Wer an Campingmöbel denkt, hat Sperrholz, Pressspan und klappernde Aluprofile vor Augen. Ein Start-up will das Van-Life buchstäblich leichter machen, flexibler und im besten Fall auch noch billiger. Keine Luftnummer.
Auf den ersten Blick wirkt das Herzstück der jungen Firma unspektakulär: ein flaches Paket, kaum größer als die Sitzauflage einer Gartenbank. Doch dann zischt es kurz, sechs Textilschläuche füllen sich mit Luft, und aus dem unscheinbaren Bündel wächst eine vollwertige Campingküche. Mit Spülbecken, Frisch- und Abwassertank, Akku-Wasserhahn – und sogar einem Kühlschrank, dessen Form ebenfalls durch Luft gehalten wird.
Statt aus Pressspan besteht das Möbel aus hochfesten Stoffen, wie sie sonst bei Gleitschirmen oder Kites zum Einsatz kommen. Die sogenannten „Tubes“, luftdichte Druckschläuche, bilden das tragende Gerüst. Das Ergebnis: eine Küche, die in der Basisversion ab 1250 Euro kostet – und mit rund neun Kilogramm nur etwa halb so viel wiegt wie viele konventionelle Lösungen.
Führerscheindatum ausschlaggebend
„Im Camper zählt jedes Kilo“, sagt Markus Wolf, einer der beiden Tüftler, die hinter dem Allgäuer Start-up Stuff Bubble stehen und die Küche mit seinem Kompagnon Benni Hörburger in den letzten zwei Jahren entwickelt hat. Tatsächlich rückt für viele Van-Besitzer die 3,5-Tonnen-Grenze immer näher. Wer seinen Führerschein nach 1999 gemacht hat, darf schwerere Fahrzeuge nicht mehr fahren. Und gerade bei modernen Vans, erst recht bei Elektro-Modellen mit schweren Batterien, wird die Gewichtsbilanz schnell kritisch. Jedes eingesparte Kilo kann am Ende über Gepäck, Vorräte oder Zusatzausstattung entscheiden.
Doch es geht den beiden nicht nur ums Gewicht. Ebenso entscheidend ist der Platz. Klassische Campingmöbel stehen außerhalb der Reisesaison oft im Weg – in Garage oder Keller. Bei Stuff Bubble reicht ein Ventilzug: Luft raus, zusammenfalten, verstauen. Übrig bleibt ein Paket kaum größer als ein Umzugskarton.
Mit Campingeinrichtung auf Flugreise
Das eröffnet sogar weiteres Einsparpotenzial: Statt mit dem eigenen Camper ans andere Ende Europas zu fahren oder vor Ort teuer ein Wohnmobil zu mieten, können Kunden ihre Einrichtung einfach im Flugzeug mitnehmen. Für rund 550 Euro gibt es ein aufblasbares Transport-Case, das als Fluggepäck durchgeht. Am Ziel genügt ein gemieteter Kleinbus – und noch auf dem Parkplatz des Vermieters wird daraus binnen Minuten ein Wohnmobil.
Dass dieses Case bunt statt schwarz ist, hat zwei Gründe: Es fällt auf dem Gepäckband sofort ins Auge. Und es besteht aus Verschnittmaterialien aus der Segel- und Gleitschirmproduktion. Nachhaltigkeit ist für die Gründer kein Marketing-Schlagwort, sondern Teil des Konzepts.
Daraus besteht die Einrichtung
Neben der Küche gehört ein aufblasbares Bett zum Kernsortiment. Doch mit einer einfachen Luftmatratze hat das wenig zu tun. Hörburger, selbst von Rückenproblemen geplagt, entwickelte eine dreizonige Liegefläche, deren Kammern individuell reguliert werden können. Der Rahmen besteht ebenfalls aus Luft und wird einfach über die umgelegten Rücksitze gelegt. Preis: ab 1449 Euro.
Hinzu kommt eine Markise, die statt schwerem Metallgestänge ebenfalls auf die Tubes setzt. Mit zwei Kilogramm Gewicht ist sie deutlich leichter als herkömmliche Systeme. Befestigt wird sie über vorhandene Profilschienen – oder per Saugnapf und Magnet. Selbst wenn eine Böe sie erfasst, drohen weder Lackschäden noch gefährliche Metallteile. Mit Einstiegspreisen ab 349 Euro bleibt sie zudem unter vielen klassischen Lösungen.
Vom Schirm in den Bus
Die Idee für all diese Produkte entstand tatsächlich in der Luft. Hörburger ist Gleitschirmentwickler, Wolf Software-Experte – und beide begeisterte Camper. Bei einem gemeinsamen Flug kamen sie ins Gespräch über die Belastbarkeit moderner Textilien und die Vielseitigkeit der Tubes, die Kites ihre Form geben. Warum, so die Frage, sollten diese Technologien nicht Möbel tragen?
Gesagt, getan: In Sri Lanka, wo auch viele Gleitschirme gefertigt werden, bauten sie eine eigene Entwicklungsabteilung auf. Ein gutes Dutzend Mitarbeiter schneidert und näht dort inzwischen die ersten Serienprodukte. Keine zwölf Monate nach Gründung feierte Stuff Bubble kürzlich auf der CMT in Stuttgart Messepremiere.
Auch ein Dach aus Luft kommt
Doch damit nicht genug. Gemeinsam mit dem Ausrüster SCA arbeiten die Gründer an einem weiteren Projekt: einem Aufstelldach ohne schwere Scherenmechanik. Statt Stahlgestänge heben luftgefüllte Tubes die Dachschale an – per Kompressor und mit nur wenigen bar Druck.
Das spart nach Unternehmensangaben bis zu 40 Kilogramm Gewicht. Gleichzeitig soll die Konstruktion mehr Raum bieten, weil sie seitlich statt nach hinten aufklappt. Mehr Sitzhöhe, flexiblere Liegerichtung, leichterer Stoffwechsel zwischen Sommer- und Winterbalg dank Reißverschlüssen: Noch ist das „Luftschloss“ ein Prototyp, doch spätestens nächstes Jahr soll es in Serie gehen.
Stuff Bubble versteht sich nicht nur als Nischenanbieter für Wochenend-Camper. Die leichten Module könnten auch auf Booten, bei Outdoor-Einsätzen oder sogar im Katastrophenschutz eingesetzt werden. Und selbst daheim bieten die luftigen Lösungen Vorteile – etwa als flexible Beschattung für Balkon oder Terrasse, wo feste Installationen baurechtlich problematisch wären.
Noch steht das junge Unternehmen am Anfang. Doch die Richtung ist klar: Weg von schweren Modulen aus massiven Materialien, hin zu textilen Strukturen, die sich aufblasen, anpassen und wieder verstauen lassen. Oder wie Hörburger es formuliert: „Es gibt fast nichts Leichteres als Luft.“ Wenn es nach Stuff Bubble geht, könnte genau das zum tragenden Element einer ganzen Branche werden.
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