„Krone“-Talk

Sibylle Kefer: Manchmal braucht es den Zeigefinger

Musik
01.03.2026 05:00

Sie kann Dialektpop, Chanson und Wienerlied und begeistert mit der Mischung aus textlicher Poesie und musikalischer Vielseitigkeit seit Jahren in der Liedermacherszene. Sich selbst bleibt Sibylle Kefer auch auf ihrem neuen Album „Ma wü vü“ treu – und attestiert ihr endlich auch selbst den nötigen Respekt, wie sie der „Krone“ im Gespräch verrät.

kmm

Die Mühlen mahlen langsam und man braucht viel Kraft und Geduld in der österreichischen Musikszene. Wenige Musikerinnen wissen das besser als Sibylle Kefer, die einst als Mitglied der Ausseer Hardbradler den heimischen Alpinrock salonfähig machte und danach mit Ernst Molden und André Heller vermehrt ins Wienerlied rückte. Die ausgebildete Musiktherapeutin steht seit jeher für poetisch-durchdachte Texte, einem untrüglichen Gespür für das musikalische Aufarbeiten gesellschaftlicher Probleme und Strömungen und einer Leidenschaft, die sie mittlerweile sogar zur Produzentin ihrer eigenen Kunst gedeihen ließ. Ihr fünftes Soloalbum „Hoid“ war vor knapp drei Jahren ein später, aber verdienter Aufmerksamkeitsbringer, der Kefer in der Öffentlichkeit erstmals breitenwirksamer darstellte. Wobei - breitenwirksam ist hierzulande relativ, wie sie im „Krone“-Gespräch feststellt. „Mein allererstes Album wäre wohl auch Ö3-tauglich gewesen, aber es ging nicht durch. Deshalb habe ich schon beim zweiten auf eine Kamikazeaktion gesetzt und alles umgeworfen.“

Reflektierter und gescheiter
Man darf sagen: Gottseidank. „Ma wü vü“ nennt sich das brandneue Werk, auf dem sich Gedanken, Emotionen und Geschichten ohne bewusst konzeptionelle Herangehensweise zu einem großen Ganzen vermengen und das gleichermaßen aktuell wie zeitlos wirkt. „In gewisser Weise ist das Album vielleicht ein Anschluss am letzten, aber eher in dem Sinne, dass ich durch die vergangene Zeit noch etwas reflektierter und gescheiter an die Sache rangegangen bin. Erfahrungswerte verändern und entwickeln einen Menschen. Mich in Schubladen zu stecken, geht sich ohnehin nicht mehr aus. Der Zug ist definitiv abgefahren.“ Was den österreichischen (Format)Radiostationen an Mut und Innovationskraft fehlt, will Kefer durch ihre Musik verdeutlichen. Dass sie nicht in den Mainstream passt, macht nichts aus, solange sie nicht an Authentizität verliert – und am geliebten Dialekt.

Das Ergebnis ergibt 14 Lieder, die sie zusammen mit Markus Siewert aufgenommen und zusammengefügt hat. Ein besonders schönes Bonmot – der viel zu früh verstorbene Walther Soyka ist hier posthum mit seiner Knöpferlharmonika zu hören. „Er war ein richtig guter Freund. Er hat mich immer unterstützt und zugehört, wenn andere aus diesem furchtbar patriarchalen Gefüge das nicht mehr gemacht haben. Ich fühlte mich oft nicht verstanden oder nicht gesehen und in diesen Momenten war Walther immer präsent. Er hat mich ernst genommen.“ Zur aktuellen Authentizität gehört auch, dass Kefer sich heute über gewisse Dinge mehr Gedanken macht als früher. „Früher kam ich von meiner Arbeit als Musiktherapeutin und habe mich in demselben Gewand auf die Bühne gestellt – ich hatte gar keine Zeit, mich umzuziehen. Ich habe aber die Lust entdeckt, mich für das Konzert schick zu machen.“ Es fühlt sich fast so an, als zolle Kefer nicht nur ihrer Musik, sondern vor allem ihr selbst den nötigen Respekt, den sie früher öfters vergaß.

