Tirols LR im Gespräch

„Es geht nicht um Systeme, sondern um die Kinder“

Tirol
18.02.2026 18:00

Die Tiroler Bildungs-Landesrätin Cornelia Hagele sprach mit der „Krone“ über Sonderschulen, Inklusion, Wahlfreiheit und die echten Chancen. Dass Familien bei dem sensiblen Thema unter Druck gesetzt werden, sei inakzeptabel.

„Krone“: Frau Landesrätin, dieses Thema berührt Sie spürbar. Warum?
LR Cornelia Hagele: Weil es um Kinder geht, nicht um Etiketten. Um Kinder, die mehr brauchen als ein Standardangebot. Und um Eltern, die jeden Tag überlegen, wo ihr Kind verstanden wird, wo es sicher ist und wo Lernen überhaupt möglich wird. In dieser Diskussion wird oft über Strukturen gesprochen, aber zu selten über die Realität in den Familien.

Viele Forderungen gehen in Richtung „Sonderschulen abbauen, alles in die Regelschule“. Wie sehen Sie das?
Inklusion ist ein wichtiges Ziel. Aber sie darf nicht bedeuten, dass ein Kind um jeden Preis funktionieren muss. Entscheidend ist doch, dass die Schule dem Kind gerecht wird. Für manche Kinder ist die Sonderschule genau der Ort, an dem sie aufatmen können. Dort gelingt Lernen, weil Druck wegfällt und Unterstützung da ist.

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Ich akzeptiere nicht, dass Familien indirekt unter Druck gesetzt werden – ganz nach dem Motto: Das muss einfach gehen!

Cornelia Hagele

Was leisten die Sonderschulen aus Ihrer Sicht besonders gut?
Sie bieten ein Umfeld, das genauer hinschaut. Kleinere Gruppen, mehr Ruhe, ein Tempo, das zum Kind passt. Dazu kommen Teams mit hoher Spezialisierung. Ich erlebe immer wieder, dass Kinder dorthin nicht „abgeschoben“ werden, sondern erstmals wirklich gesehen werden. Und viele blühen auf, wenn nicht ständig das Gefühl mitschwingt, zu langsam, zu anders oder zu schwierig zu sein.

Wie ist die Situation in Tirol konkret?
Tirol hat 18 Sonderschulen – darunter 13 selbstständige Sprengelsonderschulen, drei unselbstständige Sprengelsonderschulen und zwei Landessonderschulen in Mils und Kramsach. Insgesamt gibt es 106 Klassen mit 816 Schülerinnen und Schülern, begleitet von 261 Lehrpersonen. Diese Zahlen stehen für Kinder mit Talenten und Träumen – und für Familien, die Stabilität und Perspektive brauchen.

In den sonderpädagogischen Schulen – wie hier in Sillian – wird auf die Stärken der Kinder ...
In den sonderpädagogischen Schulen – wie hier in Sillian – wird auf die Stärken der Kinder eingegangen.(Bild: ASO Sillian)

Kritiker sagen, diese Kinder müssten in Regelschulen integriert werden.
Dann stelle ich eine Gegenfrage. Welche Regelschule kann heute seriös garantieren, jedes einzelne Kind in dem Ausmaß zu unterstützen, das notwendig wäre? Viele Regelschulen leisten Großartiges, keine Frage. Aber sie stoßen an Grenzen, beim Personal, bei Räumen, bei Ressourcen. Wenn wir so tun, als sei eine Schulform automatisch gut oder schlecht, verlieren wir das Entscheidende aus dem Blick – nämlich das Kind.

Sie betonen oft die Wahlfreiheit. Warum ist Ihnen das so wichtig?
Weil es um Kinder geht, nicht um Etiketten. Um Kinder, die mehr brauchen als ein Standardangebot. Ich akzeptiere nicht, dass Familien indirekt unter Druck gesetzt werden, nach dem Motto „das muss einfach gehen“. Manche Kinder sind in der Regelschule mit Assistenz gut aufgehoben. Andere brauchen ein spezialisiertes Setting. Es gibt nicht die eine Lösung für alle. Und niemand hat das Recht, Eltern zu erklären, sie würden „falsch wählen“, wenn sie das Wohl ihres Kindes im Blick haben.

„Wir wollen den betroffenen Eltern das Gefühl geben, dass sie nicht alleine sind“, sagt Cornelia ...
„Wir wollen den betroffenen Eltern das Gefühl geben, dass sie nicht alleine sind“, sagt Cornelia Hagele.(Bild: Johanna Birbaumer)

In Hopfgarten wurde die Sonderschule als Ort beschrieben, der Kindern echte Chancen gibt. Was bedeutet das für Sie?
Dieser Satz trifft es auf den Punkt. Es geht um echte Chancen im Alltag, nicht um theoretische Versprechen. Wenn ein Kind über Jahre in einer zu großen Klasse untergeht, ist das kein Fortschritt. Das ist ein stilles Scheitern. Sonderschulen können ein Ort sein, an dem Kinder zum ersten Mal erleben, dass sie etwas können. Diese Erfahrung ist für die Betroffenen wichtig.

Manche befürchten Stigmatisierung.
Stigma entsteht nicht dort, wo Unterstützung gelingt. Es entsteht dort, wo ständig das Gefühl aufkommt, nicht zu genügen. Wenn ein Kind in einer Sonderschule erstmals Erfolg erlebt, ist das nicht weniger wert. Im Gegenteil, ist es doch häufig die Voraussetzung, dass Integration später überhaupt gelingen kann.

In anderen Bundesländern scheint es eine Trendbewegung zu geben?
Ja, man hört zunehmend, dass Eltern wieder gezielter nach spezialisierten Angeboten fragen. Und es gibt Bundesländer, in denen neue Sonderschulen geplant werden, etwa in Oberösterreich. Das ist kein „Tiroler Sonderthema“. Es ist eine österreichweite Realität. Eltern suchen Lösungen, die passen, weil sie spüren, was ihr Kind braucht.

Wie stellen Sie sicher, dass diese Debatte nicht nur emotional, sondern auch fundiert geführt wird?
Gefühl und Fakten schließen einander nicht aus. Wir brauchen beides. Was mir wichtig ist, sind Transparenz und eine verlässliche Datengrundlage. Wir müssen regelmäßig hinschauen, wo Bedarf entsteht, was wirkt, wo Ressourcen fehlen, und dann konsequent nachsteuern. Nicht nach Ideologie, sondern nach Verantwortung.

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Es geht um Kinder, nicht um Etiketten. Um Kinder, die mehr brauchen, als ein Standardangebot. Daher ist mir das so wichtig.

Cornelia Hagele

Ihre Botschaft an Eltern?
Sie sind nicht allein. Und Sie müssen sich nicht rechtfertigen, wenn Sie für ihr Kind kämpfen. Niemand kennt ein Kind so gut wie seine Familie. Ich setze mich dafür ein, dass Tirol ein Bildungssystem bleibt, das Wahlfreiheit möglich macht und Kinder zum Mittelpunkt erklärt.

Ihr Fazit?
Wer über Sonderschulen spricht, sollte nicht zuerst an Modelle denken, sondern an Kinder. An Kinder, die lernen wollen und nur dann lernen können, wenn das Umfeld passt. Sonderschulen sind kein Rückschritt. Für viele sind sie der erste echte Schritt nach vorne – weil dort Talente wachsen dürfen, die oft übersehen werden.

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