Live im Clash

Hayley Reardon: „Mir ist das Leben so passiert“

Musik
08.10.2025 09:00

Von Boston über Nashville hinaus in die ganze Welt – und dann wieder retour. Mit nur 29 Jahren hat Folk-Indie-Musikerin Halyey Reardon schon mehr gesehen als andere Menschen in einem vollen Leben. Was das für ihr Songwriting bedeutet und wie sie sich selbst verändert hat, erzählt sie im „Krone“-Talk. Heute Abend (8. Oktober) kann man sie gegen freie Spende im Wiener Clash begutachten.

kmm

Fein gesponnene Melodien, eine zarte, aber dennoch bestimmte Stimme und die Liebe zu den erdigen Klängen einer Akustikgitarre ziehen sich durch das Schaffen von Hayley Reardon, deren Sound immer ein bisschen so wirkt, als wäre er perfekt für die kühlen und tageslichtarmen Herbstmonate geschrieben. Zuletzt begeisterte sie ihre Fans im Frühling 2024 bei einem wundervollen Auftritt im Wiener Haus der Musik, seitdem ist auch ihr zweites Album „After Everything“ erschienen, das mit nur acht Songs die spannenden Stationen und Vorkommnisse der letzten Jahre ins Zentrum rückt. „Bei mir ist eigentlich andauernd etwas los“, lacht die sympathische Endzwanzigerin im „Krone“-Gespräch, „Wien ist überhaupt eine wundervolle Stadt und meine Gigs waren bislang immer schöne Erfahrungen.“ Mit Europa ist die Amerikanerin schon länger dick verbandelt, was vor allem daran liegt, dass sie schon sehr früh ins musikalische Nomadentum wechselte.

Alle Höhen und Tiefen
Geboren und aufgewachsen ist Reardon in einer Kleinstadt nördlich von Boston. Die Liebe zur Musik schien ihr in die Wiege gelegt worden zu sein und die Eltern unterstützten sie früh. „Für sie muss ich sowieso eine Lanze brechen. Sie haben mich immer gefördert und wollten mir diesen Traum auch nie ausreden. Sehr vielen Menschen werden auf dem Weg zu einer künstlerischen Karriere gerne Steine vor die Füße geworfen, bei mir war es immer das Gegenteil.“ Direkt nach der High School zog Reardon in die US-Musikmetropole Nashville. Drei Jahre lang erlebte sie dort alle Höhen und Tiefen. „Eine unglaubliche Stadt. Jeder Mensch ist dort Musiker, so wie in Los Angeles gefühlt jeder Mensch Schauspieler ist. Es herrscht in Nashville ein harter Wettbewerb, ich habe aber auch viel Unterstützung erfahren und habe sehr viel dazugelernt.“ Nach diesen drei Jahren, einem ersten Album und vielen Erfahrungen zog aber auch erstmals Desillusionierung in Reardons Gedankenwelt.

„Ich wollte wieder heim und habe gemerkt, dass es mir dort zu viel ist. Außerdem war ich da in einer Findungsphase und mir plötzlich nicht mehr sicher, ob ich alles auf eine Karte setzen soll.“ Zurück in der Heimat arbeitet Reardon als Blumenverkäuferin und in einem Restaurant, während die Eltern ihr nicht nur Stütze sind, sondern sie auch weiterhin aktiv motivieren und glaubhaft vermitteln, dass sie den Biss beibehalten sollte. Mitentscheidend für die verstärkte Konzentration auf das Musikalische war sicher, dass sie 2021 zu einer sechsmonatigen „Artist Residency“ im deutschen Dachau eingeladen wird. „Wenn man Dachau googelt, kommen in erster Linie die furchtbaren Bilder von der NS-Zeit mit dem Konzentrationslager. Einfach furchtbar, aber wenn man selbst dort ist und konzentriert arbeitet, die Liebe und Warmherzigkeit aller Menschen verspürt, dann macht das was mit einem.“ In Dachau feilt sie nicht nur an ihren Fähigkeiten, sie lernt auch zunehmend den alten Kontinent lieben.

Einmal überallhin und wieder zurück
Ihre Reisen führen Reardon unter anderem nach Barcelona. Eine folgenschwere Entscheidung, die zur Bekanntschaft des im Süden extrem bekannten Flamenco-Gitarrist Pau Figueres führt. Mit ihm sollte Reardon seither immer wieder zusammentreffen und ihrem folkloristischen Sound fortan neue und spannende Welten beimengen. Fix wohnhaft sollte sie eine Zeit lang nirgends sein. „Es war lange ein ständiges Hin- und Herpendeln. Ich kam in Barcelona mal für ein paar Monate unter, reiste dann wieder in die USA und blieb ein paar Monate im Elternhaus, bis es zurück nach Europa ging und ich dort wieder von Wohnung zu Wohnung hoppte.“ In der teutonischen Kreativmetropole Berlin blieb sie für ein gutes halbes Jahr, mittlerweile hat sie das Schicksal wieder in die Heimat gespült. „Wenn mir vor ein paar Jahren jemand gesagt hätte, ich würde mit Ende 20 in der Nähe meiner Heimatstadt leben, hätte ich ihn ausgelacht. Ich lebe in einem kleinen, feinen Haus in Gloucester, Massachusetts. Nach all meinen Reisen bin ich nun gerade einmal 45 Minuten von meinen Eltern entfernt.“

Die geografische Unstetigkeit hat auch im zwischenmenschlichen und kreativen Bereich ihre Spuren hinterlassen. „Ich habe mich lustigerweise nie als große Abenteurerin gesehen, aber dieses Leben ist mir einfach passiert und ich habe es zugelassen. Der Nachteil daran ist, dass ich in den jeweiligen Städten dann auch nur in ziemlich isolierten Communitys unterwegs bin und sehr oft mit Ungewissheit und Unsicherheit konfrontiert bin. Möglicherweise bin ich mutig. Ich gehe immer dorthin, wo ich das Gefühl habe, gerufen zu werden.“ Das Reisen habe Reardon nicht nur als Mensch an sich, sondern auch als Songwriterin enorm schnell wachsen lassen. „In den Liedern verarbeite ich mein Wachstum. Die Art und Weise, wie ich in meinem Leben voranschreite. Das Songschreiben fühlt sich für mich wie eine warme Umarmung an und es ist die einzige Form, in der ich all die Komplexitäten meines Lebens und Seins gut bündeln kann.“

Live im Wiener Clash
Die Songs entstehen aus den erlebten Momenten ihres Lebens und vorwiegend intuitiv. „Ich bin nicht die Art von Songwriterin, die abends beim Filmschauen einschläft, träumt und das unterbewusst Verarbeitete dann in melodische Songs verpackt. Es geht immer um interne Prozesse, die ich durch die Musik filtere und die meine Welt widerspiegeln. Das Songschreiben ist eine sehr introvertierte Arbeit, bei der nur wenige Vertrauensmenschen dabei sind.“ Hayley Reardon hat nie bewusst nach dem Ausbruch gesucht, sich ihm aber auch nicht widersetzt, als er ihr die bislang aufstrebende Karriere ermöglichte. „Manchmal ist es nicht so leicht, das Schiff zu navigieren und immer die richtige Richtung anzusteuern. Ich versuche es aber, so gut es geht.“ Gute Nachrichten für Reardon-Fans und Interessierte – heut Abend, 8. Oktober, spielt sie im Hauptraum des Clash im 9. Wiener Gemeindebezirk. Der Eintritt: eine freiwillige Hutspende. Ein absoluter Pflichttermin.

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