnest dich selbst als cringe?
Ja, aber auf eine lustige Art und Weise. Ich bin cringe, weil es mir Spaß macht. Es gibt mir die Lizenz, zu jeder Zeit wild und verrückt zu sein. Wenn man so lebt, sieht man die Welt durch mehr Farben – ich kann es nur empfehlen.
Finnland hat allgemein eine reichhaltige Historie, was verschiedene Musik anbelangt. Willst du weiterhin selbst mehr durchmischen?
Ich liebe verschiedene Genres und probiere mich gerne auch im Folk oder Heavy Metal aus. Ich würde furchtbar gerne etwas mit einer Metalband auf die Beine stellen – vielleicht ergibt sich da mit der Zeit was. In meiner Band spielen auch nur echte Metalheads. Ich kenne mich in der Szene schon ganz gut aus.
Einmal Eurovision, immer Eurovision heißt es für gewöhnlich. Wie denkst du darüber, dass man dich vielleicht wieder einmal für den Bewerb einladen würde?
Wenn der Song passt, warum nicht? Es geht immer um das richtige Lied. Wenn das zu 100 Prozent stimmt und die richtige Wucht vermittelt, dann wäre ich nicht abgeneigt. Mit einem basischen, durchschnittlichen Popsong tauche ich aber nicht auf. Es muss schon fetzen und auch gerne ein bisschen kontroversiell sein. So wie ich selbst auch bin.
Provozierst du so gerne?
Ja. Wenn auf die Macht der Provokation und ein paar schräge Songs setzt, kann man die Welt vielleicht auf gute Art und Weise verändern. Ich liebe es, Kunst zu erzeugen, die man sich erarbeiten muss oder die man nicht so schnell knacken kann. Das ist mein Stil, der sich durch mein ganzes Leben zieht.
Welche Pläne verfolgst du für deine musikalische Zukunft?
Früher habe ich nur Musik auf Finnisch gemacht, jetzt mache ich auch welche auf Englisch. Im Frühjahr 2027 bin ich auf einer kleinen Europatour, leider aber ohne Termin in Österreich. Ich will mir den Kontinent aber Schritt für Schritt erkämpfen.
Der letzte ESC-Sieg Finnlands liegt 20 Jahre zurück. Damals waren es Lord mit dem Metalstampfer „Hard Rock Hallelujah“.
Ja, einer der Typen hat in meiner Band gespielt, als wir noch jünger waren. Es ist schon lustig, wie man sich in dieser Szene immer wieder gegenseitig über die Füße fällt. Die Musikindustrie ist schon sehr überschaubar.
Wie schaut es bei dir mit einem Album aus? Ist dahingehend etwas am Horizont zu sehen?
Das ist in Arbeit, aber schon ziemlich lange, weil ich mich damit nicht beeilen und nichts überstürzen will. Das letzte Album von mir liegt schon fünf oder sechs Jahre zurück, aber ich nehme mir die Zeit, die ich brauche.
Was war für dich persönlich der magischste Moment, denn du in Verbindung mit dem Song Contest erlebt hast?
Auf die Bühne zu gehen, kurz vor dem Lied zu stehen und das Publikum begeistert meinen Namen schreien hören. Mir wurde immer wieder gesagt, bei mir wäre oft lauter und intensiver geschrien worden. Ich weiß nicht, ob das wirklich stimmt, aber es hat mich extra motiviert. Lass uns ruhig sagen, dass ich eine Art Fanmagnet bin. Ich gehe auf die Bühne und genieße die Show. Das war schon immer mein Leben.
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