Enormer Ansturm
"Dschihad-Touristen" steuern Traumziel Syrien an
Ashraf hat ein Wochenende mit Freunden in Istanbul geplant. Der junge Tunesier will ausgehen, tanzen, Spaß haben. Doch aus dem Disko-Wochenende in der türkischen Metropole wird nichts. Am Flughafen von Tunis stoppt ihn der Polizist während der Passkontrolle. Ein junger Mann, der allein in die Türkei reist, das erscheint verdächtig. "Woher sollen wir denn wissen, dass du von Istanbul aus nicht weiter zum Dschihad nach Syrien reist?", fragt der tunesische Polizist.
Tunesier sterben oft rasch nach der Ankunft
Tatsächlich gehören Tunesier neben Libyern und Saudis zu den Nationalitäten, die unter den in Syrien operierenden Terroristen besonders stark vertreten sind. Die meisten der Tunesier haben noch nie eine Waffe in der Hand gehabt - im Gegensatz zu den Libyern, die 2011 im Kampf gegen die Truppen von Diktator Muammar al-Gadafi Kampferfahrung sammeln konnten. Deshalb sterben sie oft schon kurz nach der Ankunft. So wie der junge Vater, der sich kürzlich von einem Prediger in einer Kleinstadt südlich von Tunis für den Kampf in Syrien anwerben ließ. Schon zwei Wochen nach seiner Ankunft erhielt seine Mutter die Nachricht vom Tod ihres Sohnes. Seine Leiche wurde von anderen "Gotteskriegern" vor Ort bestattet.
Ein Kämpfer der syrischen Salafisten-Brigade Ahrar al-Sham berichtet: "Als die ausländischen Kämpfer nach Tell Abjad kamen, waren wir erst froh, weil wir dachten, mit ihrer Hilfe könnten wir das Regime besiegen. Doch dann hat die Gruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien (ISIS) uns den Krieg erklärt."
Der Syrer mit dem Kampfnamen Abu Bakr war im vergangenen Jänner aus Tell Abjad in die Türkei geflohen, nachdem ISIS-Terroristen den Grenzübergang in Tell Abjad erobert hatten. Der 35-jährige Pharmazie-Student hält sich seither in Istanbul mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Er sagt, er habe vor seiner Flucht noch jungen ISIS-Kämpfern aus Saudi-Arabien bei der Rückkehr in ihre Heimat geholfen. "Es waren drei Brüder, die nach Syrien gekommen waren, um gegen das Regime von Bashar al-Assad zu kämpfen. Als die ISIS-Leute dann anfingen, die Revolutionäre anzugreifen, wollten sie lieber wieder nach Hause. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen einfach ihre Waffen wegwerfen und in Zivilkleidung zu mir kommen. Der jüngste der Brüder war nur 16 Jahre alt", erzählt Abu Bakr.
"Dschihad-Tourismus" nimmt enorme Ausmaße an
Insgesamt hat der "Dschihad-Tourismus" nach Syrien, dem sich auch mehrere Hundert Muslime aus Europa angeschlossen haben, inzwischen ein Ausmaß angenommen, das auch Staaten beunruhigt, die den Strom sunnitischer Kämpfer in das Bürgerkriegsland anfangs noch wohlwollend beobachtet oder sogar aktiv gefördert hatten. König Abdullah von Saudi-Arabien hat vor drei Wochen verkündet, wer sich an bewaffneten Konflikten im Ausland beteilige, müsse nach seiner Rückkehr mit einer Gefängnisstrafe zwischen 3 und 20 Jahren rechnen.
Beobachter vermuten, dass der Monarch mit seinem Dekret zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen wollte: Er wehrt sich gegen den Vorwurf, das saudische Herrscherhaus fördere den "Dschihad" in Syrien. Gleichzeitig übermittelt er den bereits in Syrien kämpfenden Saudis, die nach ihrer Rückkehr eine Gefahr für die Stabilität seines Königreiches darstellen könnten, die Botschaft "Bleibt bloß, wo ihr seid, sonst landet ihr im Gefängnis!".
Letzter Halt auf dem Weg ins Paradies
Der UNO-Sicherheitsrat hat am vergangenen Wochenende eine Resolution verabschiedet, die alle ausländischen Kämpfer auffordert, das Bürgerkriegsland zu verlassen. Damit meint er nicht nur die ISIS-Terroristen, sondern auch die schiitischen Milizionäre, die zu Tausenden aus dem Libanon und aus dem Irak nach Syrien gekommen sind, um auf der Seite des Regimes von Präsident Assad zu kämpfen. Doch wer meint, Syrien sei sein letzter Halt auf dem Weg ins Paradies, der lässt sich auch von UNO-Resolutionen nicht aufhalten.












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