Kampf um das Minimum
Dazu gehört auch, seinen Willen durchzusetzen, seinem Bauchgefühl zu folgen und sich nicht vom gewünschten Weg abbringen zu lassen. „Ich hatte oft das Gefühl, dass ich mein Potenzial nicht ganz ausleben konnte. Dass ich nicht bei den richtigen Leuten bin, die mir helfen und mich ausreichend unterstützen können.“ Laut eigenem Bekunden wuchs Kefer sehr patriarchal auf und verstand die engen Grenzen und Korsette erst durch das Aufwachsen und den Diskurs mit ihren eigenen Kindern. Das geht mehr oder weniger direkt über in den vielseitig interpretierbaren Albumtitel „Ma wü vü“. „Die Leute wollen allgemein zu viel in diesem gesellschaftlichen Gefüge. Das Minimum unter Menschen sollte sein, dass man sich respektiert und lieb zueinander ist, aber es hat zunehmend den Anschein, dass schon die moralischen Basics zu viel verlangt sind.“ Veränderte Zeiten führen zu veränderten Ansichten. „Ich wollte früher in meinen Liedern nie mit dem Zeigefinger wedeln – heute denke ich mir: Warum eigentlich nicht? Es ist wichtig, hinzuschauen. Dinge zu benennen. Das ist nicht automatisch belehren, aber ein Bewusstmachen gewisser Dinge.“

Die musikalische Range ihres neuen Albums geht vom Wienerlied über zarten Dialektpop und Chanson bis hin zu Volksmusik ohne kommerziellen Schlagermief. „Mir ist wichtig, dass Verschiedenes Platz hat, weil es die Gleichzeitigkeit der Welt widerspiegelt. Als Musiktherapeutin hat Kefer einen anderen Ansatz, Songs zu schreiben und an Lieder heranzugehen. „in der Therapie geht es darum, den richtigen Moment in der Musik zu kreieren, was zu den schönsten und echtesten Atmosphären führt. Ich kann mich in meinem musikalischen Rahmen frei bewegen, aber durch den Rahmen werden die Lieder irgendwann auch fertig. Es geht nicht ins Unendliche.“ Inspirationen findet die Bad Ischlerin in unterschiedlichsten Situationen. „Beim Zwiebelschneiden oder beim Radfahren oder auf der Couch. Ich nehme alle Ideen sofort auf dem Handy auf.“ Die schiere Rücksichtslosigkeit und die brutalen Auswüchse in der modernen Gesellschaft führen dazu, dass Kefers Inhalte zum Teil noch intensiver wirken. „Ich bin eigentlich ein positiver Mensch, aber derzeit sehr frustriert.“

Nicht alles ist aufgegangen
Doch wo Schatten, da auch Licht. Vor allem dann, wenn man seiner Musik vertraut und damit in die Zukunft blickt. Am 6. März stellt Kefer ihr Album im Wiener Porgy & Bess vor (Karten gibt es noch unter www.porgy.at) - eine verspätete Geburtstagsparty zu ihrem 50er. „Es wird eine Open Stage geben und ich hoffe, dass viele Leute kommen, um mit mir und untereinander zu musizieren. Das wäre eigentlich mein Wunschtraum.“ Den großen Traum von einer reinen Musikkarriere hat sie mittlerweile ad acta gelegt. „Ich hätte mir gewünscht, die Musiktherapie einmal völlig zurückstellen zu können, aber das ist nicht aufgegangen. Es war auch nie leicht als Frau, sich in dieser Männerdomäne durchzusetzen. Oft wurden mir die Kinder als Problem dargelegt. Warum? Männer haben auch Kinder. Ich freue mich aber, dass ich mit meiner tollen Band zu Auftritten komme und habe das Gefühl, dass derzeit alles sehr stimmig ist.“ Manchmal „wü ma eben vü“ – und im richtigen Kontext ist es nicht schlecht, wenn dem so ist.

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